Lot 617
Piero Manzoni
Achrome
Gefaltete Leinwand und Kaolin. 50 x 40 cm. In Plexiglaskasten gerahmt. Rückseitig auf dem Keilrahmen von fremder Hand bezeichnet "PieroManzoni `59". - Mit geringfügigen Altersspuren.
Celant (2004) 185
Battino/Palazzoli (1991) 305 BM
Celant (1975) 65 cg
Provenienz
Galleria Regis, Finale Ligure (mit rückseitigem Stempel); Sammlung Sesia, Turin; Galerie Karsten Greve, Köln; Privatbesitz, Nordrhein-Westfalen
Ausstellungen
Köln 1981 (Galerie Karsten Greve), Piero Manzoni, Arbeiten von 1957-1961, Ausst.Kat.Nr.16, o.S. mit Abb.
Piero Manzoni (1933-1963) zählt ohne Zweifel zu den wichtigsten Künstlern der italienischen Nachkriegszeit. Nur wenige Jahre bleiben ihm, um sein vielschichtiges, schillerndes, provozierendes und bisweilen seine Betrachter verstörendes Schaffen zu entwickeln und mit seinem folgenreichen Beitrag den radikalen Wandel der Kunst um 1960 anzustoßen. Wer kennt nicht die Provokation an der Gesellschaft zur damaligen Zeit auf die Spitze ausgereizt mit der im Kunsthandel erhältlichen, handlichen 90 Dosen zu je 30 Gramm merda d'artista - Künstlerscheiße! Das Konzept Provokation war aber nur ein künstlerisches Mittel, mit Lucio Fontana oder mit Yves Klein öffnet Manzoni ein neues Kapitel der Avantgarde: er erweitert Theorien und Tendenzen der abstrakten Malerei um Konzeptkunst und Performance, eine damals herausfordernde Bildsprache, die sich mit einer vollkommen eigenständigen Formulierung emanzipiert. Manzoni „tritt“ in die Welt, um sich selbst zu verwirklichen, durch eine verwandte Materie Bilder oder eine ästhetische Struktur zu erarbeiten und um sich körperlich zu engagieren mit seinem persönlichen Habitus und Verhalten. Manzoni handelt wie Yves Klein im Grenzbereich zwischen täglicher Kunst und täglichem Leben. Beide Künstler setzen ihren Körper ein, spielen mit dem Klang ihrer Stimme, um ganz authentisch zu sein, „nur zu sein“, so ein Ausspruch von Piero Manzoni.
Ein formales Prinzip letztlich auch, das damals von vielen Künstlern auf unterschiedliche Weise angewendet wird, etwa in Deutschland von den ZERO-Künstlern Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker oder jenen, die die Wege von ZERO anverwandt kreuzen, eben in Italien mit Lucio Fontana, Piero Manzoni, Enrico Castellani, Gianni Colombo und anderen, in Frankreich mit Yves Klein, François Morellet und Jesús Rafael Soto oder in den Niederlanden mit Armando und Jan J. Schoonhoven um nur wenige zu nennen. In der Überwindung des informellen Gestus suchen diese Künstler eine neutrale Bildform, die auf keinen malerischen Vorgang oder bedingt malerisches Element bezogen ist.
