Lot 178
Wilhelm Leibl (Köln 1844 – 1900 Würzburg)
„Entwurf zu den Wildschützen“. 1884
Kohle auf Bütten (Wasserzeichen: ED & Cie P L BAS). 56 × 48 cm ( 22 × 18 ⅞ in.). Unten rechts signiert und datiert: W. Leibl 84.
von Manstein 101.–
Leicht fleckig. [3596]
Provenienz: H(einrich) B(althasar) Gerland, Jena (Nr. 29, lt. Aufkleber auf dem Schmuckrahmen) / Kunsthandlung Helbing, Berlin (1929) / Privatsammlung, Rheinland (vor 1991) / Galerie Arnoldi-Livie, München (2003) / Privatsammlung, Schweiz
Ausstellung: Wilhelm Leibl. Ausstellung. Köln, Wallraf-Richartz-Museum, und Berlin, Preußische Akademie der Künste und Galerie Matthiesen, 1929, Kat.-Nr. 178 („Drei Wilderer, sitzend [Studie zu den ,Wildschützen‘]“)
Literatur und Abbildung: Versteigerungskatalog: Ölgemälde und Handzeichnungen moderner Meister aus verschiedenem Besitz. München, Hugo Helbing, 14.7.1925, Kat.-Nr. 144, Abb. Tf. 8 / Versteigerungskatalog: Ölgemälde und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts aus ausländischem, nord- und süddeutschem Besitz. München, Hugo Helbing, 14.7.1934, Kat.-Nr. 59 („Erste Fassung zu dem bekannten Bilde: Die Wildschützen. Kohle auf P. 54 x 48 cm. Bez.: W. Leibl 84“) / Auktion 664. Köln, Kunsthaus Lempertz, 27.5.1991, Kat.-Nr. 214, Abb. Tf. 85 / Marianne von Manstein: Mit stechendem Blick. In: Weltkunst, 74. Jg., H. 11, 1.10.2004, S. 76-79, hier S. 78, Abb. 4
Die Zeichnung ist ein Entwurf für das Bild „Die Wildschützen“, und die zahlreichen Studien dazu zeigen Leibls Ringen mit dieser Komposition, die ihn insgesamt vier Jahre beschäftigte. Für Leibl als leidenschaftlichen Jäger war dieses Bildthema jedenfalls etwas, „wo ich mit Leib und Seele dabei bin“, wie er an seine Schwester berichtete.
Nach der Vollendung des Bildes „Drei Frauen in der Kirche“ machte sich Leibl mit großer Energie an diese Aufgabe und stellte dafür seine künstlerischen Mittel radikal um, was auch an seinen Zeichnungen sehr deutlich wird. Die enorme Feinmalerei des Kirchenbildes weicht nun einer breiter vorgetragenen Malerei, die Leibl aber während der mehrjährigen Arbeit zunehmend Schwierigkeiten bereitete. Das direkte Arbeiten vor den Modellen in dem sehr beengten Raum führte schließlich zu den recht erheblichen Proportionsverschiebungen auf der Leinwand, die heute sehr modern wirken, damals aber auch als künstlerischer Makel ausgelegt werden konnten. In einem bislang unveröffentlichten Brief an seinen Bruder Ferdinand vom 28. Januar 1885 schreibt Leibl: „Leider geht es mit meinem Bilde furchtbar langsam voran, da dasselbe ungeahnte Schwierigkeiten bereitet …Übrigens muss ich meine Ausgaben aufs Allernotwendigste beschränken, denn die Modelle kosten mich täglich 8–10 Mark u. das dauert jetzt schon lange u. wird auch noch lange dauern.“
Nachdem ihn später das fertige Bild künstlerisch nicht mehr überzeugte und von der Kritik nicht sehr positiv besprochen wurde, zerschnitt Leibl es sorgfältig in mehrere aussagekräftige Fragmente. Aus einem ebenfalls unveröffentlichten Brief Leibls an Wilhelm Trübner vom 31. Januar 1894 geht hervor, dass sein Bild der Wildschützen fast zehn Jahre nach der Vollendung noch existiert und für eine Ausstellung zur Verfügung steht, „wenn es nicht zu schlecht ist“. Der junge Lovis Corinth bewunderte jedenfalls das Bild auf der Pariser Ausstellung, und als er später von dessen Zerstückelung hörte, bedauerte er, „dass die Welt an diesem zerstörten Kunstwerk einen Schatz verloren hat, wie er nur selten bestanden hat“. Mit diesem Anspruch und in dieser Größe sollte es Leibls letzte monumentale Komposition bleiben. Trotz des künstlerischen Scheiterns sind besonders die vorbereitenden Zeichnungen zum Wildschützenbild „in ihrem Reichtum und ihrer Zahl und Größe ein Höhepunkt seiner Kunst, ein Höhepunkt, ohne den seine Zeichenkunst ihres eigentlichen Zentrums entbehrte“, wie Emil Waldmann schreibt.
