Lot no. 15
August Macke (Meschede 1887 – 1914 Perthes-les-Hurlus) „Nacktes Mädchen mit roter Blume (Gelber Akt)“. 1911 Öl auf Leinwand, auf Pappe aufgezogen. 89,4 × 69,8 cm ( 35 ¼ × 27 ½ in.). Rückseitig von Wolfgang Macke (dem Sohn des Künstlers) mit Feder in Blau beschriftet: 210 [im Kreis] August Macke Nacktes Mädchen mit roter Blume (gelber Akt) 1911. Heiderich 304.– [3119] Provenienz: Nachlass des Künstlers (seitdem in Familienbesitz, bis 2016 als Leihgabe im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster) Literatur und Abbildung: Gustav Vriesen: August Macke. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1953, Nr. 241, Abb. S. 321 / Ursula Heiderich: August Macke. Die Skizzenbücher. Bd. 1, Stuttgart, Verlag Gerd Hatje, 1987, S. 62, Abb. 53 / Ausst.-Kat. August Macke und die frühe Moderne in Europa. Münster, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte und Bonn, Kunstmuseum, 2001/02, S. 113, Abb. 11, S. 114 (nicht ausgestellt) / Florian Illies: Elisabeth, mon amour. In: Grisebach. Das Journal. Heft 6, Berlin 2016, S. 50-54, m. Farbabb. S. 51 Wie es August Macke gelang, die Einflüsse von Maillol, Munch und Sérusier zu einem Symbolbild seiner Frau Elisabeth zu verbinden Wer suchet, der findet. Kaum ein anderer Künstler der Erneuerungsbewegungen von Brücke und Blauer Reiter war ein so lustvoller Sucher wie August Macke – als ahne er, dass sein künstlerisches Werk und sein Leben im Ersten Weltkrieg jäh enden würden, jagte er in der Zeit ab 1905 mit Leidenschaft und hoher Geschwindigkeit nach immer neuen Anregungen und Vorbildern und Stimulanzien. Die große Ausstellung „August Macke und die Moderne in Europa“ in Münster und Bonn im Jahre 2001/2002 konnte en detail zeigen, wie sich Macke auf seinem eigenen künstlerischen Weg immer wieder intensiv mit den prägenden Strömungen seiner Zeit auseinandersetzte. Bekannt sind natürlich vor allem seine intensiven Beschäftigungen mit den Farbspektren Robert Delaunays, die er in seine Kunst integrierte, auch die Inspirationen, die er aus Kubismus, Futurismus und von Matisse erhielt. Immer wieder holte er sich neue Anregungen, ganz bewusst auch durch Kopien, aber schon in den Aneignungen schlägt immer wieder Mackes lebensbejahendes rheinländisches Gemüt durch. So warm wie bei ihm war der Futurismus von seinen Erfindern nicht gedacht, und so freundlich wie er es praktizierte, wollten die Kubisten eigentlich nicht die Welt zersplittern. Und Matisse? Ja, den liebte er über alle Maßen, aber in seinen künstlerischen Liebesbezeugungen werden die Damen vom Montparnasse und der Côte d‘Azur doch sehr sichtbar nach Bonn-Endenich und an den Rhein verlegt. Es gibt allerdings noch andere französische Künstler, die Macke, den nicht nur seine Hochzeitsreise, sondern auch seine Gedanken immer wieder nach Paris und in die dortigen Ateliers führten, intensiv beschäftigten, ihn „antippten“, wie er es Kandinsky gegenüber einmal nannte, wenn ihn wieder ein neuer Reiz von außen in Aufruhr versetzte. Im Jahr 1911 entstand das monumentale Bild „Gelber Akt“, das von der Forschung bislang noch nicht ausführlich gedeutet wurde. Zunächst erinnert das sinnlich Gedrungene der Oberschenkel des Aktes an die intensive Beschäftigung mit den Skupturen Maillols, die Macke in Paris kennengelernt hatte. Ursula Heiderich, die Verfasserin des Werkverzeichnisses und maßgeblich an Ausstellung und Katalog von 2001 beteiligt, hat gezeigt, wie diese Nachzeichnungen nach Maillols „Méditerranée“ direkten