Lot 143
Philipp Otto Runge (Wolgast 1777 – 1810 Hamburg) „Bildnis Friedrich Perthes“. 1799 Kreide, weiß gehöht, auf braunem Papier. 51,2 × 41 cm ( 20 ⅛ × 16 ⅛ in.). Werkverzeichnis: Traeger 50.– Leicht stockfleckig. Minimale Verluste in der Papieroberfläche. Kleiner Randeinriss. [3133] Provenienz: Nachlass des Künstlers (bis 1938) / Ernst Henke, Essen (erworben 1938 auf der Auktion bei Boerner, bis 1974, seitdem in Familienbesitz) Ausstellung: Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik. Hamburg, Hamburger Kunsthalle, und München, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, 2010/11, S. 246, Abb. S. 247, u. S. 392, Kat.-Nr. 190 (nicht ausgestellt) Literatur und Abbildung: Gustav Pauli: Die Hamburger Meister der guten alten Zeit. München, Hyperionverlag, 1925, S. 32 / Kurt Detlev Möller: Johann Daniel Runge, der Bruder des Malers Philipp Otto Runge. In: Hamburger geschichtliche Beiträge. amburg 1935, S. 179-237, hier S. 195 u. 234 / Otto Böttcher: Philipp Otto Runge. Sein Leben, Wirken und Schaffen. Hamburg, 1937, S. 194 / Weltkunst, 1938, Nr. 24/25, Abb. S. 4 / Versteigerungskatalog 199: Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit, dabei ein Teil des Nachlasses von Ph. O. Runge aus dem Besitze der Familie. [...]. Leipzig, C. G. Boerner, 25.5.1938, Kat.-Nr. 84 („Bildnis eines jungen Herren“), Abb. Tf. V / Das Reich, Nr. 7, 7.7.1940, Abb. S. 17 / Karl Friedrich Degner (Hg.): Philipp Otto Runge. Briefe in der Urfassung. Berlin, Nicolai, 1940, S. 32-33, S. 414, Abb. Tf. 5 / Christian Adolf Isermeyer: Philipp Otto Runge. Berlin, Rembrandt-Verlag, 1940 , S. 114 u. S. 125, Abb. 4 / Arthur von Schneider: Deutsche Romantiker-Zeichnungen. München, Prestel, 1942, S. VIII, Abb. 1 / Herbert von Einem: (Rezension von Isermeyer 1940). In: Zeitschrift für Kunstgeschichte, Jg. 12, 1949, S. 113-117, hier 117 / Bernhard Dörries: Zeichnungen der Frühromantik. München, Bruckmann, 1950, Abb. S. 74 / Wolf Stubbe: Philipp Otto Runge und seine Angehörigen. In: Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen, Bd. 5, 1960, S. 53-68, hier S. 54 / Gunnar Berefelt: Philipp Otto Runge zwischen Aufbruch und Opposition 1777–1802. Stockholm 1961, S. 92-93, Anm. 1 / Marianne Bernhard (Hrsg.): Deutsche Romantik, Handzeichnungen. Carl Blechen (1798–1840) bis Friedrich Olivier (1791–1859). 2 Bände. München, 1973, hier Bd. II, Abb. 1518 / Uwe M. Schneede: Philipp Otto Runge. Hamburg, Ellert & Richter, 2010, S. 57-58 / Uwe Fleckner: Eine sonderbare Gattung. Die Bildnisse von Philipp Otto Runge. In: Markus Bertsch u.a. (Hg.): Kosmos Runge. Das Hamburger Symposium. München, 2013, S. 117-127, hier S. 117 u. S. 118, Abb. 1 Hinrich Sieveking: Eine Seelen-Landschaft - Runges einzigartihges Portrait seines Freundes Perthes Die Portrait-Zeichnung des Friedrich Perthes von Philipp Otto Runge tauchte erstmals als anonymes Bildnis „eines jungen Herren“ auf dem Kunstmarkt auf, als sie mit einem sehr bedeutenden Teil von Runges Nachlaß, der immer von den Nachfahren gehütet worden war, 1938 bei C.G. Boerner in Leipzig versteigert wurde. Seither war sie auch photographisch dokumentiert, wodurch es Christian Adolf Isermeyer überzeugend gelang, den Dargestellten mit Friedrich Perthes zu identifizieren (C. A. Isermeyer, Philipp Otto Runge, Berlin 1940, Abb. 4, S. 125). In der letzten umfassenden retrospektiven Runge-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle im Jahre 2010 konnte sie weder in Hamburg noch in München ausgestellt werden, weil ihr Verbleib unbekannt war. Aufgrund ihrer künstlerischen Bedeutung hatte sie aber eine eigene Nummer und einen Textbeitrag mit ganzseitiger Abbildung im Katalog (Kat. Nr. 190, S. 246f.). Im Gesamtwerk Runges spielt das Portrait eine gewichtige Rolle, auch wenn ihm die Materie zum Broterwerb nicht zusagte. In der Zeit seiner ersten künstlerischen Ausbildung schuf er zahlreiche Bildnisse im engeren Familien- und Freundeskreis. Seine ausgesprochene