Lot 226
Théodore Gudin (Paris 1802 – 1880 Boulogne-sur-Seine) MATROSEN IN DER TAKELAGE. Öl auf Bütten auf Holz. 22,3 x 28,8 cm ( 8 ¾ x 11 ⅜ in.). Rückseitig auf einem aufgeklebten Stück Leinwand mit Schablone in Schwarz beschriftet: T GUDIN 215. Kratzer am oberen Rand. [3394] Als der Kunsthändler Louis Sachse den Berlinern 1835 erstmals eine größere Zahl Ölbilder der neueren französischen Schule vorführte, war auch ein kleines Seestück des Marinemalers Theodore Gudin dabei. Die Betrachter staunten, wie bei Gudin die Luft „in ihrer Feuchtigkeit mit dem Auge befühlt wird“. (Kunstblatt, Nr. 94, 1835, S. 390). Die „französische Farbenplastik“ (ebd.) beeindruckte auch den jungen Menzel: „Der wirklich geistvolle und gediegene Materialismus der jetzigen Franzosen (derer die die Schule repräsentieren und zum Theil geschaffen haben) eines Gudin, Roqueplan, Coignet [...] werden hier eine Revolution hervorbringen, in welcher diejenigen, die da glauben Buntmalen sei brillant, und geschmiert geistreich gemalt, untergehen werden, was nicht schaden kann...“, so sein spitzzüngiges Kommentar zur Berliner Akademieausstellung 1836, die Sachse mit aktueller französischer Malerei in nie dagewesener Vielfalt beschickt hatte (Menzel Briefe, Bd. 1, 2009, S. 89). Auch wenn Menzel unsere Ölstudie wohl nicht gekannt hat, darf angenommen werden, dass auch sie ihm gefallen hätte. Der ungewöhnliche Bildausschnitt zeigt den Blick aus der vorderen Takelage eines Segeldampfers, vorbei an einem großen, rußig rauchenden Schornstein, hinüber zu den Matrosen, die im hinteren Mast auf gleicher Höhe arbeiten. Tatsächlich ist die Anekdote überliefert, Gudin habe sich selbst so vertauen lassen, dass er sein Motiv in der schwindelnden Höhe direkt vor Ort aufnehmen konnte. Die Situiertheit bestimmt die räumliche Struktur der Szene. Konstruktive Regeln, wie etwas die Unterscheidung der Bildgründe, scheinen (quasi automatisch) aufgehoben. Es gibt keinen Vordergrund (denn er ist aus Luft). Es gibt keine Vergewisserung an einer Bodenfläche (die Matrosen müssen sich am schwankenden Mast festhalten). Es gibt überhaupt keine greifbare Begrenzung (Himmel und Wasser werden am Horizont eins). Der gewählte Bildausschnitt der Studie führt diese Seherfahrung konsequent weiter, indem der dargestellte Gegenstand an drei Seiten abgeschnitten ist (sogar die französische Nationalfahne wird vom unteren Rand abgetrennt). Das Behelfsmäßige des Segelgerüsts, der vom Betrachter automatisch intendierte aber verwehrte Blick nach unten, die schwungvoll und malerisch virtuos in den blauen Himmel sich kreisende Rußwolke, die den hinteren Mast umspielt und einräuchert wie die neue eine alte Zeit – all das sind Momente, die die Modernität und die Qualität dieser Studie ausmachen und die – anders, aber in durchaus vergleichbarer Form – auch Menzel in privaten Studien beschäftigten. Theodore Gudin, der „Musiker der Meeresströme“ wie ihn die Zeitgenossen nannten, war v.a. in den 1830er und 40er Jahren ein europaweit gefeierter Maler. Beispiele seiner bildmäßig ausgeführten Marinen und Seestücke, die wesentlich mehr vom Aufbruchpathos der französischen Romantik getragen sind, gehören zur Sammlung der Nationalgalerie wie zu vielen großen Museen international. Dem heutigen Betrachter führen gerade so qualitätvolle Ölstudien wie diese die Modernität des Künstlers vor Augen.(AA) Théodore Gudin (Paris 1802 – 1880 Boulogne-sur-Seine) MATROSEN IN DER TAKELAGE. Oil on laid paper on wood. 22,3 x 28,8 cm ( 8 ¾ x 11 ⅜ in.). On the reverse, on an affixed piece of canvas, the stencilled inscription in black: T GUDIN 215. Scratch to the upper margin. [3394]
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Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Catalogue
Art du XIXème siècle
10719 Berlin - Allemagne
03/06/2015
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0