Lot 142
Philipp Otto Runge (Wolgast 1777 – 1810 Hamburg) „Die Zeiten“ (Vierteiliger Zyklus). 1802-05 Jeweils Kupferstich und Radierung auf Papier. Jeweils ca. 71 × 47,5 cm ( 28 × 18 ¾ in.). Werkverzeichnis: Traeger 280 A – 283 A (von B).– Eines von 25 Exemplaren der ersten Auflage von 1805. Gedruckt von Johann Adolph Darnstedt (1769-1844), Ephraim Gottlieb Krüger (1756-1834) und Johann Gottlieb Seyfert (1761-1824) in Dresden. Hamburg, Verlag von Friedrich Perthes, 1805. Sehr selten. Sorgfältig restauriert. [3028] Traeger weist neun Exemplare der ersten Auflage in diesen Museen (bzw. ihren Nachfolge-Instituten) nach: Berlin, Kupferstichkabinett (1. Aufl. Kriegsverlust; nur 2. Aufl. vorhanden); Chemnitz, Grafische Sammlung der Kunstsammlungen Chemnitz (am 19. Juni 1937 auf der Versteigerung 195, Los 730, bei C.G. Boerner in Leipzig erworben; Inv.-Nr. 37-5 a-d); Frankfurt a.M., Freies Deutsches Hochstift, Frankfurter Goethe-Museum (1966 erworben aus dem Nachlass von Irene Forbes-Mosse, Enkelin von Bettine von Arnim; Inv.-Nr. III-14219 a-d); Greifswald, Pommersches Landesmuseum (1928 erworben durch das Stadtmuseum Stettin von Therese Runge, Stargard; Inv.-Nr. 827-830); Hamburg, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett (1. Aufl.: Inv.-Nr. 45252–42255; zweimal in der 2. Aufl., Inv.-Nr. 34112–34115 und 1931-30–1931-33) und Museum für Kunst und Gewerbe, Grafische Sammlung (um 1900 erworben; nicht inventarisiert; 1. und 2. Aufl. vorhanden); Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle, Kupferstichkabinett (vor 1908 erworben als „4 ornamental-figürliche Kompositionen [Jahreszeiten]“; Inv.-Nr. II-2971-1 bis II 2971-4); Weimar, Klassikstiftung Weimar, Grafische Sammlungen (im Nachlass J.W. Goethe, 1806 als Geschenk des Künstlers); New York, Brooklyn Museum (1938 erworben; Inv.-Nr. 38.623-626). Ein weiteres Exemplar befindet sich in: New York, The Morgan Library & Museum (1985 erworben von der Gallerie Arnoldi-Livie, München; Inv.-Nr. 1985.70:1-4). Wir danken für freundliche Auskunft Anette Kindler, Kunstsammlungen Chemnitz, Grafische Sammlung; Dr. Mareike Hennig, Freies Deutsches Hochstift, Frankfurter Goethe-Museum, Frankfurt a.M.; Dr. Birte Frenssen, Pommersches Landesmuseum, Greifswald; Dr. Andreas Stolzenburg, Hamburger Kunsthalle, Hamburg; Dr. Jürgen Döring, Museum für Kunst und Gewerbe, Grafische Sammlung, Hamburg; Dr. Dorit Schäfer, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Kupferstichkabinett, und Viola Geyersbach, Klassik Stiftung Weimar, Graphische Sammlungen. "Werkzeuge für poetische Gedanken" Ludwig Tieck hatte es „aus der Fassung gesetzt“. Er war erstaunt, „bestürzt“, was seinem Freund Runge da gelungen war: ein Bilderzyklus, der auf das Abbilden einer sicht- und erzählbaren Wirklichkeit verzichtet und über das Abstrahieren einen Ausdruck für ein übergeordnetes Ganzes findet. Tieck hatte in seinem einflussreichen Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ (1798) die Frage nach den Möglichkeiten der Abstraktion für die Malerei selbst aufgeworfen: Ist eine Malerei denkbar, die ohne Geschichten, ohne Handlung und letztlich sogar ohne die Abbildung konkreter Objekte auskommt? Tieck ebenso wie Joseph Görres, einer der ersten Rezensenten der „Zeiten“, verstanden sofort: Runges in Arabesken eingebundene Figuren und Pflanzen waren keine Nachahmung eines Ideals im Sinne des vorherrschenden Klassizismus, sondern „kalligraphierte Formen“ – „Werkzeuge für poetische Gedanken“ (Görres 1807). Die Erneuerungsdynamik, die um 1800 alle Gebiete der schönen Künste (Bildende und Darstellende Kunst, Musik und Literatur) erfasste, stellte sich als äußerst fruchtbar und wegweisend für die Moderne heraus. Grundlegende Reflexionen über die Eigenschaften eines Bildes (Was ist ein Bild und wie verhält es sich zum Abgebildeten?) und das Überwinden von Grenzen für die Idee einer gattungsübergreifenden