Lot 306
Südlicher Ostseeraum () MADONNA MIT KIND. 1550-1600 / Sockel um 1570 Bernstein in drei verschiedenen Farbtönen; geschnitzt. 22 cm ( 8 ⅝ in.). Auf Sockel: AVE GRATIOSA D.N.S. TECUM / BENEDICTA TUI MULIERIBUS (Gegrüßet seist du Gnadenreiche und mit dir die Herrin unseres Heils du Gebenedeite unter den Weibern, Lukas I, 28). Rechte Hand der Madonna fehlend, Retuschen am Mittelteil des Sockels und moderne Ergänzung der Basis. [3563] Provenienz: Vor 1938 Sammlung Kurt Rohde (1882-1950), Berlin / 1938 als Depositum an Elisabeth Berbig, Dresden / Privatsammlung Das Thema der Maria mit dem Christuskind war stets ein außerordentlich beliebtes, wenn nicht sogar das populärste Motiv in der Bildhauerkunst. Dementsprechend ist die Variationsbreite in den Darstellungsformen sehr groß. Äußerst rar sind allerdings Madonnenstatuetten aus Bernstein. Dabei eignet sich das transluzente, goldfarbene Material hervorragend, um das himmlische Wesen der Gottesmutter zu veranschaulichen. Das liegt zum einen an dem seltenen Vorkommen des Naturprodukts nahezu ausschließlich im Ostseeraum, zum anderen sind die Fundstücke des fossilen Harzes überwiegend nur in kleinen Stücken erhältlich. Daher beeindruckt unsere sehr sorgfältig bearbeitete und geglättete Figur allein durch ihre Größe. Der von einem langen Gewand und weiten Mantel umhüllte Körper Mariens ist aus einem einzigen großen Bernsteinbrocken gearbeitet. Geschickt verwendet der Künstler für die angesetzten Teile andersfarbigen Bernstein: das Mariengesicht und ihre Hände (so auch die fehlende rechte Hand) sowie das auf ihrem Arm thronende Kind mit Vogel sind aus hellem Knochenbernstein, der Schleier dazu kontrastierend in fast dunkelrotem Material gefertigt. Daß die Figur ursprünglich auf einer Mondsichel stand, ist noch deutlich an den aufgestauten Falten des Mantelsaums erkennbar. Der Bernsteinsockel mit seinen Inkrustationen und der Marienhymne als Inschrift stammt aus einem anderen Zusammenhang. Er entstand den charakteristisch eingelassenen Bernsteinplättchen nach um 1570. Mit einer solchen traditionellen Präsentationsform entspricht die Madonna zwar ganz dem mittelalterlichen Typus. jedoch stammt die Figur aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Man beachte etwa die leibliche Körperauffassung der Maria, die langen, parallelen Röhrenfalten des Gewandes und den knittrig drapierten Schleier um den Hals. Das charakteristische Mariengesicht geht dagegen auf die spätgotischen Stiche des Martin Schongauer zurück. Das Zentrum für die künstlerische Bearbeitung von dem „Gold des Nordens“ war damals Königsberg, wo schließlich 1641 eigens eine Bernstein-Dreherzunft gegründet wurde. Derlei figürliche Schnitzereien wurden dort von den Künstlern meist als krönender Abschluß eines ebenfalls aus Bernstein kunstvoll gefertigten Hausaltärchens geschaffen. Solche preziösen Gegenstände konnten gewiß der privaten Andacht in exquisiter Art dienen, doch wurden sie aufgrund ihrer Kostbarkeit und Kunstfertigkeit stolz als Ehrengeschenke für die Kunstsammlungen der europäischen Fürstenhöfe in Auftrag gegeben. (JW) Vergleichsliteratur: Wilfried Seipel (Hrsg.): Bernstein für Thron und Altar. Das Gold des Meeres in fürstlichen Kunst- und Schatzkammern, Ausst.-Kat., Wien / Mailand 2005, Kat.-Nrn. 7, 9 und 16. Vergleichsobjekt: Sog. Konarski-Madonna, um 1550, Kloster Tschenstochau, Polen Wir danken für wertvolle Hinweise Dr. Konrad Schlegel, Kunstkammer des kunsthistorischen Museums, Wien. Southern Baltic Sea () MADONNA WITH CHILD. 1550-1600 / base circa 1570 Amber in three different tones; carved. 22 cm ( 8 ⅝ in.). On base: AVE GRATIOSA D.N.P. TECUM / BENEDICTA TUI MULIERIBUS (Hail, thou that art highly favoured, the Lord is with thee, blessed art thou among women, Luke 1:28). Right hand of the Madonna missing, retouchings to the centre part of the base and modern addition the base. [3563] Provenienz: Before 1938 collection Kurt Rohde (1882-1950), Berlin / 1938 deposited with Elisabeth Berbig, Dresden / private collection Related literature: Wilfried Seipel (ed.): Bernstein für Thron und Altar. Das Gold des Meeres in fürstlichen Kunst- und Schatzkammern, exh. cat., Vienna / Milan 2005, cat. nos. 7, 9 and 16. Comparable object: the so-called "Konarski Madonna", circa 1550, Tschenstochau Monastery, Poland. We would like to thank Dr. Konrad Schlegel of the Kunsthistorisches Museum Vienna (Kunstkammer) for kindly providing additional information.
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Catalogue
Orangerie. Objets Choisies
10719 Berlin - Allemagne
27/11/2014
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0