Lot 224
Richard Müller (Tschirnitz/Böhmen 1874 – 1954 Dresden-Loschwitz)
„Fuchs im Hühnerhof“ (Der Hühnerdieb). 1926
Öl auf Leinwand. 120 × 201 cm ( 47 ¼ × 79 ⅛ in.). Oben in der Mitte datiert und monogrammiert (ineinandergestellt): 1926 RM. Auf dem Keilrahmen der Stempel in Schwarz: Nachlaß Prof. Rich. Müller Dresden. Außerdem ein Etikett der Galerie Brockstedt, Hamburg.
Wodarz M 1926.01.–
[3202]
Provenienz: Aus dem Nachlass des Künstlers
Ausstellung: Richard Müller. Ölbilder, Zeichnungen, Radierungen. Hamburg, Galerie Brockstedt, und Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1974/75, Kat.-Nr. 18, m. Abbildung
Literatur und Abbildung: Zeitmagazin, Nov. 1974, m. Abb. / Rolf Günther: Richard Müller. Leben und Werk mit dem Verzeichnis der Druckgraphik. Dresden, Neumeister, 1995, Abb. S. 47
In den Höhlen aus prähistorischer Zeit waren Tiere die Helden, und auch später hat man sie noch oft gemalt. Häufig sitzen oder stehen sie einfach nur da, so wie der Hase bei Dürer und die Pferde von Stubbs. Ansonsten sieht man sie zumeist im Kampf. Löwen stürzen sich auf Antilopen, Hirsche werden von Menschen gejagt. Um 1900 kommen Tiermaler an die Akademien, und Franz Marc will die Welt mit den Augen eines blauen Fohlens sehen. Das ist alles ziemlich ernst, und lustig wird es erst, wenn Frans Snyders seine Vögel im Chor singen lässt. Er ist ein direkter Vorläufer des Malers Richard Müller, dem wir eine Reihe von Bildern verdanken, in denen Tiere eine tragende Rolle spielen.
Theatralisch ist das allemal, und bühnenartig angelegt ist auch das große Gemälde von 1926, das einen dramatischen Vorfall auf dem Hühnerhof zeigt. Durch die Diagonale, die von links oben nach rechts unten verläuft, teilt sich das Bild in zwei Hälften. Die eine ist bis ganz nach vorn gefüllt und dermaßen mit Stroh und Mist und hektischen Hühnern vollgestopft, dass sich die Figuration schon fast auflöst. Die andere Hälfte öffnet sich dagegen vor einer gemalten Landschaft ins Luftige und Freie. Hier streckt sich der Fuchs, um seine eindrucksvolle Pose einzunehmen. Er hat den Hahn am Kopf gepackt, und so entsteht aus Schnauze, Kamm und Schnabel ein neuer Kopf für beide Tiere, und ebenso vereinen sich auch ihre Körper zu einer hybriden Kreatur mit rotem Fell und bunten Flügeln, die wie ein chinesischer Drache durch die Luft flattert. Da müssen unten auf der Erde auch die beiden weißen Hennen zu einem Fantasiegeschöpf verschmelzen, das nun zwei Köpfe hat sowie vier Flügel.
In diesen surrealistischen Anklängen kommt eine unbestimmte Bedrohung zum Ausdruck. Gewalt liegt in der Luft,
und der Fuchs ist sichtlich nur ein Vorbote von Größerem. Gerade deshalb aber kleidet sich das Menetekel noch einmal wild entschlossen in eine elegante Federboa-Art-déco-Ästhetik, die sich so unterkühlt und selbstironisch gibt wie ein Chanson, das nachts in einem Varieté zu hören ist. Als Ganzes ist das Bild preziös, wie seine deutlich sichtbar aufgemalte Signatur, gleichzeitig aber schwungvoll wie die Nummer einer Cabaret-Revue: ein Prachtstück aus den Roaring Twenties, ein Travestie-Spektakel, bei dem die Fetzen und die Federn fliegen, ein fulminanter Auftritt und ein fabelhaftes Bild. (Karlheinz Lüdeking)
Richard Müller (Tschirnitz/Bohemia 1874 – 1954 Dresden-Loschwitz)
„Fuchs im Hühnerhof“ (Der Hühnerdieb). 1926
Oil on canvas. 120 × 201 cm ( 47 ¼ × 79 ⅛ in.). Dated and monogrammed (entwined) in the upper centre: 1926 RM. Marked on the stretcher with a stamp in black: Nachlaß Prof. Rich. Müller Dresden. An additional label of Galerie Brockstedt, Hamburg.
Wodarz M 1926.01.–
[3202]
Provenienz: From the estate of the artist
Ausstellung: Richard Müller. Ölbilder, Zeichnungen, Radierungen. Hamburg, Galerie Brockstedt, and Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1974/75, cat. no. 18, ill.
Literatur und Abbildung: Zeitmagazin, Nov. 1974, ill. / Rolf Günther: Richard Müller. Leben und Werk mit dem Verzeichnis der Druckgraphik. Dresden, Neumeister, 1995, ill. p. 47
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