Lot no. 123
Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden) „Gotische Kirche über Baumwipfeln bei Mondenschein“ („Kleine Mondscheinlandschaft mit Kirchlein“). Um 1840 Öl auf leichtem Karton. 7 × 11,1 cm ( 2 ¾ × 4 ⅜ in.). Prause 194 (ident. m. Prause 203).– Auf der Rückseite einer Einladungskarte für „Herrn Hof- und Medicinalrath Dr. Carus“ zur Monatsversammlung der Flora, Sächsische Gesellschaft für Botanik und Gartenbau, Dresden, 2. Mai [ohne Jahresangabe]. [3454] Provenienz: Galerie Neumeister u. Gräf, München (1955) / Sammlung Georg Schäfer, Obbach (1955 bis 1999) / Nachlass Prof. Dr. Jens Christian Jensen, Hamburg Ausstellung: Carl Gustav Carus und die zeitgenössische Dresdner Landschaftmalerei. Gemälde aus der Sammlung Georg Schäfer, Schweinfurt. Schweinfurt, Altes Rathaus, 1970, Kat.-Nr. 3, Abb. Farbtafel 5 / Caspar David Friedrich und Umkreis. Hamburg, Galerie Hans, 2006, Kat.-Nr. 24, m. Farbabb. / Carl Gustav Carus. Natur und Idee. Dresden, Kupferstich-Kabinett und Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, in der Gemäldegalerie Alte Meister und im Residenzschloss Dresden, und Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, 2009/2010, Kat.-Nr. 139, m. Farbabbildung Literatur und Abbildung: Versteigerungskatalog 38. Hamburg, Dr. Ernst Hauswedell, 1949, Kat.-Nr. 1207 / Robert Rosenblum: Modern Painting and the Northern Romantic Tradition. From Friedrich to Rothko. London, Thames & Hudson, 1975, Nr. 131, m. Abbildung „Ich kam an einer alten verlassenen gothischen Kapelle vorbei, die im Mondschein ein gar hübsches Bild gegeben haben müsste [...]“, schrieb Carl Gustav Carus am 4. Juni 1844, als er sich in dem englischen Städtchen Windsor aufhielt. Der tagebuchartige Eintrag, den er nur ein Jahr später, 1845, in seiner zweibändigen Schrift „England und Schottland im Jahr 1844“ veröffentlichte, stellt keine Ausnahme dar. Die Notizen, die Carus auf Reisen niederschrieb, sind vielmehr durchzogen von Hinweisen auf Bauwerke und deren Anmutung. Was diese kurzen Erwähnungen oder Beschreibungen auszeichnet, ist die Art und Weise, in der Carus sie mit atmosphärischen Schilderungen oder gedanklichen Assoziationen verbindet. Immer wieder formuliert er Eindrücke, die sich implizit oder sogar ausdrücklich als regelrechte Bilder zu erkennen geben. So hielt er am 27. Juni 1844 nach einem Spaziergang in Oxford fest: „Jetzt erst, in dem stillen röthlichen Abendlicht, beim Leuchten des ersten Mondviertels, waren diese Baulichkeiten vollkommen schön! – Wie malerisch wirkt nun das Grau dieser alten Verzierungen, das Verwitterte dieser Thürme, das Grün dieses Epheus! [...] Wunderbare Bilder überall!“ Das kleine Gemälde einer gotischen Kapelle bei Mondschein wirkt fast wie ein bildliches Pendant zu diesen Schilderungen, die ihrerseits ja bereits poetische Bilder evozieren. Trotz des äußerst kleinen Formats und des Kartons, der als Bildträger dient, beschränkt sich das Gemälde nicht darauf, wie eine Ölskizze eine Beobachtung festzuhalten. Vielmehr gibt es sich als gezielt komponiertes Bild zu erkennen, in dem der linke der beiden schlanken Ecktürme exakt die Mitte des Bildes markiert. Die ins Zentrum gerückte Kapelle wird effektvoll von Baumwipfeln verdeckt. Rechts wird sie zudem um ein weiteres, niedrigeres Gebäude mit Dachreiter und Glocke ergänzt. Vor allem aber ist die in ihrer Farbigkeit beinahe silhouettenhaft reduzierte Szenerie von einem warm leuchtenden, gestirnten Nachthimmel hinterfangen. Kaum zufällig ist die mit dem Zirkel gezogene Mondsichel dabei so tief positioniert, dass sie sich mit einem der Ecktürme zu berühren scheint. Es fällt nicht leicht, das ungewöhnlich kleine Bild zu datieren. Dass Carus die Rückseite eines Einladungskartons der „Flora“, einer Dresdner