Lot no. 247
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin)
JUNGE FRAU IM BIEDERMEIERKLEID. (Vor) 1850
Aquarell auf leichtem Karton (Prägestempel: Bristol Paper). 17,9 x 14,8 cm ( 7 x 5 ⅞ in.). Auf einem unten angesetzten Stück desselben Kartons mit Feder in Braun bezeichnet: Rechnen Sie verehrter Freund ! der Kleinen ihr spätes Erscheinen nicht an, sie soll Ihnen dafür sagen, mit welchen Wünschen für Ihr Wohl-Ergehen und -Befinden ich heut zum Beginn 1850 an Sie denke. A. M.
[3404]
Provenienz: Privatsammlung, Berlin
Die Geschichte beginnt also damit, daß sich Adolph Menzel ein Buch ausleiht. Und daß ihn irgendwann das schlechte Gewissen plagt gegenüber dem Freund, der auf ihn warten muß. Und als Menzel dann also in den letzten Tagen des Jahres 1849 nach vorne blickt (was immer heißt, das man kurz im Rückspiegel schaut, ob alles frei ist), dann fällt ihm siedendheiß ein, daß er noch eine alte Rechnung begleichen muß. Und so setzt er sich also hin an Silvester oder am Neujahrstage, dem 1.Januar 1850, nimmt seine Aquarellfarben und legt los: Aus dem dunklen Loch der Erinnerung, in die das entliehende Buch gefallen war, lässt Menzel eine kleine Himmelsbotin treten, zeitgenössisch gekleidet und sich engelsgleich elegant bewegend, hält sie in ihrer Hand das fragliche Buch. Sicher lag es dem kleinen Bild bei, das Menzel dem Eigentümer als Entschuldigungsgruß beifügte – und dazu also die Zeilen: „Rechnen Sie verehrter Freund ! der Kleinen Ihr spätes Erscheinen nicht an, sie soll Ihnen dafür sagen, mit welchen Wünschen für Ihr Wohl-Ergehen und -Befinden ich heut zum Beginn 1850 an Sie denke. A.M.“
So also kann es kommen. Ein kleines Versäumnis wird Anlaß für große Kunst. Menzel lässt seine junge Botin so duftig und leicht aus den roten Aquarellfarben erwachsen, so schwebend und doch so real zugleich, daß es kein Wunder ist, daß er in seinen Zeilen nicht das Buch erwähnt, sondern nur die „Kleine“. Aber die wird es nicht sein, deren Rückgabe er verzögert hat. Sondern doch wohl das, was sie in der Hand trägt und was allein dadurch, wie sie es trägt, so zärtlich und doch so bestimmt, noch einmal neu geadelt wird.
Menzel offenbart hier einen privaten Moment, einen Anflug von schlechtem Gewissen. Doch er begegnet ihn mit einem Höhenflug der Aquarellkunst. Das sollte man auch immer im Hinterkopf haben bei diesem großen Künstler, dem das Kissen bildwürdig blieb, auch wenn er Krönungen malte und den der eigene Fuß malerisch mindestens so interessierte wie ein Flötenkonzert von Friedrich dem Großen: daß es nur einen Funken brauchte, nur einen Blick, einen Gedanken, einen Sonnenstrahl oder einen Windhauch wie bei seinem legendären „Balkonzimmer“, um in ihm die Grundlage zu legen für ein bedeutendes Werk. Und daß sich bei ihm die Grenzen zwischen High und Low, Öffentlichem und Privaten, Auftrag und Spielerei, von Anfang an und bis zum Ende, aufs Schönste und Verwirrenste vermischten. (FI)
Wir danken Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, für die Bestätigung der Authentizität der Zeichnung.
Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin)
JUNGE FRAU IM BIEDERMEIERKLEID. (before) 1850
Watercolour on light cardboard (blindstamp: Bristol Paper). 17,9 x 14,8 cm ( 7 x 5 ⅞ in.). Inscribed on a piece of the same cardboard attached to the bottom of the picture: Rechnen Sie verehrter Freund ! der Kleinen ihr spätes Erscheinen nicht an, sie soll Ihnen dafür sagen, mit welchen Wünschen für Ihr Wohl-Ergehen und -Befinden ich heut zum Beginn 1850 an Sie denke. A. M.
[3404]
Provenienz: Private collection, Berlin
We would like to thank Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, for kindly confirming the authenticity of the drawing.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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