Lot no. 208
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin)
Am Bergeshang. Um 1872/74
Bleistift, teilweise gewischt, auf Whatman-Velin. 24,7 × 32,8 cm ( 9 ¾ × 12 ⅞ in.).
Fest auf Karton montiert. [3559]
Provenienz: Dr. Albert Martin Wolffson, Hamburg (spätestens 1905, bis 1913) / Helene Marie Wolffson, Witwe von
Dr. A. Wolffson, Hamburg / Elsa Helene Cohen, Tochter der Vorbesitzerin / Hildebrand Gurlitt, Hamburg (am 31.12.1938 von der Vorbesitzerin erworben) / Kunstausstellung Gerstenberger, Chemnitz (Mai 1939) / Privatsammlung, Baden-Württemberg (vom Großvater des heutigen Besitzers wohl bei Gerstenberger erworben)
Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. Auflage, Kat.-Nr. 5426 / Katalog 35: Nyare Tysk Konst. Stockholm,
Liljevalchs Konsthall, 1922, Kat.-Nr. 496 („Hydda i bergen“) / Adolph Menzel, 1815–1905. Chemnitz, Kunstausstellung Gerstenberger, 1939, Kat.-Nr. 25, m. Abbildung
Die Gleichzeitigkeit von Ungleichem, oft Konträrem prägt Menzels Lebenswerk. Insbesondere in seinen Zeichnungen begegnen wir einem Künstler, der sich wie kaum ein anderer dem Kaleidoskop der eigenen Gegenwart stellte, der zeichnend auf die unterschiedlichsten Wirklichkeitseindrücke reagierte – und sich diese zu immer neuen künstlerischen Aufgaben machte.
Unser Blatt stellt die Genialität des Zeichners auf dem Höhepunkt seines Schaffens vor. Es zeigt „Landschaftliches“, wie Menzel es nannte (wohl um dem traditionellen Gattungsbegriff der „Landschaft“ auch sprachlich zu entkommen, so Werner Busch). In Hofgastein, im Salzburger Land, fand Menzel „Landschaftliches“ im Überfluss vor. Gemeinsam mit seiner Schwester, seinem Schwager, Nichte und Neffen war er in den Jahren 1872-74 regelmäßiger Gast in der „Villa Carolina“, dem Hofgasteiner Anwesen seines engen Freundes Magnus Herrmann, eines Berliner Bankiers. Dieser hatte im Gärtnerhaus eigens ein Atelier einbauen lassen, von wo aus Menzel seine täglichen Exkursionen startete. „Mehr Schwalbenflug als Kunstwanderung“ sei sein erst spät einsetzendes Reisen, hatte Menzel 1859 seinem Freund Adolf Schöll anvertraut. In den Hofgasteiner Zeichnungen mag dem Städter das freiheitliche Motiv eines Schwalbenfluges durch die ursprüngliche, bäuerlich geprägte Berggegend erneut vor Augen gestanden haben. Aus einer leicht erhöhten, scheinbar schwebenden Perspektive schauen wir auf den abgelegenen, verlassen wirkenden Hinterhof eines Gehöfts. Zu beiden Seiten ragen vom Rand abgeschnittene Gebäudefragmente in den Bildraum: links die Längsseite eines alten Holzhauses mit zwei kleinen Fenstern und losem Dachbelag und rechts die Ecke eines dachlosen (vielleicht noch nicht fertig gebauten) unverkleideten Steinhauses. Ein dahinter annähernd auf der Mittelachse verlaufender, provisorisch und leicht windschief anmutender Lattenzaun verbindet die beiden Gebäudeteile nicht nur optisch miteinander. Der Zaun schirmt den von Menschen bewirtschafteten Lebensraum von dem steil ansteigenden Gebirgshang ab und hält zugleich – der Seherfahrung der leichten Aufsicht entsprechend – die Aufmerksamkeit des Betrachters in dem unteren, sich unmittelbar vor ihm ausbreitenden „inneren“ Darstellungsraum.
Hier bildet das Zentrum des Interesses eine abenteuerliche Rohrkonstruktion, die von links (unterhalb des Holzhauses und das untere Drittel der Bildhöhe markierend) in einer Art Stecksystem längsparallel zum Zaun verläuft, wo sie etwa in der Bildmitte, mit Naturmaterialien befestigt und umkleidet, im Boden verschwindet. Die Konstruktion diente der häuslichen Wasserversorgung, deren Quelle Menzel ebenfalls mit aufs Bild bringt: im oberen rechten Randdrittel, unmittelbar über dem Steinhaus, taucht das Rohr erneut auf und verbindet sich mit dem Berg. Werner Busch machte uns auf eine Zeichnung im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal aufmerksam, die Menzels Interesse an dem hölzernen Leitungssystem zur örtlichen Wasserversorgung über die Obere Wasserfallgasse in Hofgastein demonstriert (vgl. Ausst. Kat. Hamburg 1982, Nr. 110).