In unserer Zeichnung sind zum ersten Mal alle wesentlichen Kompositionselemente des fertigen Bildes enthalten. Hauptfigur ist der junge Wildschütze rechts, der hier noch pfeiferauchend dargestellt ist, während er im fertigen Bild ein Gewehr hält. Über diesem Wildschützen sind zwei weitere Kollegen erkennbar, die mit ihren Köpfen bis an den oberen Bildrand reichen. So entsteht in dieser Zeichnung eine turmartige Komposition, die auch den sehr beengten Raum zeigt, in dem die vier Wildschützen sich versteckt halten und mit großer Anspannung auf das weitere Geschehen warten. In der linken Bildhälfte der Zeichnung ist eine Figur angedeutet, die im fertigen Bild den sitzenden Mann mit Gewehr darstellt.
Der Zeichenstil unseres Blattes zeigt die ganze Erregtheit und Kraft, mit der Leibl hier zu Werke geht. Mit großer Geschwindigkeit gleitet der Zeichenstift über das Papier und verdichtet hier und da die Körperlichkeit der Figuren mit spitz zulaufenden Linienbündeln, die geradezu kubistische Formen ergeben. Beim ersten Betrachten glaubt man eigentlich eher, eine Zeichnung von Ernst Ludwig Kirchner von 1913 vor sich zu haben als ein Werk Leibls von 1884. Das Ergebnis ist so frappierend, dass man versucht ist, das Blatt lediglich als grobe Skizze zu bezeichnen. Dem widersprechen allerdings die Signatur und die Datierung rechts unten, mit denen Leibl den autonomen Charakter dieser Zeichnung deutlich unterstreicht.
Solche wegweisenden Arbeiten waren immer Kunst für Künstler, und so überrascht es auch nicht, dass unsere Zeichnung jetzt direkt aus einem Künstlernachlass des 21. Jahrhunderts kommt. Michael Mohr
Wilhelm Leibl (Cologne 1844 – 1900 Würzburg)
„Entwurf zu den Wildschützen“. 1884
Charcoal on laid paper (watermark: ED & Cie P L BAS). 56 × 48 cm ( 22 × 18 ⅞ in.). Signed and dated lower right: W. Leibl 84.
Von Manstein 101.–
Slightly stained. [3596]
Provenienz: H(einrich) B(althasar) Gerland, Jena (no. 29, acc. to label on the decorative frame) / art dealership Helbing, Berlin (1929) / private collection, Rhineland (before 1991) / Galerie Arnoldi-Livie, Munich (2003) / private collection, Switzerland
Ausstellung: Wilhelm Leibl. Exhibition. Cologne, Wallraf-Richartz-Museum, and Berlin, Preußische Akademie der Künste and Galerie Matthiesen, 1929, cat. no. 178 („Drei Wilderer, sitzend [Studie zu den ,Wildschützen‘]“)
Literatur und Abbildung: Auction catalogue: Ölgemälde und Handzeichnungen moderner Meister aus verschiedenem Besitz. Munich, Hugo Helbing, 14.7.1925, cat. no. 144, ill. pl. 8 / Auction cataogue: Ölgemälde und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts aus ausländischem, nord- und süddeutschem Besitz. Munich, Hugo Helbing, 14.7.1934, cat. no. 59 („Erste Fassung zu dem bekannten Bilde: Die Wildschützen. Kohle auf P. 54 x 48 cm. Bez.: W. Leibl 84“) / Auction 664. Cologne, Kunsthaus Lempertz, 27.5.1991, cat. no. 214, ill. pl. 85 / Marianne von Manstein: Mit stechendem Blick. In: Weltkunst, 74th year., vol. 11, 1.10.2004, p. 76-79, here p. 78, ill. 4
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Retrouvez des lots similaires en vente sur Interencheres
Voir plus de lots en vente sur Interencheres
Estimation :1 000 € - 1 200 €
Chrono
Proposé par MDP Auction
Estimation :4 000 € - 6 000 €
Live
14/06/2026
Proposé par Osenat
Estimation :800 € - 1 000 €
Live
19/06/2026
Proposé par GALERIE DE CHARTRES - GDC judiciaire - Mes GODY-BAUBAU, MAICHE, RIVIERE
Estimation :300 €
Live
19/06/2026
Proposé par OGER-BLANCHET
Estimation :100 € - 150 €
Live
21/06/2026
Proposé par OSENAT
Estimation :450 € - 600 €
Live
28/06/2026
Proposé par Militaria auctions