Lot 115
Wilhelm von Kobell (Mannheim 1766 – 1855 München)
„Nach der Jagd“. 1839
Aquarell über Bleistift auf Papier, mit Bleistift gerahmt. 19 × 23,6 cm ( 7 ½ × 9 ¼ in.). Unten links signiert (ligiert) und datiert: Wilhelm v Kobell 1839.
Wichmann 1556 (datiert „1836“).–
Eine schwache Falte am linken Rand. [3614]
Provenienz: Privatsammlung, Deutschland (1930 von der Galerie Carl Nicolai erworben, bis mind. 1970)
Literatur und Abbildung: Versteigerungskatalog CLXXII: Originalhandzeichnungen [...]. Radierungen, Holzschnitte, Lithographien [...]. Leipzig, C. G. Boerner, 29.4.1931, Kat.-Nr. 66, Abb. Tf. II
Zwei fulminante Ausstellungen feierten die Wiederentdeckung des Biedermeier im neuen Jahrtausend: „The Spirit of an Age“ (Berlin/Washington, 2001) und „Die Erfindung der Einfachheit“ (Berlin/Wien/Paris/Milwaukee, 2007).
Der frische Blick und die kluge Objektwahl (Malerei, Möbel, Glas, Porzellan, Silber) öffneten die Augen für Schönheit und Modernität jener hochkultivierten Kunstrichtung, die dem nachnapoleonischen Europa eine neue ästhetische Vision verlieh. Die Wertschätzung der Materialien und ein neuer Sinn für Praktikabilität verbanden sich mit einer anspruchsvollen Suche nach schlichten und klaren Formen. Das Gegenmodell zum ausschweifenden Luxusstil des ausgehenden 18. Jahrhunderts leistete sich eine neue, eine „moderne“ Bescheidenheit, die auf Qualität statt Quantität setzte.
Als einer der wichtigsten Maler des Biedermeier wurde Wilhelm von Kobell mit Künstlern wie Hummel, Kersting und Gaertner gewürdigt, deren Bedeutung in eine Reihe gestellt wurde mit den frühen Romantikern, aber auch den deutschen Impressionisten und Symbolisten – bis hin zu den Künstlern des Bauhauses.
Unser Blatt zeigt den „späten“ Kobell, dessen reicher künstlerischer Erfahrungsschatz in Komposition und Ausführung eingeflossen ist. Aufgewachsen im aufgeklärten Künstlermilieu der kurpfälzischen Residenzstadt Mannheim (sein Onkel war Franz Kobell, vgl. Los 113 und 114), lebte Wilhelm seit 1793 als Hofmaler in München. Ab 1815 entwickelte er mit dem „Begegnungsbild“ einen eigenen Bildtypus und leistete damit einen bedeutenden Beitrag für die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts.
Es handelt sich bei Kobells Begegnungsbildern vorwiegend um kleinformatige Gemälde und Aquarelle, die das Leben der Gegenwart in „zufälligen“ Zusammentreffen meist von Reitern, Jägern, Bauern und Tieren thematisieren - ohne jedoch im eigentlichen Sinn erzählerisch zu sein. Die Schauplätze sind vertraut: Sie zeigen das Münchner Umland mit den berühmten Seen und Blicken auf die Stadtsilhouette oder die Berge. Die Figuren aber wirken isoliert, seltsam in ihrer Pose verharrend und weit entfernt von allem Alltäglichen. Sie sind mit zarten, klaren Konturen deutlich voneinander abgesetzt, ihre Silhouetten in bunter Folge vor den hohen Himmel und das klare Blau des still liegenden Sees gesetzt.
Ihre zeitlose, fast surreale Präsenz verstärkt der Eindruck, als seien die Gestalten „entstofflicht“, als könnten wir durch sie hindurchsehen. Die filigranen, formgebenden Linien sind trotz ihrer hohen Präzision porös, wodurch sie eine außergewöhnliche Illusionskraft entwickeln. Sie sind das „Grammgewicht“ der Komposition (Wichmann, S. 83) und bestätigen Kobell als den Meister der Kontur. Zugleich sind Transparenz, Glanz und Schönheitswert der Farben so leuchtend und klarsichtig wie jener dargestellte Föhntag, der die einzelnen Gegenstände bis in die äußerste Ferne noch gut erkennen lässt.
Dieses unverwechselbare „Kobell-Licht“, das die aus hintereinander gelagerten Prospekten gebaute Bildwelt bestimmt, ist das auffälligste und eigenwilligste Merkmal des Künstlers: Der Vordergrund, der sich kobelltypisch als kuppelartige Anhöhe ausformt, ist merkwürdig scharf ausgeleuchtet und präsentiert sich als vorgelagerte Raumellipse, eine Art Bühne im Scheinwerferlicht. Sie ist die eigentliche Stätte der Begegnung. Tiere und Menschen sind aufeinander ausgerichtet, doch sind es vor allem die langen, schmalen Schattenwürfe, die sie miteinander verbinden. Der Fernraum hingegen erscheint im allseitigen Freilicht. Die Zonen, in denen diese beiden Extreme zusammentreffen, zeigen jenes Kombinationslicht, das die Gegenstände so merkwürdig entkörperlicht, ihnen aber eine Wirkung verleiht, die über ihre Daseinsgröße hinausgeht.
Das Erzielen einer solchen Wirkung, die kunstphilosophischen Forderungen der Zeit entspricht, beruht bei Kobell auf realen Beobachtungen: Das Kombinationslicht belebte die damals beliebten Guckkästen (seitliches Kerzenlicht mit dem reduzierten allseitigen Tageslicht der Stube). Das Studium der Veränderung von Farbwerten in der Natur durch das Medium Luft war eine aktuelle und fortdauernde Herausforderung für die Maler des 19. Jahrhunderts. Schatten sind schon bei Kobell keine Dunkelwerte mehr, sondern vertiefte Farben. Dem gegenüber steht die artifizielle, kommaartige Strichführung in lockerer, fast „ostasiatischer“ Manier (Wichmann). Die teppichhafte Wiese des Vordergrundes ist durch ein Pinselpunktsystem gegliedert, die Materie etwa in Form von Baumstümpfen porträthaft hervorgehoben.
Eine puristische, alles auf einen Nenner bringende Formvorstellung wird über einen Oberflächenkult der Materialien zelebriert und zeigt zugleich eine vollendete Ordnung: Allen Objekten und allen Erscheinungen im Naturraum – Landschaft, Mensch, Tier – wird gleichberechtigt dieselbe Aufmerksamkeit zuteil. „Eine heitere Gegenwart“, so Kobells Zeitgenosse Adalbert Stifter, „soll alles umstrahlen und verschönern.“ (Anna Ahrens)
Wilhelm von Kobell (Mannheim 1766 – 1855 Munich)
„Nach der Jagd“. 1839
Watercolour over pencil on paper, framed in pencil. 19 × 23,6 cm ( 7 ½ × 9 ¼ in.). Signed (joined) and dated on lower left: Wilhelm v Kobell 1839.
Wichmann 1556 (dated „1836“).–
A faint crease in the left margin. [3614]
Provenienz: Private Collection, Germany (acquired in 1930 at Galerie Carl Nicolai, until at least 1970)
Literatur und Abbildung: Auction catalogue CLXXII: Originalhandzeichnungen [...]. Radierungen, Holzschnitte, Lithographien [...]. Leipzig, C. G. Boerner, 29.4.1931, cat. no. 66, ill. pl. II
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