Lot 4
Paula Modersohn-Becker (Dresden 1876 – 1907 Worpswede)
„Brustbild eines Mädchens nach links vor Birken“. 1903
Tempera auf Pappe. 39 × 34,2 cm ( 15 ⅜ × 13 ½ in.). Unten rechts datiert: 03.
Busch/Schicketanz/Werner 426.–
Rückseitig: Baumstudie. [3014]
Provenienz: Herma Weinberg, Schwester der Künstlerin, Berlin (um 1908, seitdem in Familienbesitz)
Ausstellung: Paula Modersohn-Becker. Hannover, Kestner-Gesellschaft, 1934 (außer Katalog)
Im Februar 1903 war Paula Modersohn-Becker nach Paris gereist, um an der Akademie Colarossi Zeichenunterricht zu nehmen und mit Clara Rilke-Westhoff und Rainer Maria Rilke eine Reihe von Ausstellungen zu besuchen. Auch wenn ihr Aufenthalt nur wenige Wochen dauerte, so waren diese doch angefüllt mit Eindrücken und Anregungen, von denen sie in der dörflichen Welt Worpswedes noch lange zehren sollte. Im März war sie wieder zurück und widmete sich mit neuem Schwung ihren Porträtstudien. Damals entstand auch dieses wunderbare „Brustbild eines Mädchens nach links vor Birken“.
Modersohn-Becker hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre Modelle unter freiem Himmel zu malen, da ihr dies Arrangements erlaubte, welche ihren künstlerischen Absichten besonders entgegenkamen. So auch hier: Die spröden, herben Erdtöne, die sie für die Landschaft verwendete, findet man auch in dem Umhang, den das Mädchen trägt. Auf diese Weise verbindet die Malerin beide schon auf einer formalen Ebene. Die Komposition erhält dabei durch den zart hellblaugrauen Himmel, die Weißhöhungen auf der Wiese im Hintergrund, die Lichtreflexe am Birkenstamm, vor allem aber durch den konzentrierten Blick des Mädchens aus graublauen Augen aufregende, an Spannungen reiche Kontrapunkte.
Auch in den Details erweist sich Modersohn-Becker als Koloristin von hohen Graden: Man mag in den rötlichen Spuren im Antlitz der Porträtierten und am Baumstamm hinter ihr einen Widerschein der langsam an Kraft gewinnenden Märzsonne erkennen. Die Künstlerin hat dies aber auch zum Anlass genommen, ihrem Publikum ein weiteres Indiz dafür zu liefern, wie eng verknüpft die Menschen und die Landschaft hier sind.
Mit diesem berührenden Gemälde hat es jedoch noch in anderer Hinsicht eine besondere Bewandtnis: Es stammt nämlich aus der Sammlung der neun Jahre jüngeren Schwester der Künstlerin, Herma Weinberg. In ihren Erinnerungen an Paula Modersohn-Becker beschrieb sie nicht nur, wie es der Malerin darum gegangen sei, „einen Kopf ‚auf der Luft‘ zu malen“. Sie schilderte auch, welchen Eindruck sie von ihrer Schwester gewann, wenn sie ihr einmal selbst Modell saß: „[...] ich begriff, dass es irgendwie gar nicht auf mich und eine wohlwollende Darstellung meiner Person ankam, und ich hätte mich nie ihrem Wunsche entziehen mögen. Da war etwas so durchaus Zwingendes in der Leidenschaft ihres Arbeitens, in der Sicherheit ihres Berufenseins bei stets erneutem Tasten nach dem richtigen Wege, [...] in der vertieften Innerlichkeit des Blickes der großen braunen Augen, das mich die Langeweile und Anstrengung des Stillsitzens überwinden ließ“ (zit. nach: Herma Weinberg: Erinnerungen der Schwester, abgedruckt in: Günter Busch und Wolfgang Werner: Paula Modersohn-Becker. Das Werkverzeichnis der Gemälde. Bd. 1, München 1998, S. 44). Der tiefe, existenzielle Ernst, der Paula Modersohn-Becker zeit ihres Lebens leitete, er spricht auch aus diesem ruhigen und zugleich sehr lebendigen Bildnis eines Mädchens. ET
Paula Modersohn-Becker (Dresden 1876 – 1907 Worpswede)
„Brustbild eines Mädchens nach links vor Birken“. 1903
Tempera on cardboard. 39 × 34,2 cm ( 15 ⅜ × 13 ½ in.). Dated lower right: 03.
Busch/Schicketanz/Werner 426.–
On the reverse: tree study. [3014]
Provenienz: Herma Weinberg, sister of the artist, Berlin (circa 1908, thence by descent to the present owner)
Ausstellung: Paula Modersohn-Becker. Hannover, Kestner-Gesellschaft, 1934 (not in the catalogue)
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