Einfluss auf das „Nackte Mädchen mit roter Blume (Gelber Akt)“ genommen haben, vor allem im fließenden und geschlossenen Umriss der Figur. Macke hat in zahlreichen Zeichnungen die voluminöse Körpersprache der Maillol‘schen Figuren mit Begeisterung zu erfassen versucht, das Urweibliche, das sich in ihnen verkörpert, das Erdschwere, das dennoch eine archaische Anmut auszustrahlen vermag. Ins Auge sticht bei unserem Bild aber natürlich vor allem dessen Farbigkeit, dieses üppige Gelb, das leuchtet wie das warme Sonnenlicht des Südens. Früh berichtete August Macke seiner Frau Elisabeth, dass es ihm darum gehe, die Kraft der „reinen Farben“ auf die Leinwand zu bringen – und wir wissen von Elisabeth, dass Macke sich zur Zeit der Entstehungdieses Aktgemäldes intensiv mit der Farblehre Paul Sérusiers beschäftigt hat und einen Farbkreis danach aufstellte (siehe die Abbildung unten rechts). In diesem Zeitraum ist Mackes „Frauenkopf in Orange und Braun“ entstanden, der heu- te im Centre Pompidou in Paris hängt – die Haut hat genau das Gelb unseres Aktes. Aber mehr noch – auch bei dieser Frau hat er natürlich nur Elisabeth, seine geliebte Ehefrau und sein ständiges Modell, im Sinn. Aber sie wird hier ebenso zu einer Chiffre für die Frau an sich. Natürlich ist sie durch die mandelförmigen Augen, die markant geschwungenen Augenbrauen, den Mittelscheitel, diesem elisabethanischen Dreiklang, eindeutig zuzuordnen – und dennoch hat der „Frauenkopf“ etwas Typisierendes. Denn es geht Macke in diesen Bildern eben um mehr als um eine Darstellung seiner Frau in einer bestimmten Situation und in einem bestimmten Licht. Es geht ihm darum, von den Wirkungen der Farben aufeinander zu erzählen. Im Pariser Bild konzentriert er sich auf die beiden Sérusier‘schen Farbstränge, die den senkrecht nach oben und nach oben links austretenden Farbstrahl markieren. Es geht also einerseits um den Verlauf von einem Weiß in ein Gelb in ein helles Orange – das finden wir im Gesicht. Der Umhang hingegen scheint eins zu eins den Farbverlauf des zweiten Stranges von Sérusier nachzubilden – von einem dunklen zu einem immer heller werdenden Orange. In dem „Gelben Akt“ ist er noch weiter gegangen – und das erklärt die Kühnheit dieses Gemälde. Hier ist es ihm gelungen, den gesamten Farbkreis von Sérusier zu einem Gemälde werden zu lassen. Das Gelb, zwischen Hell und Orange changierend, im Körper der Frau. Das Rot des Bandes im Haar, das direkt vom unteren rechten Strang kommt. Und dann – nur so erklärbar – der sonderbare Hintergrund aus starken Blau- und Grüntönen. Das ist genau die Farbigkeit, die Macke in seinem „Farbkreis nach Sérusier“ in den beiden links austretenden Strängen vorgebildet hat – und schließlich in seinem Gemälde zur Anwendung bringt. So kommt unserem Gemälde eine ganz besondere Bedeutung zu – es ist malerischer Ausdruck einer farbtheoretischen Überlegung. Bemerkenswert ist, dass das Bild auch komplett ohne diesen Hintergrund funktioniert. Aber erst durch ihn versteht man die ungewöhliche Doppelwirkung. Das Ganze ist ganz bewusst grob gemalt, vor allem im Hintergrund, es geht um das Symbolische, um die Kraft der Frau und die Kraft der Farben. Dessen ungeachtet, das zeigen der Pariser „Frauenkopf“ wie der Akt, sind es immer die Züge seiner geliebten Elisabeth, die Macke malt, wenn er Weiblichkeit auf die Leinwand bringt. Zumal: Die Frau, die August Macke immer wieder nackt sah und eben auch nackt malte, das war sie. Schaut man sich die Fotografien und