Lot 190
Théodore Gudin (1802 Paris – 1880 Boulogne-sur-Seine)
Küstenszene bei Mondlicht. 1839
Öl auf Leinwand. 41,5 × 57,3 cm ( 16 ⅜ × 22 ½ in.). Unten rechts signiert und datiert (in die nasse Farbe geritzt): T Gudin 1839.
[3268]
Provenienz: Privatsammlung, Deutschland
Im Laufe des Jahre 1855, dem Jahr der ersten Weltausstellung in Paris, verfolgten die Gazetten europaweit die erfolgsversprechenden Versuche zweier Gelehrter aus Lyon, künstliches Licht durch Kohle auf einer Quecksilbersäule zu produzieren. Ähnliche Experimente seien im selben Sommer „auch in der Wohnung des Marinemalers Théodore Gudin“ angestellt worden, heißt es da, recht unvermutet.
Thèodore Gudin, der „Musiker der Meeresströme“, war seinerzeit ein international gefeierter Künstler. Seine Werke hingen in den großen Ausstellungen und wichtigsten Pariser Kunsthandlungen, unmittelbar neben jenen von Delacroix, Ingres oder Salvatore Rosa. Bis heute besitzen fast alle großen europäischen Museen mindestens ein Gemälde von Gudin. Noch im Jahre 1900 setzte der Berliner (und Namensvetter!) Theodor Fontane dem Franzosen ein Denkmal, indem er ihn in seinem Erfolgsroman „Der Stechlin“ platzierte: Eine seiner Hauptfiguren hatte sich „neuerdings der Marinemalerei zugewandt“ und „sich in Gudin und Turner vergafft“.
Wer war dieser Théodore Gudin und wie geht das alles zusammen?
Für seine Zeitgenossen war Gudin ein würdiger Nachfolger des großen Claude Lorrain, dessen Sinn für Farben, für die Harmonie der Töne, für die Klarheit der Lüfte, für die Kraft der Reflexe er geerbt – ja, in die Gegenwart übersetzt habe. Gelernt hatte er bei Louis-Anne Girodet, dessen Werk an der Schwelle von Neo-Klassizismus und Romantik steht. Bei Gudin bricht die Malerei sich ihre Bahn, die Farbe, das Licht, beobachtet und inszeniert in den Naturschauspielen am und auf dem Meer: „Viele haben die Welle, wenige das Meer so schön dargestellt. Es ist das Farbenspiel des durchsichtigen Mittelmeeres, das er uns vorführt“, staunte auch das Kunstblatt 1836.
Gudin war ständig auf Reisen, von Italien bis nach St. Petersburg, sogar auf zwei Marineexpeditionen nach Algerien, von wo er unzählige Studien mitbrachte.
Eugène Sue, der bedeutende französische Romancier, schrieb 1835 in der Revue de Paris: Gudin beobachtet die Natur stets lange und intensiv, ohne genau zu wissen, was er eigentlich malen will. Er kopiert die Natur nicht nur, er reflektiert sie. Seine Pinselführung und seine Farben sind so naiv und zugleich von einer so bewunderungswürdigen Wahrheit - das Geheimnis seiner Palette ist das Geheimnis der Natur. Der Romancier ist in den poetischen Zeilen über die Kunst seines Freundes nicht zu überhören. Doch Gudins Malerei, insbesondere das Geheimnis, ja die „Natur-Wahrheit“ seiner Farben, bewunderten viele seiner Künstlerkollegen – so auch Carl Blechen, der ihn 1835 in seinem Pariser Atelier besuchte. Menzel dachte bei der ersten Begegnung mit Gudins Werken im Jahr darauf gar an eine Malerei-„Revolution“, in der „diejenigen, die da glauben Buntmalen sei brillant, und geschmiert geistreich gemalt, untergehen werden, was nicht schaden kann“. Gudin, das war für ihn brillante und solide Meisterschaft, kräftige Wirkung und vortreffliche Komposition. Der beobachtende Künstler erkannte - den beobachtenden Künstler. Der Meister des doppelten Lichtspiels eines Kronleuchters und seins Spiegelscheins (Menzel: Das Flötenkonzert) bewunderte den Meister des Lichtspiels auf den Wellen – bei doppelter Beleuchtung, von Mond und Abendrot.
Unser Gemälde führt Gudins Können eindrucksstark vor Augen: Ein gestrandeter Segler liegt, verschattet, aber im goldenen Schnitt, an der Meeresküste. Nur vage ist die Silhouette eines weiteren Schiffes zu erkennen, das unsere Blicke in das Bild hinein und über das Meer hinaus bis an den Horizont zieht. Die eigentliche Regie führt die Natur selbst, das Licht, die Farbe, übersetzt in reinste Malerei. Der Palette des Himmels, Gold, Umbra bis in die tiefsten, fast schwarzen Violettöne, antwortet das düster-bunte Farbenspiel des durchsichtigen Mittelmeeres. Das dramatisch inszenierte Himmelslicht wirft leuchtend kühne Reflexe aufs Wasser und lässt den Felsen, der sich von rechts in das Bild hineinzuschieben scheint, wie einen riesigen Goldklumpen erstrahlen – und bleibt durch den offenen, rasanten Pinselstrich zugleich pure, schönste Malerei. AA
Théodore Gudin (1802 Paris – 1880 Boulogne-sur-Seine)
Coastal scene by moonlight. 1839
Oil on canvas. 41,5 x 57,3 cm ( 16 ⅜ x 22 ½ in.). Signed and dated lower right (incised into the wet paint): T Gudin 1839.
[3268]
Provenienz: Private collection, Germany
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
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