Kunstsynthese sind noch heute aktuell. Runge schuf mit den „Zeiten“ das wohl komplexeste bildkünstlerische Werk der Romantik. „Meine vier Bilder“, wie Runge seine Schöpfungen selbst wiederholt nannte, sind (s)ein konzeptuelles Hauptwerk – ein „Totalwerk“ im Sinne eines ersten, frühromantischen Gesamtkunstwerks, das Gattungsgrenzen aufhebt und „ohne äußeren Stoff oder Geschichte“ (Runge) alle Künste mit einbezieht. „Wenn sich das erst entwickelt“, schrieb Runge an Tieck 1803, „es wird eine abstracte mahlerische phantastisch-musikalische Dichtung mit Chören, eine Composition für alle drey Künste zusammen“. Musik, Poesie und Malerei vereint in einem Bildkonzept, das nicht mehr abbilden, sondern über die reine Form einen übergeordneten Zusammenhang zum Ausdruck bringen will, der dennoch materiell und damit erfahrbar ist. Erst kurz zuvor hatte Runge Haydns „Jahreszeiten“ in der Dresdner Hofkirche gehört. Das Oratorium spielt mit Analogien zwischen Jahreskalender und Lebensaltern in christlich-kosmologischen Dimensionen, wobei Solostimmen Klänge aus der Natur sinnlich erfahrbar machen. Runge ergriff der Gedanke an eine „innere“ Musikalität „durch Worte, Linien und Farben“, der ihn nicht mehr loslassen sollte. So wie Novalis und Wilhelm Schlegel, die Sprache als ein Zeichensystem definierten, mit dem der Dichter gestalten und Wirklichkeiten allein durch Einbildungskraft produzieren könne, basierte auch die Musik auf einer Reihung von Noten und damit von Zeichen, die, in ihrem Zusammenspiel gelesen und zum Schwingen gebracht, den Zugang zu Sphären geistiger Fülle und Vollkommenheit eröffnen konnten. Auch Runge, der Maler, verspürte eine Sehnsucht, „Worte zu finden, oder Zeichen, oder irgend etwas“, um Bilder und damit Welten zu erschaffen, die allein auf dem Gefühl des Künstlers basierten und zugleich den großen Zusammenhang mit Gott und Universum in seiner grenzenlosen Bedeutungsvielfalt offenbarten. Die „Zeiten“ – obwohl von Runge selbst mit „Morgen“ und „Abend“, „Tag“ und „Nacht“ betitelt – sind somit weit mehr als ein kalendarischer oder Lebenszyklus: Was Runge vorschwebte, war eine vielschichtige Allegorie auf das Absolute, auf eine die gesamte Existenz allen Lebens bestimmende göttliche Ordnung. Runge nannte seine Bilder „die vier Dimensionen des geschaffenen Geistes“. Ihre Bedeutungen und Zusammenhänge haben keinen Anfang und kein Ende, sie sind unendlich in ihrer göttlichen Dimension und ihren Beziehungen, sie sind „gränzenlos“: Der „Morgen“ ist die „gränzenlose Erleuchtung des Universums“, der „Tag“ die „gränzenlose Gestaltung der Creatur, die das Universum erfüllt“, der „Abend“ ist die „gränzenlose Vernichtung der Existenz in den Ursprung des Universums“ und die „Nacht“ ist die „gränzenlose Tiefe der Erkenntnis von der unvertilgten Existenz in Gott“, so Runge. Die Konsequenz, mit der Runge die Vielfalt der Bezüge und Durchdringungen in einem neuartigen Bildkonzept vereint, zeigt sich in der Wahl der Motive und künstlerischen Ausdrucksmittel als auch in der Komposition und modularen Struktur der vier Darstellungen. Die auf biblische und mythologische Verweise lediglich hindeutenden Figuren und Pflanzen werden von Runge in einen eigenen, gänzlich neuen Bildkosmos transferiert, wodurch sie ihre traditionelle Verortung und Bezüge, nicht aber ihren tradierten Zeichencharakter verlieren. Der Idee von Chiffren folgt auch die Wahl des stilistischen Mittels: Die strenge Umrisslinie unterstreicht den Fokus auf ein tendenziell abstrahierendes Formprinzip, das Runge hier nicht mehr zur Nachahmung eines Ideals im klassischen Sinn anwendet, sondern durch Reduktion und Konzentration den stellvertretenden, kennzeichnenden Charakter hervorzuheben sucht (er will die ideal-schöne Natur, z.B. eine Blume, nicht nachmalen und damit nachahmen, sondern er konzentriert sich auf ihre cha
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