Lot 832
Robert Indiana (New Castle/Indiana 1928 – lebt in Vinalhaven/Maine) LOVE. 1966/2001 Aluminium, bemalt. 91,3 × 91,1 × 45,7 cm ( 36 × 35 ⅞ × 18 in.). Am Fuß des großen E unten hinten gestempelt: 1966-2001 R. INDIANA 5/6 MILCO BROOKLYN NY. Eines von 6 numerierten Exemplaren aus einer Gesamtauflage von 10. [3018] Provenienz: Privatsammlung, Berlin Literatur und Abbildung: Moritz von Uslar: Große Frage: Warum kippt das O nach rechts? In: Grisebach. Das Journal. Heft 6, Berlin 2016, S. 22/23, m. Farbabbildung Ulrich Clewing „Love and Peace“ und der Wiedereintritt der Kunst in die Welt Es dürfte in den letzten fünfzig Jahren nicht viele Kunstwerke gegeben haben, welche die Träume und Wünsche der jungen Generation, das Drama und die Zerrissenheit einer ganzen Epoche derart auf den Punkt gebracht haben wie Robert Indianas Skulptur „LOVE“. Und wie so oft bei brillanten Einfällen erscheint die Idee, die zu den ersten Versionen von „LOVE“ führte, schlicht und fast provokant einfach: vier Buchstaben, einer davon gekippt, die paarweise aufeinander stehen und nacheinander gelesen das Wort „Liebe“ ergeben – im ersten Moment drängt sich der Gedanke auf, das hätte auch ein gelangweilter Teenager während einer ermüdenden Schulstunde auf seine Jeans schreiben können. Tatsächlich ha-ben es Tausende, Hunderttausende und Millionen von Teenagern auf ihre Jeans, auf Schultaschen und Häuserwände geschrieben – aber natürlich erst nachdem Robert Indiana, der 1928 als Robert Clark in New Castle im Bundesstaat Indiana geboren wurde, den Zündfunken in die Welt gesetzt hatte. In einem aufschlussreichen Interview mit der Zeitschrift „Art News“ gab der Maler und Bildhauer im Jahr 1963 Auskunft darüber, was er unter Pop verstand. Pop sei all das, was die Kunst in den letzten Jahrzehnten nicht gewesen sei, antwortete Indiana: „Im Grunde ist er eine scharfe Kehrtwendung zurück zu einer gegenständlichen visuellen Kommunikation … Pop ist ein Wiedereintritt in die Welt. Er ist ,Scheiß auf die Bombe’. Er ist der amerikanische Traum, optimistisch, üppig und naiv.“ Diese Ausführungen klingen analytisch und präzise, im Nachhinein aber auch visionär. Denn es ist, als habe der Künstler damit sein bekanntestes Kunstwerk beschrieben - dabei entstand die Urform dafür erst ein Jahr später. Die allererste Version von „LOVE“, eine Vorstufe, wenn man so will, geht auf einen Auftrag zurück, den das MoMA Robert Indiana 1964 erteilt hatte. Der Künstler wurde gebeten, für das Museum eine Weihnachtskarte zu entwerfen. Indianas Arbeit mit den berühmten vier Buchstaben fand reißenden Absatz, doch da er nach damals geltendem Recht kein Copyright daran besaß, blieb er selbst als Urheber unerkannt. Die ersten „LOVE“-Skulpturen fertige Indiana zwei Jahre später, deshalb trägt auch unsere Arbeit, Teil einer Auflage von zehn Exemplaren, als Entstehungsdatum die Jahreszahl 1966. Zu dem Zeitpunkt hatte Indiana bereits seit Jahren mit Ziffern und Lettern experimentiert, um sie in seine Gemälde zu integrieren. Dass er damit eine Tradition aufgriff, die man über den von ihm verehrten Charles Demuth bis zu den frühen Kubisten zurückverfolgen kann, war Indiana von Anfang an bewusst. Auch mit dem wichtigsten Buchstaben in dem Werk, dem schräg gestellten „O“, folgte der Künstler einem bereits etablierten typografischen Prinzip. Der Erfolg der verschiedenen Varianten von „LOVE“-Skulpturen ist damit allerdings nicht hinreichend erklärt. In der Epoche der gerade entstehenden Hippie-Bewegung besaß dieses Wort eine magische Ausstrahlung. Es konnte sich dabei um eine Feststellung handeln oder um eine Aufforderung, einen Zustand oder eine Sehnsucht beschreiben. Liest man „love“ als Imperativ, so bezeichnet „liebe!“ in erster Linie deren Gegenteil, ihre Abwesenheit. In einem Jahrzehnt, in dem die Vereinigten Staaten wie so viele andere Länder einen mörderischen Krieg führten, in dem die vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen von vielen zunehmend als verknöchert und zu restriktiv empfunden wurden, in dem in weiten Teilen des Landes unverhohlener Rassismus vorherrschte, ist diese Interpretation eigentlich sogar die offensichtlichste. Die „Liebe“ in Indianas Schreibweise ist daher auch die Liebe zu bürgerlichem Ungehorsam, zu Widerstand und Revolution. Von „LOVE“ existieren etliche Varianten, es gibt die Arbeit in Stahl mit Flugrost, in Marmor und Aluminium. In hebräischen Buchstaben steht die Skulptur vor dem Israel-Museum in Jerusalem, es gibt „LOVE“ als Siebdruck, Plakat, Wandteppich und Ring. 1973 bedruckte die amerikanische Regierung eine Acht-Cent-Briefmarke mit dem Motiv. Unsere Arbeit kommt in den Dimensionen, insbesondere aber in ihrer stark kontrastierenden Farbigkeit von Rot und Blau der Ur-Skulptur Indianas am nächsten. Sie ist eine moderne Ikone - und hat von ihrer Doppeldeutigkeit und inhaltlichen Komplexität über die Jahre nichts verloren. Robert Indiana (New Castle/Indiana 1928 – lives in Vinalhaven/Maine) LOVE. 1966/2001 Aluminium, painted. 91,3 × 91,1 × 45,7 cm ( 36 × 35 ⅞ × 18 in.). At the foot of the large E at the bottom back stamped: 1966-2001 R. INDIANA 5/6 MILCO BROOKLYN NY. One of 6 numbered copies from a total edition of 10. [3018] Provenienz: Private collection, Berlin Literatur und Abbildung: Moritz von Uslar: Große Frage: Warum kippt das O nach rechts? Grisebach. Das Journal. Issue 6, Berlin 2016, p. 22/23, colour illustration
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Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Catalogue
Art Contemporain
10719 Berlin - Allemagne
02/12/2016
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0