Lot no. 209
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin) „Wirtschaftshof bei Kloster Aura bei Kissingen“. 1884 Bleistift, teilweise gewischt, auf Papier. 31,3 × 23,5 cm ( 12 ⅜ × 9 ¼ in.). Oben links signiert und datiert: A. Menzel /84. Rückseitig unten rechts bezeichnet: Wirtschaftshof bei Kloster Aura b. Kissingen. In der Mitte der Stempel Lugt 1640 in Schwarz; mit Bleistift oberhalb beschriftet: III; unterhalb: N. 45. [3290] Provenienz: Ehemals National-Galerie, Berlin (1921 an Otto Krigar-Menzel verkauft) Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. Auflage, Kat.-Nr. 1985 („Zerfallene Bauernhütte“) Erratum/Addendum: Das Bild wird ungerahmt angeboten. Menzels Kunst in einer Zeichnung zu begegnen, die bei einem seiner „Schwalbenflüge“ auf Reisen entstanden ist, birgt den Hochgenuss und die Herausforderung, dem Künstler in einem hohen Maß selbst zu begegnen. Ausgerüstet mit Papier und Bleistift, folgte der geniale Zeichner auf solchen Streifzügen („ein Hier- und Dorthineinkriechen, mehr Schwalbenflug als Kunstwanderung“) allein seiner eigenen Neugier und Lust an der selbst gewählten künstlerischen Aufgabe – zumal wenn er sich an Orten befand, wo er sich wohlfühlte. Bad Kissingen war so ein Ort. Ab den 1880er Jahren begleitete er seine Schwester regelmäßig zur Kur und machte Urlaub in dem fränkischen Bad, so regelmäßig, dass er sich selbst als „Nicht-Kurgast“ bezeichnete. Menzel nimmt uns auf seiner bildmäßig ausgeführten Zeichnung mit auf einen Ausflug ins nahe gelegene Aura, bekannt für seine mittelalterliche Klosteranlage mit bewegter Geschichte. Doch weder Klosterkirche noch die sogenannte Ruine Aura interessierten den Künstler als würdiges Bildmotiv. Die Aufmerksamkeit des Umherstreifenden blieb vielmehr an einem alten Wirtschaftsgebäude hängen. Wie die angeschnittene Mauer rechts suggeriert, schauen wir mit Menzel vom Hinterhof auf eine rückseitige, bauchig in sich zusammengesunkene fensterlose kleine Bauernhausfassade, deren schmale Dachlaube mit einem Bretterverschlag notdürftig geschlossen wurde. Eine alte, malerisch verwitterte Brandschutzmauer trennt den kleinen eingeschossigen Bewirtschaftungshof von den dahinter in den Himmel aufragenden Gebäuden der eigentlichen Klosteranlage. Wir stehen mit Menzel auf der untersten Ebene, draußen, bei den Hühnern, die um unsere Füße herumflattern. Von rechts schieben sich treppensatzartig abgelegte, schwere Steinquader in den Weg. Sperrig liegen sie vor uns, trotz ihres Gewichts kippelig, scheinbar tänzelnd in ihrer provisorisch konstruierten Lagerung. In unserer zum Stehen gekommenen, das Gelände aufnehmenden und quasi die Lage sondierenden Position nehmen die Quaderstufen unser suchendes Auge auf und geben das Klettern unseres Blicks vor, der – Absatz für Absatz – von der Ebene der Hühner hoch zu der kleinen alten Hoffassade bis zu den Klostergebäuden wandert, deren Gibel vom oberen Bildrand abgeschnitten sind. Knapp unterhalb der Bildmitte steht die schmale Hoftür der kleinen, mittelalterlich anmutenden Wirtschaftsscheune offen. Zwei Personen (ein Mann und eine zweite nicht näher erkennbare Gestalt) treffen sich in dem engen Türrahmen zum Plausch. Der Innenraum des fensterlosen Gebäudes ist dunkel, wodurch sich ihre Silhouetten abzeichnen. Den Streifzug durch das unwegsame Gelände (Menzels Vorliebe für Nebenwege und skurrile bauliche Konstruktionen ist ja bekannt) belohnte den aufmerksamen Beobachter mit dieser intimen Unterhaltung im Schutz der versteckten, historisch-organisch gewachsenen baulichen Situation – denn die Menschen, was sie schufen und wie sie Gegebenes nutzten, sich arrangierten und neu formten, das war es, was Menzel im Kern interessierte. Eben erst hatte er „Piazza d´Erbe in Verona“ vollendet, eines seiner berühmtesten Gemälde. Das pulsierende Leben und mannichfaltige, drängende, schiebende, prüfende und feilschende Treiben auf dem oberitalienischen Gemüsemarkt, mit seiner schier unüberschaubaren Anzahl an Personen und Situationen, wirkt wie ein lautes Gegenstück zu dieser erholsam intimen, leise vor uns liegenden, privaten Meisterzeichnung des „Nicht-Kurgastes“ in Kissingen. Anna Ahrens Wir danken Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, für die Bestätigung der Authentizität der Zeichnung und für freundliche Auskunft zur Provenienz. Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin) “Wirtschaftshof bei Kloster Aura bei Kissingen“. 1884 Pencil, with partial stumping, on paper. 31,3 × 23,5 cm ( 12 ⅜ × 9 ¼ in.). Signed and dated upper left: A. Menzel /84. On the reverse lower right inscribed: Wirtschaftshof bei Kloster Aura b. Kissingen. In the in the middle area the stamp Lugt 1640 in black; in pencil above inscribed: III; beneath this: N. 45. [3290] Provenienz: Formerly National Gallery, Berlin (1921 sold to Otto Krigar-Menzel) Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. Edition, cat. no. 1985 („Zerfallene Bauernhütte“) Erratum/Addendum: This work is offered unframed We would like to thank Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, for kindly confirming the authenticity of the drawing and for kindly providing additional information regarding provenance.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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Art du XIXe siècle
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11/29/2017
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