Lot no. 178
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin) Kristallkronleuchter („Studie zum Flötenkonzert“). 1852 Deckfarben und Aquarell auf braunem Papier. 48 × 31 cm ( 18 ⅞ × 12 ¼ in.). Unten rechts mit Bleistift bezeichnet: Farben erschienen wie bei Tage. Je weiter von den Fla[mmen] entfernt, desto dunkler wird das Glas. Rückseitig links oben quer mit Feder in Schwarz monogrammiert und bezeichnet A. M. Studie zum Flötenconcert. [3613] Provenienz: Fritz Werner, Berlin (1905) / Privatsammlung, Sachsen Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. Auflage, Kat.-Nr. 332 Mehr als hundert Jahre nach ihrem flüchtigen Auftritt auf der Menzel-Gedächtnisausstellung 1905 erreicht eine im Wortsinne „merk-würdige“ Zeichnung wieder die Öffentlichkeit. Sie steht in Menzels Werk in doppelter Hinsicht erratisch da: als die einzige in dieser Technik gemalte „Studie“ zu einem der Friedrich-Bilder – sie sind sonst alle mit Kreide, gelegentlich auch mit Bleistift vorbereitet worden; und als erster Vorausblick auf eine berühmte Serie farbiger Blätter. Auf einem der Tonpapiere, wie er sie um dieselbe Zeit auch für seine Pastelle verwendet, arbeitet Menzel diesmal mit deckenden Wasserfarben. Der Kronleuchter sitzt, naturgemäß in auffallender Untersicht aufgenommen, ein wenig schräg im Papierrechteck, auch leise „innere“ Asymmetrien haften ihm an. Dies suggeriert, im Verein mit dem breiten leeren Streifen unten, nicht nur Entfernung, sondern auch Bewegung, ein „Gleiten“ des Blicks durch den Raum und über den Gegenstand hin. Der farbige Vortrag unterscheidet zwischen fester Materialität und der scheinbar körperlosen Wirkung des Kristalls und setzt kleine, sogar kleinste farbige Akzente: Ocker und Gelb für das Metall, winzige hellrote Punkte auf dem Weiß des Glases. Hingegen scheint eine Einbindung des Motivs in den umgebenden Raum nicht angestrebt zu sein. Der Impression von Licht und Lichtbrechung gilt, so scheint es zunächst, die ausschließliche Aufmerksamkeit des Künstlers. Die rückseitige Beschriftung deklariert das Blatt als eine Studie zu dem Gemälde „Flötenkonzert in Sanssouci“. Dieses dritte der Friedrich-Bilder entstand zwar im Wesentlichen zwischen Frühjahr 1851 und Spätsommer 1852, doch farbig entworfen war es schon im Herbst 1848. Vier Jahre muss also der Künstler, den jedes Feuer, jedes künstliche Licht immer anzog, mit dem Wunsch gelebt haben, die in der Ölskizze von 1848 vorgegebene, jedoch noch keineswegs realisierte vertrackte Beleuchtungssituation zu gestalten: nicht als quasi mathematische Demonstration, sondern als poetisch-malerische Stimmung, wie es ihm fortan an immer wieder gelingen sollte. In diesem Zeitraum, doch eher gegen dessen Ende, wird die Studie entstanden sein. Wie auch die meisten Pastelle ist sie aus der Erinnerung gemalt worden, die Vergangenheitsform in der Beischrift bestätigt es: „Farben erschienen wie bei Tage“, wie man unten rechts auf dem Blatt lesen kann. Menzels zuverlässiges Bildgedächtnis weiß sich den abwesenden Gegenstand zu vergegenwärtigen und mit dessen Form auch gleich die Erscheinung, die die Form „aufhebt“: „Je weiter von den Flammen entfernt, desto dunkler wird das Glas.“ Es handelt sich aber keineswegs um den berühmten Rokoko-Lüster aus dem Musiksaal in Sanssouci. Kurz vor seinem Tod wollte Menzel glauben machen, er habe das Bild „bloß gemalt des Kronleuchters wegen“: eine sehr verkürzte Interpretation, zumal ihm damals der Anblick, gar das Studium des abendlich illuminierten Gold- und Glasgebildes verwehrt worden war. Er lernte es nur bei Tage kennen; denn trotz Anträgen beim Hofmarschall war ihm, wie Reinhold Begas von ihm erfuhr, Schloss Sanssouci nur „genau so zugänglich wie jedem andern zahlenden Besucher“. Erst viele Jahre hernach stand er – Höhepunkt eines von Wilhelm II. für ihn arrangierten Hoffestes – vor dem seinerzeit nur imaginierten Lichtwunder. Während sich der reine Sachbestand bei Tage mit dem Bleistift studieren ließ, konnte Menzel die Wirkung des Lichts auf das Kristall nur an einem mehr oder weniger beliebigen Kronleuchter beobachten. Und so zeigt das Aquarell ein weit bescheideneres Modell, eine unorthodoxe Konstruktion, zusammengesetzt aus disparaten Bestandteilen: böhmischem und preußischem, geblasenem und geschliffenem Glas, teils aus dem achtzehnten, teils aus dem neunzehnten Jahrhundert, immerhin für den Kenner – und nur für ihn, denn alle diese Beobachtungen verdanke ich Dr. Käthe Klappenbach, Potsdam – bis in Einzelheiten interpretierbar; Menzels lebhafter, synthetischer Beobachtersinn blendet auch jene Informationen nicht aus, die für den konkreten Studienzweck nicht „benötigt“ werden. Die Zeichnung hat dem Maler Fritz Werner gehört, einem langjährigen Duzfreund und Schützling (und zeitweise Zuarbeiter) Menzels. Da dieser sämtliche bei ihm verbliebene Vorarbeiten zu seinen friderizianischen Werken 1889 der Nationalgalerie als Konvolut verkaufte, muss er die Kronleuchter-Studie schon vorher aus der Hand gegeben haben; ein Anlass dazu bot sich, als Werner, der zuvor einen Stich nach der Tafelrunde ausgeführt hatte, monatelang das „Flötenkonzert“ nachzeichnete, ohne schließlich einen Auftraggeber für die vorgesehene druckgrafische Umsetzung zu finden. (Die Zeichnung aber hat sich in Privatbesitz erhalten.) Nach dieser Enttäuschung (1859/1860) konnte als Trostgeschenk nichts passender scheinen als eine Studie zu dem Bild, das Werner so genau studiert hatte. Für Wasserfarben ist Tonpapier ein ungewöhnlicher Träger. Nach vierzehn Jahren verwendete es Menzel erneut, und wieder ließ er historische Objekte das gegenwärtige Licht reflektieren. Was aber in dem Kronleuchter aus den frühen 1850er-Jahren noch als ein Herantasten an den „Schein“ erkennbar wird, hat sich in den Rüstkammerfantasien von 1866 (siehe Grisebach Auktion November 2014, Nr. 200) zu sublimer Meisterschaft gesteigert. Claude Keisch Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin) Kristallkronleuchter („Studie zum Flötenkonzert“). 1852 Body colour and watercolour on brown paper. 48 × 31 cm ( 18 ⅞ × 12 ¼ in.). Inscribed in pencil lower right: Farben erschienen wie bei Tage. Je weiter von den Fla[mmen] entfernt, desto dunkler wird das Glas. On the reverse left at the top monogrammed and inscribed crosswise in pen and black ink A. M. Studie zum Flötenconcert. [3613] Provenienz: Fritz Werner, Berlin (1905) / Private collection, Saxony Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, edition II, cat. no. 332
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11/30/2016
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