Lot no. 296
Arnold Böcklin (1827 Basel – 1901 San Domenico)
„Dryaden“. 1897
Öl auf Leinwand. 90 × 63 cm ( 35 ⅜ × 24 ¾ in.). Unten links signiert: A. Böcklin.
Andree 462.1 (linke Hälfte eines vom Künstler geteilten Bildes).–
[3523]
Provenienz: Josef Schüller, München / Theodor Schall, Baden-Baden / Dr. Siegfried Levi, Berlin (1908) / Kunsthandlung Fritz Gurlitt, Berlin / Privatsammlung, Zürich (1954- mind. 1998) / Privatsammlung, Schweiz / Erben nach Dr. Siegfried Levi (2015)
Literatur und Abbildung: XIV. Grosse Kunst-Auction: Katalog der Gemälde-Sammlung des Herrn Josef Schüller, München, sowie aus anderem Privatbesitz. München, Galerie Fleischmann, 10.12.1900, Kat.-Nr. 9, ganzseitige Abbildung als Frontispiz / [Heinrich Alfred Schmid:] Verzeichnis der Werke Arnold Böcklins [...] Vervollständigter und verbesserter Neudruck, der die Nachforschungen bis zum Herbst 1902 enthält. [München 1903], Nr. 401 a („Pan und Dryaden, erste Fassung, linke Seite“) / Fritz von Ostini: Böcklin. Bielefeld, Velhagen & Klasing, 1904, hier 9. Auflage 1925 (= Künstler-Monographien, i. V. m. Andern hrsg. v. H. Knackfuß, Bd. 70), S. 117(?) / Versteigerungskatalog: Verschiedener deutscher Kunstbesitz: Gemälde alter und neuerer Meister, Plastik, Möbel, Keramik. Berlin, Hans W. Lange, gemeinsam mit dem Dorotheum in Wien, 5./6.10.1943, Kat.-Nr. 91, ganzseitige Abb. Tf. 23 / Versteigerungskatalog: Wien, Dorotheum, 1954 / Rolf Andree: Arnold Böcklin. Beiträge zur Analyse seiner Bildgestaltung. Düsseldorf 1962 (= Diss., Freie Univ., Berlin 1960)
Es ist ein Programm, das geradezu faustische Anstrengungen erfordere, schrieb Karl Scheffler, über die Kunst von Arnold Böcklin: Lebendig großen mythischen Stoff mit einer aus unmittelbarer Anschauung entwickelten, guten Malerei zu verbinden, darin erkannte Scheffler eine schier ungeheure Aufgabe. 1897, als auch unser Gemälde entstand, hatte Basel Böcklins 70. Geburtstag mit einer großen Einzelausstellung gefeiert. Tschudi war eben Direktor der Nationalgalerie in Berlin geworden und hatte neben den ersten impressionistischen Gemälden auch zwei Hauptwerke Böcklins erworben. Von seinem frankophilen Mitstreiter Julius Meier-Graefe erntete er für diesen Schritt noch Jahre später scharfe Kritik: „Es gilt festzustellen, daß Manet Malerei ist und Böcklin etwas Anderes“, heißt es in seiner 1905 veröffentlichten berühmten Schrift. Der Streit um „den Fall Böcklin“, den Meier-Graefe zum „Fall Deutschland“ stilisierte, zog damals weite Kreise - und später in die Kunstgeschichtsschreibung ein. Aus heutiger Sicht ist Böcklins Rolle als Begründer des deutschen Symbolismus kaum mehr zu bestreiten. Seine Wurzeln liegen in der deutschen Spätromantik, deren Ideen er für die Gegenwart seiner Zeit fortschrieb. Die rasanten Entwicklungen veränderten nicht nur die Wahrnehmung der Außenwelt. Aus der Erforschung des Unbewußten und der Lust am Okkulten entsprangen gänzlich neue Weltbilder, die auf das geistige, das innere Auge gerichtet waren. Freud, Nietzsche, Wagner drangen in Sphären jenseits von allem bisher Bekannten vor. Die Mythologie der Antike und ihre Dichter waren dem Lebensgefühl des Fin de Siècle Quelle und Inspiration. Böcklins Œuvre ist durchdrungen von der „Gegenwärtigkeit des Mythischen“ (Ranke 1977), von der Poesie eines aus der Zeit gefallenen Traums, von Natursymbolik, Phantasie, Musik. Er hat „die blassen Gedanken (der Nazarener) bis zum Bersten mit Sinnlichkeit gefüllt und an die Stelle puritanischer Nüchternheit den Rausch gesetzt“, so Scheffler: „Er setzt die Lokalfarben so nebeneinander, dass eine gewisse Mystik erzeugt wird. Das Resultat ist aber nicht eine Stimmung, sondern der fast schmerzhaft