Lot 703
Raimund Girke (Heinzendorf 1930 – 2002 Köln ) Ohne Titel. 1958 Dispersionsfarbe auf Leinwand. 55 × 60 cm ( 21 ⅝ × 23 ⅝ in.). Auf dem Spannrahmen links oben mit Bleistift mit einem Richtungspfeil versehen, oben signiert und datiert: GIRKE 58 (auf dem Kopf). [3143] Provenienz: Privatsammlung, Süddeutschland (vom Künstler erhalten) Ausstellung: Kunst nach 45 aus Frankfurter Privatbesitz. Frankfurt a.M., Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, 1983, S. 150 mit Abb Raimund Girke wurde 1930 in Niederschlesien geboren und studierte 1952–1956 an der Kunstakademie Düsseldorf. Bereits seit Anfang der 1950er-Jahre verwandelte Girke das traditionelle Verhältnis von sich abhebendem Vordergrund und illusionistisch „dahinter“ liegenden Schichten zunehmend in eine plane Gleichwertigkeit aller Blickpunkte und Flächenwerte. Spätestens 1956 überwand er auch die betont subjektive Gestik des Informel und füllte die Bildfläche mit einer nichthierarchischen Struktur aus. Meist bestand sie aus rhythmisch aufeinanderfolgenden Farbspuren, die wie in geschriebenen Zeilen die gesamte Fläche überziehen. Girke löschte die Strahlkraft markanter Farben und gelangte 1957 zu beinahe tastbaren, vorn liegenden weißen und schwarzen Farbpasten, die sich durchdringen, überlagern und vermischen. Das Werk „Ohne Titel“ von 1958 präsentiert auf eindrückliche Weise diese neue gleichwertige Durchdringung von Vorder- und Hintergrund. Die gleichmäßige, schuppenartige Struktur verhindert ein Hervortreten einzelner Formen, und die leicht schrägen Verläufe schließen sie eng gegenüber dem Bildformat zusammen. Und dennoch, trotz dieser Konkretisierung der Oberfläche, entwickelt das Bild furiose malerische Qualitäten, die ihre reliefhaften Verkrustungen wieder vollständig aufbrechen. Moorig ungreifbare Untergründe und sogar nächtlich-schwarze Raumvorstellungen dringen zwischen weißlichen Flecken und Schollen nach vorn. Ihre sich steigernde Helle vermischt sich wiederum mit dem Dunkel und taucht in eine haltlose Tiefe ein. Optisch „schnelle“ Bewegungen versetzen die gespachtelten und schuppenartigen Farbpasten in eine flüssige, leichte und momenthafte Unruhe. Im oberen Bildbereich werden die rhythmischen Folgen eher vom vorn liegenden Weiß getragen, rechts und unten mehr von schwärzlich sich verflüssigenden Zwischenräumen aufgesogen. Es entstehen Bewegungsabläufe, die nicht von den Pinselspuren ausgehen, sondern von den gestuften Ähnlichkeiten und Abweichungen, von denen die Gesamtheit der Bildfläche in gegenläufigen Ansätzen erfasst scheint. In einem Text von 1986 formulierte der Basler Kunsthistoriker Gottfried Boehm, Girkes Bilder verweigerten „die eindeutige Unterscheidbarkeit von Vorn und Hinten, […] von Form und Feld“ und „entregelten“ damit die Konventionen des Sehens: „In dem Medium des ‚weißen Farbsatzes‘ verschmelzen Bildfigur und Bildgrund. Der optische Prozess erzeugt eine Instabilität, die wir als Wahrnehmung des Schwebens, der Unverortbarkeit mit dieser Malerei engstens verbinden.“ Für die „anschauliche Vieldeutigkeit“ von Girkes Bildern könne man keine Regeln angeben, wohl aber ließen sie sich „sinnlich nacherfahren“ und böten so die „Chance eines stummen Einklangs mit dem Betrachter“ (Gottfried Boehm: Im Grenzbereich. Der Maler Raimund Girke, in: Raimund Girke. Malerei 1956/1986 (Kat.), Neuer Berliner Kunstverein 1986). Bereits in diesem frühen Werk zeigt sich, wie Girkes Malerei eine methodische Gleichmäßigkeit aufweist und zugleich eine momenthaft-malerische Spontaneität. Das eine verbindet sich permanent mit dem anderen – und kontrastiert dazu immer auch von innen heraus. Die Regelmäßigkeit und die Beschränkung auf Stufungen zwischen Schwarz und Weiß bedeuten bei Girke keine Reduktion auf die stille Nuance, sondern eine durchdringende Dynamisierung. Stets präsentiert sich das Geschehen des Bildes als Entwurf einer in sich bewegten Ganzheit. Girke betonte einerseits das Zurückgehaltene der „Farbe als etwas Ruhendes und Schweigendes“, aber er sprach auch von ihrer „latenten Energie“ (Raimund Girke: Texte (1974, 1975), in: Raimund Girke. Arbeiten auf Leinwand und Papier (Kat.), Kunstverein Braunschweig 1979, S. 22). „Ich will in meinen weißen Bildern den Bildraum nicht fixieren, sondern das Bild in ein Stadium führen, das über die Bewegung in der Fläche hinaus die unbegrenzte räumliche Bewegung ermöglicht.“ (Raimund Girke, in: Europäische Avantgarde (Kat.), Galerie d, Frankfurt am Main 1963). Erich Franz Raimund Girke (Heinzendorf 1930 – 2002 Cologne ) Untitled. 1958 Emulsion paint on canvas. 55 × 60 cm ( 21 ⅝ × 23 ⅝ in.). On the stretcher upper left with a directional arrow in pencil, at the top signed and dated: GIRKE 58 (upside down). [3143] Provenienz: Private collection, southern Germany (acquired from the artist) Ausstellung: Kunst nach 45 aus Frankfurter Privatbesitz. Frankfurt a.M., Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, 1983, p. 150 with illustration
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Art Contemporain
10719 Berlin - Allemagne
02/06/2017
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