Begabung für das Portrait zeigte sich schon früh in einer Folge qualitätsvoller Bildnis-Zeichnungen, die zwischen dem 31. Juli und dem 18. Oktober 1799 entstanden, dem Datum seiner Abreise nach Kopenhagen. Unter diesen befand sich auch das halbfigurige Portrait von Friedrich Perthes. Das Blatt zeigt ungefähr die ursprünglichen Maße, wie der Vergleich mit der anderen Blättern der Folge nahe legt, läßt allerdings Spuren von Beschneidung erkennen, die wohl noch vom Künstler selbst vorgenommen wurde. Wie die anderen Beispiele der Folge ist das Bildnis in akademischer Manier in schwarzer Kreide auf bräunlichem Papier gezeichnet, das hier leicht verblichen ist. Der Bildfond ist durch unterschiedlich verdichtete Parallel- und Kreuzschraffuren nach den Rändern hin dunkler angelegt und hellt sich dort auf, wo sich der Kopf im Licht plastisch abhebt durch malerisch modellierende Weißhöhung, die der Lichtführung folgt. Perthes’ Kopf ist in das vom oberen Bildrand zur Bildmitte hin spitz zulaufende gleichschenklige Dreieck hineinkomponiert, das von den Diagonalen im Hochrechteck des Blattes gebildet wird, mit der Folge des Fokus auf das Antlitz. Während die untere Bildhälfte eher summarisch und in Umrissen skizziert ist, sind Kopf, Hals und Schulterpartie der oberen sorgfältig bildmäßig ausgeführt. Dem unvollendet skizzenhaften Charakter der Darstellung entspricht die spontane Erfassung eines Moments in der Haltung des an einem Tisch Sitzenden. Diese Haltung ist nicht so sehr gestellte Pose, sondern eher sorgfältige Beobachtung eines Vorgangs auf der Suche nach dem Wesen des Dargestellten, auf der Suche nach Wahrheit. Perthes sitzt dicht am Rande eines Tisches, den linken Arm - am unteren Bildrand angeschnitten - im Vordergrund auf die am unteren Bildrand bildparallele Tischplatte gestützt, leicht aus der Frontalität nach links im Bild ins Dreiviertel-Profil gewendet. Während uns der abgestützte Arm vorn mit der Energie ausstrahlenden, mit deutlichen Strichen umrissenen, eher kraftvollen linken Hand den Dargestellten näher bringt, scheint sein verfeinert ausmodelliertes sanftes Gesicht mit dem Ausdruck höchster Sensibilität ein wenig nach hinten entrückt zu sein. Der Dargestellte hält ein Buch unbestimmten Inhalts mit beiden gehobenen Händen geöffnet vor sich. Der rechte Arm ist kaum zu erkennen, lediglich drei Finger der rechten Hand scheinen beim Blättern einer Seite des Buches inne zu halten. Die Augen sind empor gerichtet, blicken unbestimmt über den Rand des Buches hinaus. Sie sind zugleich nach innen gewandt, zeigen Perthes nachdenklich versonnen, beschäftigt mit dem Gelesenen, beschäftigt mit sich selbst. Ein leiser Zug Melancholie umflort dieses anrührende Antlitz von großem Ernst, Ausdruck einer tiefen Wesensverwandtschaft zwischen Künstler und Portraitiertem. In ihm drückt sich erstmals Runges Begabung für erlittene Wahrheitsfindung im Bildnis aus. Wir erfahren viel über den Menschen Friedrich Perthes zwischen Meditation und Aktion, einen Mann des Geistes, aber auch der unternehmerischen Tatkraft, auf die die Hand verweist, dem das Buch, Information und Bildung verkörpernd, wichtig ist, der Literatur und Wissenschaft liebt, in einem Moment, als der Dargestellte selbst seine bedeutende Rolle im deutschen Geistesleben der Epoche noch nicht gefunden und öffentlich bewiesen hatte und als der Künstler sich eine solche sicherlich noch nicht vorstellen konnte. Zahlreiche gegenseitige Zeugnisse bekunden die enge Verbindung zwischen Friedrich Perthes und Philipp Otto Runge: Perthes fühlte sich dem Werk des Künstlers sein Leben lang verbunden und verpflichtet. Noch zu seinen Lebzeiten publizierte er 1807 in seinem Verlag die zweite Ausgabe der auf Kupfer gestochenen und radierten Folge der „Zeiten“, dem eigentlichen Hauptwerk des Künstlers, das als Entwurf am Anfang eines durch frühen Tod unvollendeten Gesamtkunstwerks Fragme
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