Lot 35
Otto Dix (Gera-Untermhaus 1891 – 1969 Singen)
„Schützengraben“. Um 1918
Gouache auf bräunlichem Papier. 39 × 41 cm ( 15 ⅜ × 16 ⅛ in.). Unten rechts signiert: DIX. Rückseitig mit Bleistift anfangs unleserlich bezeichnet: [...] Kampf.
Pfäffle G 1918/5.–
Randmängel. [3619]
Provenienz: Privatsammlung, Norddeutschland
Ausstellung: Otto Dix 1891-1969. München, Museum Villa Stuck, 1985, Kat.-Nr. 25, Farbabb. S. 38 / Otto Dix. Genua, Centro per le arti visive e Museo d'arte contemporanea di Villa Croce, 1986, Kat.-Nr. 78, Farbabb. S. 122 / Otto Dix. Berlin, Staatliche Kunsthalle, 1987, Kat.-Nr. 82, Farbabb. S. 133
Literatur und Abbildung: Auktion 36: Alte und Neue Kunst. Berlin, Galerie Gerd Rosen, 25.-29.4.1961, Kat.-Nr. 1149
Das Fundament des Gesamtwerks von Otto Dix bildet die Philosophie Friedrich Nietzsches: das Verhältnis von Eros und Tod. Die Welt ist bei Nietzsche ein richtungsloses Kraftfeld, das ohne die Kategorien von Gut und Böse auskommt, ein endloser Kreislauf von Werden und Vergehen. Künstlerisch kann man dieser elementaren Kraft durch Überhöhung und Harmonisierung begegnen oder aber durch ein uneingeschränktes Anerkennen der Unvollkommenheit der Welt. Man müsse, so Nietzsche, die Welt sinnlich erfahren, in all ihrer Triebhaftigkeit und animalischen Stärke - und somit auch in ihrer Hässlichkeit. Auf dieser Grundlage können wir die Worte des Malers aus dem Ersten Weltkrieg verstehen: „Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen! Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen“ (zit. nach Ausst.-Kat. Otto Dix, Museum Villa Stuck München, 1985, S.11).
Neben den Lehren Nietzsches war es der italienische Futurismus mit seiner Sichtbarmachung von Bewegungen im Bild, der Dix faszinierte. Unsere Gouache von 1918 zeigt die Aneignung dieser „futuristischen“ Technik sehr deutlich. Dem Schrecken der Schützengräben begegnet der Maler mit künstlerischer Distanz: Er berichtet nicht sachlich und nüchtern über die unfassbaren Gräuel des Krieges. Vielmehr breitet er das Geschehen wie auf einer Bühne vor uns aus, ein Welttheater, vor dem man erstaunt und schockiert verharrt. Körper, die sich im Fallen drehen, werden von kreisenden Farbbahnen umhüllt. Fontänen von Blut, verzerrte Gesichter, weit aufgerissene Augen, emporfliegende Arme, erstarrte Hände: all dies übergossen mit einem Meer aus Farben. Zwar sind im „Schützengraben“ Einzelheiten erkennbar, aber es scheint Dix dabei offensichtlich nicht um konkrete Ereignisse, sondern mehr um die Verdeutlichung einer universellen, existenziellen Situation zu gehen. Im Farbrausch manifestiert sich die Entfesselung, der, so Dix, niemand entrinnen kann.
OH
Otto Dix (Gera-Untermhaus 1891 – 1969 Singen)
„Schützengraben“. Circa 1918
Gouache on brownish paper. 39 × 41 cm ( 15 ⅜ × 16 ⅛ in.). Signed lower right: DIX. On the reverse inscribed in pencil, partially illegible: [...] Kampf.
Pfäffle G 1918/5.–
Imperfections in the margin. [3619]
Provenienz: Private collection, Northern Germany
Ausstellung: Otto Dix 1891-1969. Munich, Museum Villa Stuck, 1985, cat. no. 25, colour ill. p. 38 / Otto Dix. Genua, Centro per le arti visive e Museo d'arte contemporanea di Villa Croce, 1986, cat. no. 78, colour ill. p. 122 / Otto Dix. Berlin, Staatliche Kunsthalle, 1987, cat. no. 82, colour ill. p. 133
Literatur und Abbildung: Auction 36: Alte und Neue Kunst. Berlin, Galerie Gerd Rosen, 25.-29.4.1961, cat. no. 1149
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