Menzel faszinierten unscheinbare Stadtrand- (oder wie hier Dorfrand-)Landschaften bekanntlich in besonderer Weise. Eines seiner berühmtesten „privaten“ Bilder, „Hinterhaus und Hof“ aus dem Jahr 1844, zeigt aus der extremen Aufsicht des Fensterblicks einen sich scheinbar über lange Zeit selbst überlassenen, wild bewachsenen Berliner Hinterhof, den ein hoher Bretterzaun umgrenzt (Berlin, Alte Nationalgalerie). Im Zentrum steht auch hier eine Pumpe mit langer, hölzerner Bewässerungsrinne, die quer über das Gelände zu einer kleinen Baugrube führt. Neben Menzels ausgeprägtem Interesse für Bauplätze ist die Exzentrik der künstlerischen Aneignung vergleichbar, die auf dem Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung beruht und Menzels beste und aufregendste Schöpfungen (v. a. Studien) charakterisiert. Obwohl wir die dargestellte Situation (vielleicht sogar aus eigener Anschauung) zu kennen meinen, können wir wirklich Greifbares lediglich in einzelnen Teilen ausmachen. In unserer Zeichnung sind das die rahmenden Gebäudefragmente, der Berg, der Zaun und ein wildwüchsigen Gestrüpp, dem Menzel zusammen mit der Wasserleitung das Bildzentrum vorbehält. Ein rumpfförmiges, pelzig-struppiges Gebilde (vielleicht ein Strohballen, dafür aber sehr dunkel) scheint sich vom unteren Blattrand – der Leserichtung diagonal entgegengesetzt – mit aller Macht in den Bildraum zu drängen. Ebenso wenig definierbar sind die dahinter hervorlugenden, nur in Umrissen gezeichneten, hellen „Brocken“, die möglicherweise auf Baustellenmaterial hindeuten. Zur Verrätselung des Blicks trägt nicht zuletzt der fensterartige Ausschnitt unterhalb der Rohrbrücke bei: Ob man hier festen Boden oder nur eine Wasserspiegelung unter den Füßen hat, bleibt gänzlich unklar. „Der Realist ist zugleich Phantast, Satiriker, Symbolist und Grübler“, erkannte Ottomar Beta schon zu Menzels Lebzeiten (Beta 1899, S. 71).
Zu Hause in Berlin arbeitete Menzel in jenen Jahren an seinem revolutionären „Eisenwalzwerk“ (1872-75), weshalb er weite Strecken beim Studium in der rauchigen und hitzigen Fabrik in Königshütte verbrachte. Auch unsere Zeichnung zeigt ein ausgeprägtes Interesse für baulich-technische Konstruktionen. Zugleich ist sie Menzels „erholsame“ Antithese zu den vielen Studien zum „Eisenwalzwerk“: Den protokollarisch aufgezeichneten Prozessen der modernen Arbeitswelt, die im Schichtbetrieb 24 Stunden funktioniert, stellt er eine traditionell ländliche, langsame, ja ruhende Arbeitswelt entgegen.
Menzel mag das Familienleben und die ländlichen Streifzüge in Hofgastein sehr genossen haben. In einer Anekdote berichtet sein Freund Paul Meyerheim, dass Menzel von einem seiner Ausflüge auch zu später Stunde noch nicht wieder zurück war: „die ganze Familie schaute mit Ferngläsern aus allen Fenstern nach ihm aus“. Endlich erspähte man ihn auf der Landstraße und eilte hinaus: Man „fand ihn wohlbehalten an einem Chausseegraben sitzend, damit beschäftigt, seinen verstaubten Stiefel mit der umgekrempelten Hose zu zeichnen“ (Meyerheim 1906, S. 58)
Anna Ahrens
Wir danken Dr. Ute Haug, Hamburger Kunsthalle, und Dagmar Lott-Reschke, Ernst-Barlach-Haus, Hamburg, Jasmin Hartmann, Wallraf-Richartz Museum und Fondation Courboud, Köln, und Prof. Dr. Werner Busch, Berlin, für freundliche Hinweise.
Die Zeichnung wird im ausdrücklichen Einvernehmen mit den Erben nach Elsa Helene Cohen angeboten.
Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin)
On the Mountainside. Circa 1872/74
Pencil, with partial stumping, on Whatman wove paper. 24,7 × 32,8 cm ( 9 ¾ × 12 ⅞ in.).
Firmly mounted on cardboard. [3559]
Provenienz: Dr. Albert Martin Wolffson, Hamburg (at the latest 1905, until 1913) / Helene Marie Wolffson, widow of Dr. A. Wolffson, Hamburg / Elsa Helene Cohen, daughter of the previous owner / Hildebrand Gurlitt, Hamburg (31.12.1938 acquired from the previous owner) / Kunstausstellung Gerstenberger, Chemnitz (May 1939) / private collection, Baden-Wuerttemberg (acquired by the grandfather of the current owner, presumably from Gerstenberger)
Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. ed., cat. no. 5426 / Catalogue 35: Nyare Tysk Konst. Stockholm, Liljevalchs Konsthall, 1922, cat. no. 496 („Hydda i bergen“) / Adolph Menzel, 1815–1905. Chemnitz, Kunstausstellung Gerstenberger, 1939, cat. no. 25, with illustration
We would like to thank Dr. Ute Haug, Hamburg Kunsthalle, and Dagmar Lott-Reschke, Ernst-Barlach-Haus, Hamburg, Jasmin Hartmann, Wallraf-Richartz Museum and Fondation Courboud, Cologne, and Prof. Dr. Werner Busch, Berlin, for kindly providing additional information. The drawing is offered for sale with the express consent of the heirs of Elsa Helene Cohen.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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