Lot 196
Richard Müller (Tschirnitz/Böhmen 1874 – 1954 Dresden-Loschwitz)
„Liebe und Tod“. 1918
Öl auf Leinwand. 54,5 × 37 cm ( 21 ½ × 14 ⅝ in.). Oben in der Mitte monogrammiert und datiert (übereinandergestellt): RM 1918.
Wodarz M 1918.04.–
[3460]
Provenienz: Privatsammlung, Bayern
Ausstellung: Die Schöne und das Biest. Richard Müller & Mel Ramos & Wolfgang Joop. Leipzig, Museum der bildenden Künste, 2013/14, Abbildung S. 169
Nie haben sich die Wege von Realismus, Surrealismus, Jugendstil und Symbolismus so unauflöslich ineinander verschlungen wie im Werk des Dresdners Richard Müller. Seine Bilder fallen immer aus ihrer jeweiligen Gegenwart, weil sie so tief wurzeln in der Geschichte der Kunst und des Geistes, und doch macht gerade dieses Austreten aus der gewöhnlichen Chronologie oder klassischen Stilgeschichte sie für uns heute so aufregend. Die handwerkliche Meisterschaft Müllers, vor allem in der Malerei der 1910er- und 1920er- Jahre, ist frappierend. Da ist die ganze Dresdner Romantik enthalten in ihrer Liebe zu den Wolken und dem ruhigen, trägen Dahinfließen der Elbe. Müller wählt die Aussicht vom Plateau des Liliensteins in der sächsischen Schweiz elbaufwärts Richtung Böhmen. Das Rasenstück vor dem Bein der Frau soll natürlich in seiner Meisterschaft an Dürer denken lassen, Müllers größten Helden, den er auch in seiner Verwendung von Monogramm und Jahreszahl immer wieder heraufbeschwört.
Vor genau 99 Jahren ist also dieses Bild gemalt, in jenem Moment, als sich im Sommer 1918 endlich die quälenden Rauchwolken des fürchterlichen Ersten Weltkrieges verzogen. Oben, in der Bildmitte, hat Müller sein Monogramm und die Jahreszahl gesetzt, wie ein Zeichen des Innehaltens, ein Feiern jenes Momentes, in dem der Tod sich endlich wieder zurückzieht und das Leben aufatmen kann. Der Tod ist schon geschrumpft auf eine Zwergengröße und geht schwerfällig auf seinem Stock, gleich wird er hinter dem Körper des aufblühenden jungen Mädchens verschwinden und hinabsteigen in das Tal der Elbe.
Was aber ist es, das die junge Frau erschreckend oder errötend die Arme vors Gesicht schlagen lässt? Trauert sie wirklich um ihren gefallenen Liebhaber, den wir uns also links neben dem Bildraum liegend vorstellen sollen, neben seinem blau und rot geschmückten Helm? Dies schreibt Corinna Wodarz in ihrem Werkverzeichnis. Aber erzählt „Liebe und Tod“ wirklich von Trauer? Die ganze Gestik der jungen Frau, ihr sich entfaltender Liebreiz, lassen einen an einer so eindeutigen Lesart zweifeln. Auch das Datum, der Moment des Kriegsendes, ist irritierend für ein Memorialbild und auch die ganze Szenerie, die von einem frühlingshaften Hervorbrechen der Natur und einem Abzug des Todes erzählt. Hinzu kommt, dass der Helm in seinem feierlichen Schmuck natürlich nicht aus den Schlachten des Ersten Weltkrieges stammt, sondern aus fernen, vergangenen Zeiten. Und schließlich, die Frage muss erlaubt sein, warum bettet sich die junge Geliebte nackt auf einer Picknickdecke hoch über der Elbe, um dann dort erstaunt zu erkennen, dass ihr Geliebter verschieden ist?
Man darf deshalb wohl eher ein klassisches Symbolbild in der kleinen, altmeisterlich fein gemalten Leinwand sehen, „Liebe und Tod“ als die zwei großen Kräfte des Lebens, die Triebfedern, die Quellen der Angst und der Freude, die großen Antipoden. Liebe und Tod. Alles andere, sagt Camus, ist Nuance.
FI
Richard Müller (Tschirnitz/Bohemia 1874 – 1954 Dresden-Loschwitz)
„Liebe und Tod“. 1918
Oil on canvas. 54,5 × 37 cm ( 21 ½ × 14 ⅝ in.). At the top in the centre monogrammed and dated (one above the other): RM 1918.
Wodarz M 1918.04.–
[3460]
Provenienz: Private collection, Bavaria
Ausstellung: Die Schöne und das Biest. Richard Müller & Mel Ramos & Wolfgang Joop. Leipzig, Museum der bildenden Künste, 2013/14, list of works p. 169
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