Gesellschaft für Botanik und Gartenbau, benutzte, erlaubt aber zumindest eine erste Eingrenzung. Zwar fehlt dem dort handschriftlich eingetragenen Datum eine Jahreszahl, doch ist die partiell verloren gegangene Ortsangabe als „Zwinger-Salon“ zu ergänzen – ein Seitenblick auf ähnliche Kartons, die Johan Christian Dahl ebenfalls als Bildträger nutzte, bestätigt diese Vermutung (vgl. Grisebach Auktion 262, Los 142 und 143; Thomas Le Claire Kunsthandel, Johan Christian Dahl 1788–1857. Zehn Ölskizzen, Hamburg 2009, Nr. 9; oder Bang 1987, Nr. 1075 und 1076). Der Salon im Zwinger stand der „Flora“ allerdings erst ab 1832 zur Verfügung, sodass das Bildchen von Carus nicht zuvor entstanden sein kann. Noch wahrscheinlicher ist jedoch eine Entstehung in der Mitte der 1840er Jahre. Denn Gebäude, wie er sie in sein kleines Gemälde aufnahm, hatte Carus insbesondere auf seiner England-Reise des Jahres 1844 in selten großer Zahl sehen können: Vergleichbare Kapellenbauten mit Westfassaden, die von schlanken Ecktürmen gerahmt, durch ein großes zentrales Maßwerkfenster geschmückt und mit einem Giebel gekrönt werden, finden sich u. a. in einigen alten Colleges von Cambridge, das Carus am 20. Juni 1844 besuchte, oder auch in Eton, wo er sich wenige Wochen zuvor aufhielt. Wenn man erwägt, dass Carus sein kleines Gemälde in Erinnerung an solche englischen Reiseeindrücke schuf, könnte der Dachreiter ein benachbartes Collegegebäude krönen. Dennoch dürfte es sich kaum um eine Vedute handeln, die einen bestimmten Bau mit einiger Präzision wiedergeben will. Der unverkennbar bewusst komponierte Bildaufbau und der Umstand, dass die Kapelle keine Details erkennen lässt, die es erlauben würden, sie verlässlich zu identifizieren, sprechen vielmehr dafür, dass das Gemälde ein nachträglich synthetisiertes Erinnerungsbild vor Augen führt. Auf diese Weise variierte Carus ein Motiv, mit dem er in den 1840er-Jahren mehrfach und in deutlich größeren Bildern – zu denken ist etwa an die Stadt in der Abenddämmerung, um 1845, (Prause 1968, Nr. 68) – nochmals eindrucksvolle späte Zeugnisse der Dresdner Romantik schuf. Johannes Grave Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden) „Gotische Kirche über Baumwipfeln bei Mondenschein“ („Kleine Mondscheinlandschaft mit Kirchlein“). Circa 1840 Oil on light cardboard. 7 × 11,1 cm ( 2 ¾ × 4 ⅜ in.). Prause 194 (identical to Prause 203).– On the reverse of a invitation card from „Herrn Hof- und Medicinalrath Dr. Carus“ to the monthly meeting of "Flora", the Saxon Society for Botany and Garden Design, Dresden, 2nd May [without year information]. [3454] Provenienz: Galerie Neumeister and Gräf, Munich (1955) / the Georg Schäfer collection, Obbach (1955 until 1999) / estate Prof. Dr. Jens Christian Jensen, Hamburg Ausstellung: Carl Gustav Carus und die zeitgenössische Dresdner Landschaftmalerei. Gemälde aus der Sammlung Georg Schäfer, Schweinfurt. Schweinfurt, Altes Rathaus, 1970, cat. no. 3, ill. colour plate 5 / Caspar David Friedrich und Umkreis. Hamburg, Galerie Hans, 2006, cat. no. 24, with colour ill. / Carl Gustav Carus. Natur und Idee. Dresden, Kupferstich-Kabinett and Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, in the Gemäldegalerie Alte Meister and in the Residenzschloß Dresden, and Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, 2009/2010, cat. no. 139, with colour illustration Literatur und Abbildung: Auction catalogue 38. Hamburg, Dr. Ernst Hauswedell, 1949, cat. no 1207 / Robert Rosenblum: Modern Painting and the Northern Romantic Tradition. From Friedrich to Rothko. London, Thames & Hudson, 1975, no. 131, with illustration
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale
Live
Art du XIXe
10719 Berlin - Germany
05/31/2017
Offered by Grisebach
0049 30 885 915 0