Lot 382
Werkstatt der Gebrüder Spindler (Tätig in Bayreuth und Potsdam 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts) Kommode mit phantastischer Landschaft in Marketerie für den Bayreuther Hof. Um 1765 Marketerie mit Nussbaummaser, Nussholz, Ahorn, Pflaumenholz, Buche auf Fichtekorpus; Messingbeschläge, gegossen, gestanzt, vergoldet; Eisenkastenschlösser. 78,5 × 117 × 60 cm ( 30 ⅞ × 46 ⅛ × 23 ⅝ in.). Expertise Sigrid Sangl, Ismaning, vom 15. November 2015.– Schlüssel vorhanden. [3187] Provenienz: Privatsammlung, Donndorf – nahe dem Schloss Fantaisie von Prinzessin Friederike von Brandenburg-Bayreuth (bis 1963) / Privatsammlung, Bayern (2015 in der Kunsthandlung Wolfgang Baumann, Bayreuth, erworben) Literatur und Abbildung: Sigrid Sangl: Spindler? In: Journal of the Furniture History Society, Jg. XXVII (1991), S. 22–66, S. 32, Abb. 71 Bayreuth, der Entstehungsort der Kommode, war im 18. Jahrhundert einzigartiges und zugleich innovatives Zentrum der deutschen Hofkunst: „Sie liebt das Außerordentliche und damit ist alles gesagt“, so urteilte Graf Lehndorff 1758 über die damals in Bayreuth herrschende Markgräfin und Auftraggeberin Wilhelmine (1709–1758), Lieblingsschwester Friedrichs des Großen von Preußen. Politische Überlegungen hatten Wilhelmine 1731 in eine Vernunftehe mit dem Bayreuther Markgrafen in die seinerzeit unbedeutende Kleinstadt gezwungen. Mit unbeugsamem Willen schuf sie in der „Verbannung“ einen eindrucksvollen Musenhof, der in den deutschen Ländern kaum seinesgleichen fand. Alles geriet Wilhelmine, der „Pallas von Bayreuth“, zum Gesamtkunstwerk. Eremitagen, Felsentheater, Wasserspiele, Grotten, pastorale Szenerien und exotische Kabinette entstanden nach ihren Plänen. Auch die heimischen Kunstschreiner, allen voran die Ebenistendynastie der Spindler, orientierten sich an den Vorlieben der Markgräfin. Sie schufen Möbelstücke, die heute neben jenen der Roentgen-Werkstatt zu den eigenartigsten Werken der deutschen Möbelkunst des 18. Jahrhunderts gehören. Charakteristisch für die Spindler-Werkstatt ist dabei die Kombination ausdrucksstarker Nussbaummaserfurniere zu malerischen Furnierbildern, die meist wildromantische Felsenlandschaften suggerieren. Auch unsere Kommode, wohl entstanden im Umkreis des Bayreuther Hofes, zeigt das typische Motivrepertoire mit Felsen, Quellgottheiten und bizarren Naturelementen. Im Unterschied zu den späteren Potsdamer Möbeln, Wandvertäfelungen und Fußböden der Spindler-Werkstatt findet sich hier jedoch noch keine zusätzliche Einfärbung der Furniere. Allein die natürliche Wirkung der ausdrucksstarken Furnierhölzer zählt. Die Werkgruppe in Bayreuth stellt sich damit als einzigartig dar. Die Korpusgestaltung mit nur noch leicht geschwungener Front, konischen Füßen und umlaufendem Zahnschnittfries zeugt unterdessen bereits von den Einflüssen des aufkommenden Klassizismus, den Wilhelmine mit ihren Antikenkäufen förderte. Auch die für die Spindler-Werkstatt typische Dreiteilung der Marketeriefelder wird nicht mehr von rokokohaft geschwungenen Kartuschen gerahmt, sondern verweist mit mäanderartig überschnittenen Filets auf den neuen Stil. Die bildhaften Motive – Putto mit Rohrkolben auf Tritonmuschel, Göttin nach dem Bade, Baumstrünke und Schäferin – sind auch auf anderen Spindler-Möbeln zu entdecken und gehören zum ornamentalen Vorlagenkanon der Werkstatt. Sie stehen in Beziehung zur Stichserie der Felsengärten von Sanspareil, die Wilhelmine ab 1744 nahe Bayreuth hatte anlegen lassen. Nachdem die Markgräfin 1758 gestorben war, endete die glanzvolle Epoche des fränkischen Musenhofes 1769. Unsere Kommode kann in diesem Kontext als seltener Beleg für die Hochrangigkeit des fränkischen Kunsthandwerks im 18. Jahrhundert gelten. Zugleich spiegelt das Möbel den starken Willen der kunstbegeisterten Wilhelmine, auch unter widrigen Umständen ein Arkadien in der Provinz zu schaffen. SiS Vergleichsobjekt: Werkstatt der Gebrüder Spindler: Kommode, Bayreuth und Potsdam, um 1765, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Inv.-Nr. HG12541 Workshop of Brothers Spindler (Active in Bayreuth and Potsdam 2nd half of the 18th century) Commode with fantastical scenery in marquetry for the Bayreuth court. Circa 1765 Marquetry with walnut vein, walnut, maple, plum wood, beech on spruce corpus; brass fittings, cast, punched, gilt; iron box locks. 78,5 × 117 × 60 cm ( 30 ⅞ × 46 ⅛ × 23 ⅝ in.). Certificate Sigrid Sangl, Ismaning, dated 15 November 2015.– With key. [3187] Provenienz: Private collection, Donndorf – close to Schloss Fantaisie of Princess Friederike of Brandenburg-Bayreuth (until 1963) / private collection, Bavaria (acquired in 2015 at Kunsthandlung Wolfgang Baumann, Bayreuth) Literatur und Abbildung: Sigrid Sangl: Spindler? In: Journal of the Furniture History Society, vol. XXVII (1991), p. 22–66, p. 32, ill. 71 Comparable object: Workshop of Brothers Spindler: commode, Bayreuth and Potsdam, circa 1765, Germanisches Nationalmuseum Nuremberg, inv. no. HG12541
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