Lot no. 137
Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden) „Tannen“. Um 1840 Öl auf Papier auf Pappe. 14,8 × 11 cm ( 5 ⅞ × 4 ⅜ in.). Rückseitig oben mit Feder in Braun beschriftet: Aus dem Skizzenbuch meines Urgroßvaters C. G. Carus. Rietschel Oberregierungsbaurat. Prause 394.– [3298] Provenienz: Franz Rietschel, Urenkel des Künstlers, Dresden / ­Privatsammlung, Friedberg (1968) / Privatsammlung, Berlin Als Carl Gustav Carus in den 1820er-Jahren an den „Briefen über Landschaftsmalerei“ arbeitete, die zu seiner bedeutendsten kunsttheoretischen Schrift werden sollten, nahm er die Begriffe „Erdlebenbild“ und „Erdlebenbildkunst“ zu Hilfe, um den erweiterten Anspruch an das Landschaftsbild in der künftigen Malerei besser umschreiben zu können. Carus betonte dabei, dass keineswegs nur große Kompositionen oder erhabene Szenerien zum Erdlebenbild geschaffen wären, sondern dass „jede, auch die stillste und einfachste Seite des Erdlebens, wenn nur ihr eigentlicher Sinn, die in ihr verborgene göttliche Idee richtig erfaßt ist, ein würdiger und schöner Gegenstand der Kunst“ sei. Und noch genauer erläuterte er: „Der stillste Waldwinkel mit seiner mannigfach treibenden Vegetation, der einfachste Rasenhügel mit seinen zierlichen Pflanzen ..., wird das schönste Erdlebenbild gewähren können, welches, sei es nun in kleinem oder großem Raume ausgeführt, wenn nur mit Seele erfaßt, nichts zu wünschen übrig lassen wird.“ Obwohl es selbstredend immer problematisch bleibt, die theoretischen Erwägungen eines praktizierenden Künstlers mit den von ihm geschaffenen Werken in Kongruenz bringen zu wollen, wird man doch im Falle der kleinen Waldstudie von Carus mindestens die grundsätzliche Zielstellung als Maßstab anlegen können. Der malende Naturbeobachter widmet sich in der annähernd handtellergroßen Studie einem kleinen, ganz nah gesehenen Ausschnitt der Natur, der – und das ist fast wörtlich zu nehmen – in den Fokus des Blicks genommen ist. Die Unschärfen an den Rändern im unteren Bildteil scheinen diese optisch fixierende Sicht zu bestätigen. Obwohl das ausgewählte Waldstück, das pars pro toto, von der Art seiner Erscheinung her wahrhaft unspektakulär ist, bietet es ausreichend Gelegenheit, die authentischen Eindrücke eines genauen Naturstudiums in die malerische Form zu übertragen. Beobachtet werden im Einzelnen etwa die Staffelung der unterschiedlich hohen Bäume, die verschiedenen Helligkeitsstufen ihrer Schichtung von der Tiefe bis in den nahen Vordergrund hinein, die Reflexe des Lichts auf den Blättern und Zweigen, der Kontrast zwischen der dunklen Silhouette des Waldes und dem hellen Blau des Himmels wie auch Formmuster in den Ballungen dichten Laubwerks oder beim Aufstreben paralleler Zweige. Die lockere, rasch notierende Pinselschrift betont das Erfassen aus dem unmittelbaren, gleichwohl kontrollierten Augeneindruck heraus. Als künstlerisches Dokument erhält die Studie zusätzlichen Reiz durch die nachweisbare Herkunft aus der Familie des Malers, in der sie über Generationen weitergereicht worden ist. Laut einer rückseitigen Beschriftung stammt das Werk aus dem Besitz des Dresdner Oberregierungsbaurats Franz Adolph Rietschel, der ein Urenkel von Carl Gustav Carus gewesen ist. Sophie Charlotte, die älteste Tochter von Carus, hatte 1836 den Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel geheiratet, dessen erste Frau jung gestorben war. Doch auch der zweiten Ehe von Rietschel war nur eine kurze Zeitspanne vergönnt, da Sophie Charlotte, geb. Carus, bereits am 12. Mai 1838 in Dresden starb. Der Sohn Wolfgang, der am 28. August 1837 als einziges Kind aus dieser Verbindung hervorgegangen war, wurde zum Ahnherrn aller Nachfahren von Carl Gustav Carus, weil von dessen insgesamt elf Kindern keine weiteren Nachkommen ausgingen. Der Urenkel Franz Adolph Rietschel, der sich auf der Rückseite der Studie selbst als Besitzer ausweist, wurde am 8. Mai 1869 geboren, wenige Wochen bevor sein Urgroßvater Carl Gustav Carus am 28. Juli desselben Jahres verstarb. Der Großvater Ernst Rietschel dagegen ist im Alter von 56 Jahren bereits 1861 gestorben. So führt uns die Herkunft dieses kleinen Bildchens zugleich in die Geschichte der miteinander verbundenen Dresdner Künstlerfamilien Carus und Rietschel ein. (Gerd Spitzer) Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden) „Tannen“. Circa 1840 Oil on paper on cardboard. 14,8 × 11 cm ( 5 ⅞ × 4 ⅜ in.). On the reverse at the top inscribed in pen and brown ink: Aus dem Skizzenbuch meines Urgroßvaters C. G. Carus. Rietschel Oberregierungsbaurat. Prause 394.– [3298] Provenienz: Franz Rietschel, great-grandchild of the artist, Dresden / ­Private Collection, Friedberg (1968) / Private Collection, Berlin
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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19th Century Art
10719 Berlin - Germany
05/29/2019
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