So gesehen sind Manzonis früheste Werke eine Art Akt der Wahrnehmung, etwa Scheren oder Zangen auf Leinwand: Bild und Materie spiegeln Manzonis Bewusstmachung einer alltäglichen Realität. Schon bald reduziert er diese optischen Bezüge und lässt sie fallen etwa zu Gunsten des hier vorgestellten Werkes: Es gehört zu den sogenannten Achromes, eine umfangreiche Werkreihe - etwa mit den Concetto spaziale Lucio Fontanas vergleichbar -, die seit etwa 1957 Manzoni beschäftigt. Mit dieser ihm eigenen Wortschöpfung und Betitelung entsprechender Arbeiten zielt der Künstler auf die in den Vereinigten Staaten sich aus dem abstrakten Expressionismus ableitende, monochrome (einfarbige) Malerei, deren Vielschichtigkeit er mit seinen - a chromen - ‚unfarbigen', aber keineswegs farblosen „Falten und Strukturen“ auf Holz, Leinwand und anderen Trägern erweitert. „Das Achrom ist also das gegenständliche Leben“, so der in Genua geborene Kunsthistoriker Germano Celant im Katalog der Kölner Galerie Karsten Greve, „[es] kann als Einheit und Moment verstanden werden, aber auch als homogene Folge eines einzigen Wesens, das sich in Zeit und im Raum entwickelt. Auf den ersten Blick kann es im Laufe der Jahre Unterschiede im Material und in der Art aufweisen, aber seine Ausdrucksform setzt sich fort; ist Ausdruck einer lebendigen dynamischen Anwesenheit. Zweifellos kann man deshalb das Achrom als konkretes Wesen sehen, das, wie das Wesen Piero Manzoni, bleibende Spuren hinterläßt.“ (Germano Celant, in: Piero Manzoni, Arbeiten von 1957-1961, Galerie Karsten Greve, Köln 1981, S.41). Das Achrome beherbergt also eine individuelle Geschichte: die Leinwand ist auf sich zurückgestellt, wesenhaft und anonym zugleich und ohne Farbe. So bietet das Achrome auch Räume für den Einsatz weiterer, typischer Materialien des Künstlers: Watte, Glasfaser, Brot, Felle, Stroh, Polystyrol und anderes mehr. „Ein Bild“, so Manzoni, „ist gültig insoweit, als es totales Sein ist; es braucht nichts auszusagen, nur zu sein; zwei Farben oder zwei Tönungen der gleichen Farbe sind bereits in Beziehung, die der Bedeutung der Oberfläche fremd ist, die als einzige unbegrenzt und absolut dynamisch ist.“ Germano Celant in: Piero Manzoni. 1933-1963 Ausst.Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München u.a., München 1973, o.S.). Mit in Gips oder in diesem Fall in Kaolin (weiße Porzellanerde) getränkte Stoffe, wie hier in diesem Bild horizontal gefaltet und über einen Träger gezogen, entzieht sich Manzoni der Malerei im klassischen Sinn; in ihrer subtilen Objekthaftigkeit bricht Manzoni die Strenge ebenmäßiger Fläche, die nicht zuletzt in der Verteilung von Licht- und Schattenszonen die Oberfläche raffiniert belebt und öffnet mit den verschiedenen Valeurs eines Tones, eine an und für sich ‚unmalerische', jedoch ungemein sinnliche Geste.
Piero Manzoni
Achrome
Folded canvas and kaolin. 50 x 40 cm. Framed in plexiglass case. Inscribed "PieroManzoni `59" in an unknown hand verso on stretcher. - Minor traces of age.
Celant (2004) 185
Battino/Palazzoli (1991) 305 BM
Celant (1975) 65 cg
Provenance
Galleria Regis, Finale Ligure (stamp verso); Sesia collection, Turin; Galerie Karsten Greve, Cologne; private possession, North Rhine-Westphalia
Exhibitions
Cologne 1981 (Galerie Karsten Greve), Piero Manzoni, Arbeiten von 1957-1961, exhib.cat.no.16, n.pag. with illus.
Piero Manzoni (1933-1963) is without doubt one of the most important artists of the Italian post-war period. Only a few years remained for him to develop his multi-layered, scintillating and provocative work, at times bewildering for his viewers, and to initiate the radical change of art around 1960 with his far-reaching contribution. Everybody had heard of the extreme provocation of society at that time with the practical 90 cans of merda d'artista at 30 grams each - artist shit! However, the concept of provocation was only an artistic means; with Lucio Fontana or Yves Klein Manzoni opened up a new chapter of the Avant-Garde: he expanded theories and trends in abstract painting by conceptual art and performance, a challenging visual language that emancipated itself with a completely independent formulation. Manzoni “stepped” into the world in order to realise his full potential, to elaborate images or an aesthetic structure through related matter and to become physically engaged with his personal habitus and behaviour. Manzoni acted, as did Yves Klein, on the borderline between daily art and daily life. Both artists used their bodies, played with the sound of their voices to be completely authentic, 'just to be', said Piero Manzoni.
A formal principle that was ultimately also used by many artists in many different ways, for example in Germany by the ZERO artists Heinz Mack, Otto Piene and Günther Uecker or those who cross the paths of ZERO, in Italy with Lucio Fontana, Piero Manzoni, Enrico Castellani, Gianni Colombo and others, in France with Yves Klein, François Morellet and Jesús Rafael Soto or in the Netherlands with Armando and Jan J. Schoonhoven to name but a few. In overcoming the informal gesture, these artists seek a neutral pictorial form that is not related
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