Lot no. 136
Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden)
„Weidenstamm mit Unterholz“. Um 1820
Öl auf Papier auf Karton. 12,6 × 15,6 cm ( 5 × 6 ⅛ in.).
Prause 391 (dort datiert 1835/40).–
[3004]
Provenienz: Johann Friedrich Lahmann, Dresden-Weißer Hirsch / Privatsammlung, Süddeutschland
Literatur und Abbildung: Versteigerungskatalog 2122: Nachlaß Johann Friedrich Lahmann, Weißer Hirsch-Dresden. Gemälde und Handzeichnungen alter und neuer Meister, Möbel, Teppiche, europäisches und ostasiatisches Kunstgewerbe. Berlin, Rudolph Lepke's Kunst-Auctions-Haus, 27.-29.4.1938, Kat.-Nr. 36 („Vegetationsstudie“)
Eine kleine Ölmalerei von Postkartengröße, wenig spektakulär im Motiv, doch von besonderer Anziehungskraft. Die Art der Naturauffassung und die Malweise sind so charakteristisch, dass trotz fehlender Bezeichnung die Einordnung in das Werk von Carl Gustav Carus vollkommen überzeugt. Carus, ein „Universalgelehrter“ noch ganz im Sinne von Goethe und Alexander von Humboldt, hatte in Leipzig Naturwissenschaften, Philosophie und Medizin studiert, allerdings niemals eine Kunstakademie besucht, sodass er sich selbst als Dilettant und Autodidakt bezeichnete. Dennoch war er einer der bemerkenswertesten Maler seiner Zeit. Neben Caspar David Friedrich und Johan Christian Dahl ist er als dritter Hauptmeister romantischer Landschaftsmalerei in Dresden anerkannt worden. Seine künstlerische Prägung durch den zeitweise engen Freund Friedrich ist bekannt. Doch heute will es scheinen, als ob gerade jene zahlreichen Naturstudien, die Carus schuf, die persönlichen Intentionen des leidenschaftlichen Naturforschers und geistreichen „Erdlebenbild“-Suchers noch viel besser zur Geltung bringen konnten. Denn auch von Dahl ist Carus schon früh beeinflusst worden. Er hatte den norwegischen Wahl-Dresdner bereits 1820 im Atelier besucht und bewunderte „die Wahrheit vieler einzelner Gegenstände, besonders die Vorgründe in seinen Bildern“. 1822 saß Carus nach eigener Mitteilung selbst „unter Pflanzen und Bäumen“ vor der Stadt „viele Stunden lang“, um seine Natureindrücke in malerischen Studien festzuhalten. Paul Ferdinand Schmidt hat 1928 festgestellt: „Man legt wohl zu viel Nachdruck auf den Einfluß, den er [Friedrich], der Reifere, der berufsmäßige Künstler, auf den dilettierenden Arzt ausübte. ... Carus ist in allem Naturnachahmenden als ernsthafter Schüler von Klengel und weit mehr im Wettstreit mit Dahl und Öhme als mit Friedrich zu achten.“
Für seine kleine Vegetationsstudie mit dem Weidenstamm im Unterholz wählte der Maler einen nahsichtig erfassten Ausschnitt der Natur, der jedoch kaum zufällig erscheint, sondern allem Anschein nach diskret kalkuliert ist, sodass ein weitgehend bildmäßiger Eindruck entsteht. Auch die Abfolge der Bildebenen vom äußersten Vordergrund über die dichtere Raumschicht mit Baumstamm und Strauchwerk bis in den diffusen Hintergrund bestätigt diesen bildmäßigen Aufbau. Bei der Wiedergabe im Einzelnen versucht der Maler so genau wie möglich zu sein. Das betrifft die Detailformen der Vegetation ebenso wie die farbliche Differenzierung etwa der Grüntöne, die dem Maler in der Natur mannigfach vorgegeben sind. Lichtwirkungen werden durch Weißhöhungen und helle Grüntöne ins Bild gesetzt, und die Hell-Dunkel-Kontraste in Blattfläche, zarter Linie eines Halmes oder dichter Ballung von Blättern rhythmisieren zugleich die Gesamtheit der Bilderscheinung. Das radiale Auseinanderstreben von Weidenruten hinter dem mächtigen Baumstamm konterkariert in geschickter Weise den Anschein wohlgeordneter Natur, und mit der sich abzeichnenden Kreisform – fast an das Rad eines Pfaus erinnernd – wird dem Naturbild ein überraschendes Formelement hinzugefügt.
Viele der Studien von Carus, die eine unmittelbare Seherfahrung voraussetzen, werden in die Zeit um 1835/40 datiert, wofür vor allem biografische Gründe ausschlaggebend sind. Nachdem Carus 1827 zu einem der Königlichen Sächsischen Leibärzte ernannt worden war, hatte er oft in der Sommerresidenz Schloss Pillnitz Dienst zu tun und erwarb deshalb 1832 ein Landhaus am Rande des Dorfes. Ausgedehnte Wanderungen in die Umgebung ergaben vermehrt Gelegenheit zur intensiven Wahrnehmung der Natur. Im vorliegenden Fall stellt sich allerdings die Frage, ob die Arbeit nicht schon früher, zu Anfang der 1820er-Jahre, entstanden sein könnte. In Malweise und bildlicher Auffassung vergleichbar erscheint ein kleines Ölbild, „Gartentor mit Kürbisranken“, 1821 datiert und 1822 zusammen mit drei weiteren Arbeiten von Carus an Goethe nach Weimar gesandt. Ein „Waldstück mit Baumstamm“ in der Dresdner Galerie, entstanden vermutlich 1820, kann ebenfalls zum Vergleich herangezogen werden.
Die Studie ist auf dem Bildträger von einer schmalen goldenen Zierkante umgeben, die aus perlstabähnlich geprägter Pappe besteht. Diese Form einer aufwertenden Einfassung ist auch bei anderen Arbeiten von Carus zu finden. Sie weist wohl darauf hin, dass der Maler das Werk besonders schätzte und möglicherweise zu verschenken beabsichtigte. Mit großer Wahrscheinlichkeit gehörte die Studie mit Weidenstamm später zur legendären Sammlung von Johann Friedrich Lahmann in Dresden und wurde 1938 aus dessen Nachlass versteigert. Lahmann hat nicht nur für die Rezeption des Werks von Christian Gille, sondern auch für das malerische Oeuvre von Carl Gustav Carus bahnbrechende Arbeit geleistet. Durch sein Engagement als Sammler konnten 1920 die Gemälde von Carus erstmals in größerem Umfang, und zwar als langfristige Leihgabe, Eingang in die Dresdner Gemäldegalerie finden. (Gerd Spitzer)
Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden)
„Weidenstamm mit Unterholz“. Circa 1820
Oil on paper on cardboard. 12,6 × 15,6 cm ( 5 × 6 ⅛ in.).
Prause 391 (dated 1835/40).–
[3004]
Provenienz: Johann Friedrich Lahmann, Dresden-Weißer Hirsch / Private Collection, Southern Germany
Literatur und Abbildung: Auction catalogue 2122: Nachlaß Johann Friedrich Lahmann, Weißer Hirsch-Dresden. Gemälde und Handzeichnungen alter und neuer Meister, Möbel, Teppiche, europäisches und ostasiatisches Kunstgewerbe. Berlin, Rudolph Lepke's Kunst-Auctions-Haus, 27.-29.4.1938, cat-no. 36 („Vegetationsstudie“)
Pictures credits: Contact organization
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