starke Begriff einer Stimmung“. Unser Gemälde mag Scheffler gleich in mehrfacher Hinsicht bestätigen. Es ist die erste von drei Fassungen zu dem Thema „Pan und Dryaden“. Böcklin war mit seiner Ausführung unzufrieden und zerschnitt das Bild, bevor es vollendet war. Bis heute werden der linke Teil mit den Dryaden, also unser Bild, und ein Fragment der rechten Bildhälfte mit dem flötenden Pan getrennt voneinander aufbewahrt. Die Phantasie wird durch diese Teilung verstärkt herausgefordert. Die weiblichen Baumgeister haben sich aus dem Schutz ihrer Behausung gewagt, um sich den – nun nicht mehr sichtbaren – Klängen der Panflöte hinzugeben. Die gesteigerte Konzentration auf die Figuren verbündet sich mit einer geradezu plakathaften Farbigkeit ihrer Gewänder. Es ist bekannt, daß für den Musikkenner und Wagner-Liebhaber Böcklin ein bestimmter Musikton einem Farbton und ein Musikakkord einem Farbakkord entsprach. Für ihn vermochten beide, Musik- wie Farbtöne, menschliche Empfindungen am klarsten auszudrücken. Violett etwa verband Böcklin mit Traurigkeit, bestimmte Rot- und Orangetöne hingegen waren für ihn positiv besetzt. Seine Liebhaberei für Farbexperimente äußerte sich in Form von „starkfarbigen Wollbüscheln“, die er immer in seiner Westentasche mit sich trug, um mit Künstlerfreunden wie Hans Thoma seine Ideen zu diskutieren.
Wassily Kandinsky nannte den Schluß des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine der größten Epochen des geistigen Lebens der Menschheit. Eine besondere Rolle nahm auch für ihn Arnold Böcklin ein, der „auf das Gebiet des Mythologischen und des Märchenhaften“ ging, wobei er „in stark entwickelte materielle Formen seine abstrakten Gestalten kleidete: das sind die Sucher des Inneren im Äußeren“. Und Meier-Gräfe konnotierte 1925: „Dort Böcklin und hier Nolde oder Schmidt-Rottluff: das sind die Pole ein und desselben Kunstwerts.“ AA
Das Gemälde wird im ausdrücklichen Einvernehmen mit den Erben nach Dr. Siegfried Levi angeboten.
Arnold Böcklin (1827 Basel – 1901 San Domenico)
„Dryaden“. 1897
Oil on canvas. 90 × 63 cm ( 35 ⅜ × 24 ¾ in.). Signed lower left: A. Böcklin.
Andree 462.1 (the left half of a picture cut by the artist).–
[3523]
Provenienz: Josef Schüller, Munich / Theodor Schall, Baden-Baden / Dr. Siegfried Levi, Berlin (1908) / art dealership Fritz Gurlitt, Berlin / private collection, Zurich (1954 - at least 1998) / private collection, Switzerland / heirs of Dr. Siegfried Levi (2015)
Literatur und Abbildung: XIV. Grosse Kunst-Auction: Katalog der Gemälde-Sammlung des Herrn Josef Schüller, München, sowie aus anderem Privatbesitz. Munich, Galerie Fleischmann, 10.12.1900, cat. no. 9, full-page ill. as frontispiece / [Heinrich Alfred Schmid:] Verzeichnis der Werke Arnold Böcklins [...] Vervollständigter und verbesserter Neudruck, der die Nachforschungen bis zum Herbst 1902 enthält. [Munich 1903], no. 401 a ("Pan und Dryaden, erste Fassung, linke Seite“) / Fritz von Ostini: Böcklin. Bielefeld, Velhagen & Klasing, 1904, here 9th edition 1925 (= Künstler-Monographien, published (together with other publishers) by H. Knackfuß, vol. 70), p. 117(?) / Auction catalogue: Verschiedener deutscher Kunstbesitz: Gemälde alter und neuerer Meister, Plastik, Möbel, Keramik. Berlin, Hans W. Lange, together with the Dorotheum in Vienna, 5./6.10.1943, cat. no. 91, full-page ill. pl. 23 / Auction catalogue: Vienna, Dorotheum, 1954 / Rolf Andree: Arnold Böcklin. Beiträge zur Analyse seiner Bildgestaltung. Düsseldorf 1962 (= Diss., Freie Univ., Berlin 1960)
The painting is offered for sale with the express consent of the heirs of Dr. Siegfried Levi.
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