Bildnisse von ihr aus der Zeit um 1911 an, dann sieht man, wie die beiden Augenbrauen geradezu zu einer Signatur Elisabeths wurden, dazu die gesenkten Lider, die volle Unterlippe. Aber in diese Stilisierung Elisabeths flossen nicht nur die Einflüsse Maillols und Sérusiers ein. Es gibt, worauf Gerd Presler hinweist, auch eine frappierende und eigentlich aus dem Bild nicht erklärbare Verbindung des roten Haarbandes des Aktes zu Munchs legendärer „Madonna“, in der die Kombination aus Akt und Anbetungsobjekt um 1894 vorgebildet wurde und das Macke natürlich kannte. Aber skandinavisch geriet ihm seine Madonna dennoch nicht, es ist neben dem Französischen eher das Orientalische aus seinen Märchenillustrationen dieser Zeit, das mit in das Gemälde einfließt. Ein Bild also, das voller Kunstgeschichte und voller Anspielungen steckt – das Faszinierende ist aber, wie es Macke gelingt, all die Einflüsse und Bildwelten, die ihm vor Augen standen, miteinander zu versöhnen: Entstanden ist ein Bildnis der Weiblichkeit, voll Kraft, Anmut und in einer zarten meditativen Entrückung. Elisabeth als weiblicher Buddha. Der Akt als religiöses Motiv und praktizierte Farbtheorie. Florian Illies „Als Auslöser für die Bildidee wirkten wohl zwei Nachzeichnungen Mackes nach Maillol in Skizzenbuch 21 aus der Berliner Studienzeit. [...] Mackes direkte Vorbilder waren vermutlich die Illustrationen zum Aufsatz von Maurice Denis über Aristide Maillol in Kunst und Künstler, Jg. 4, Heft 4 vom 30.7.1906, Abb. S. 473 und 475. Das Vorbild Maillols wirkte gleicherweise anregend auf Motivwahl und Formgebung" (Ursula Heiderich: August Macke. Gemälde. Werkverzeichnis. Ostfildern, Hatje Cantz, 2008, S. 388, siehe Abb. unten). August Macke (Meschede 1887 – 1914 Perthes-les-Hurlus) „Nacktes Mädchen mit roter Blume (Gelber Akt)“. 1911 Oil on canvas, laid down on cardboard. 89,4 × 69,8 cm ( 35 ¼ × 27 ½ in.). On the reverse inscribed in pen in blue by Wolfgang Macke (the son of the artist) : 210 [in a circle] August Macke Nacktes Mädchen mit roter Blume (gelber Akt) 1911. Heiderich 304.– [3119] Provenienz: Estate of the artist (thence by descent to the present owner, until 2016 on loan to the Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster) Literatur und Abbildung: Gustav Vriesen: August Macke. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1953, no. 241, ill. p. 321 / Ursula Heiderich: August Macke. Die Skizzenbücher. vol. 1, Stuttgart, Verlag Gerd Hatje, 1987, p. 62, ill. 53 / Ex. cat. August Macke und die frühe Moderne in Europa. Münster, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte and Bonn, Kunstmuseum, 2001/02, p. 113, ill. 11, p. 114 (not exhibited) / Florian Illies: Elisabeth, mon amour. In: Grisebach. Das Journal. vol. 6, Berlin 2016, p. 50-54, with colour ill. p. 51 „Als Auslöser für die Bildidee wirkten wohl zwei Nachzeichnungen Mackes nach Maillol in Skizzenbuch 21 aus der Berliner Studienzeit. [...] Mackes direkte Vorbilder waren vermutlich die Illustrationen zum Aufsatz von Maurice Denis über Aristide Maillol in Kunst und Künstler, Jg. 4, Heft 4 vom 30.7.1906, Abb. S. 473 und 475. Das Vorbild Maillols wirkte gleicherweise anregend auf Motivwahl und Formgebung" (Ursula Heiderich: August Macke. Painting. Catalogue raisonné. Ostfildern, Hatje Cantz, 2008, p. 388, see ill. at the bottom).
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Œuvres Choisies
10719 Berlin - Germany
12/01/2016
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