Lot 469
Richard Müller (Tschirnitz/Böhmen 1874 – 1954 Dresden-Loschwitz)
„Liegender Mädchenakt auf Diwan“. 1924
Öl auf Leinwand. 70 × 130 cm ( 27 ½ × 51 ⅛ in.). Oben links datiert und monogrammiert (ineinander gestellt): 1924 RM.
Wodarz M 1924.03.–
[3806]
Provenienz: Nachlass des Künstlers / Privatsammlung, Süddeutschland (bis 2010) / Privatsammlung, Europa
Ausstellung: Kunstausstellung Dresden 1925. Dresden, Brühlsche Terrasse, 1925, Kat.-Nr. 423 (betitelt „Venus“), mit Abb
Literatur und Abbildung: Rolf Günther: Richard Müller. Leben und Werk mit dem Verzeichnis der Druckgrafik. Dresden, Neumeister, Dresdener Kunstauktionshaus, 1995, S. 55, Abb. 45
Es war genau dieses brillant gemalte Bild eines nackten jungen Mädchens, das der Sächsische Minister für Volksbildung im Jahr 1935 nutzte, um Richard Müller, den Professor an der Dresdner Akademie darüber zu belehren, was nationalsozialistische Kunst sei: „Es gibt eine keusche Nacktheit und es gibt eine mondäne Nacktheit. Die ziemt sich nicht für einen Nationalsozialisten“. Und weiter: „Sie verwechseln offenbar peinlichen Naturalismus mit künstlerischem Wert.“ Müller möge sich bitte sofort in den Ruhestand versetzen lassen, da er es nicht tat, übernahm am 3. Mai 1935 Adolf Hitler diese Aufgabe höchstpersönlich.
Das ist die Geschichte, die hinter jenem jungen Mädchen steht, das hier den Betrachter so verwundert anblickt. Gemalt in der für Müllers neusachlichen Stil berühmten altmeisterlichen Genauigkeit vermischt sie weibliche Attitüde mit mädchenhaftem Körper, bleibt aber dennoch unberührbar. Es war Richard Müller sehr wichtig zu betonen, dass die Eltern des Mädchens die Entstehung dieses Bildes ausdrücklich unterstützten. Aber auch das half ihm nicht und er musste seinen Hut nehmen.
Aus heutiger Sicht blicken wir anders auf die nackten jungen Mädchen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Bildmotiven wurden, bei Ernst Ludwig Kirchners legendären Serien von „Fränzi“ etwa, bei aufgeladenen Schulmädchen-Szenerien von Balthus oder bei den anderen Jungmädchenakten von Klimt und Schiele. Hier hat ein umfassender geschmacksgeschichtlicher Prozess begonnen, der versucht, heutige und damalige moralische Vor- stellungen miteinander in Einklang zu bringen und die Frage nach der Absolutheit der Kunst zu thematisieren. Richard Müller beschäftigt sich eigentlich immer nur mit der Darstellung reifer Frauen und deren Sexualität ist durch die Kombination mit Hummern, Borstentieren oder Heizleuchten bei ihm ohnehin immer mehr als gebrochen. Richard Müllers gesamtes Œuvre ist eines der verstörenden Uneindeutigkeit, das den Betrachter permanent herausfordert, die eigenen Vorstellungen von Kitsch, von Malerei, von Abbildbarkeit und von Moral infrage zu stellen.
Richard Müller (Tschirnitz/Bohemia 1874 – 1954 Dresden-Loschwitz)
„Liegender Mädchenakt auf Diwan“. 1924
Oil on canvas. 70 × 130 cm ( 27 ½ × 51 ⅛ in.). Dated upper left and monogrammed (interlocked): 1924 RM.
Wodarz M 1924.03.–
[3806]
Provenienz: Estate of the artist / Private Collection, Southern Germany (until 2010) / Private Collection, Europe
Ausstellung: Kunstausstellung Dresden 1925. Dresden, Brühlsche Terrasse, 1925, cat. no. 423 (titled „Venus“), with illustration
Literatur und Abbildung: Rolf Günther: Richard Müller. Leben und Werk mit dem Verzeichnis der Druckgrafik. Dresden, Neumeister, Dresdener Kunstauktionshaus, 1995, p. 55, illustration 45
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