Lot no. 183
Carl Spitzweg (1808 – München – 1885)
„Ständchen (MItternachtsgeiger auf der Leiter)“. Um 1850
Öl auf Karton. 24,3 × 13,4 cm ( 9 ⅝ × 5 ¼ in.). Rückseitig mit Feder in Schwarz signiert: Spitzweg. Dort auch ein mit Feder in Schwarz beschriftetes Etikett der Galerie Matthiesen, Berlin: Spitzweg 1376 Das Ständchen.
Wichmann 942.–
[3236]
Provenienz: Galerie Matthiesen, Berlin (um 1926/31) / Privatsammlung, Süddeutschland / Privatsammlung, Deutschland
Literatur und Abbildung: Siegfried Wichmann: Carl Spitzweg. Dachgeiger auf der Leiter. Dokumentation, Starnberg–München, R. f. v. u. a. K. 1997, S. 5-51, Bayerische Staatsbibliothek München, Inv.-Nr. Ana 656 SW 134
Der Münchner Carl Spitzweg hatte ein außergewöhnliches Faible für die Darstellung skurriler Persönlichkeiten in komischen Situationen. Doch nie entbehrten die Spitzweg’schen Genreszenen einer gefühlvollen Poesie, für die sich der passionierte Leser von den Idyllen des Frühromantikers Jean Paul inspirieren ließ. Daneben war sein ganzes Malerleben, wie der Künstler selbst sagte, erfüllt von einer „akustischen Herausforderung“, alles war bei ihm „ein wenig akustisch“ durchdrungen.
Unser „Mitternachtsgeiger“ – von dem es noch eine zweite Version im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover gibt – gehört zur Gruppe der sogennanten „Spitzweg-Typen“: Auf eine wackelige Leiter ist der Musiker gestiegen, um seiner Angebeteten ein nächtliches Ständchen zu bringen. Ob sie ihm dabei zuhört? Zu sehen ist sie nicht, doch lässt zumindest ihr sanft erleuchtetes Fenster darauf schließen. Die sonst so wichtigen Blickbeziehungen, die das Personal auf Spitzwegs Bildern miteinander in Interaktion treten lassen, fehlen beim „Mitternachtsgeiger“. Stattdessen weilt er, in seine musikalische Darbietung versunken, auf der arrangierten Bildbühne und trägt seine sonntägliche Tracht mit blauer Schirmmütze und Brille zur Schau. In ganz ähnlicher Kleidung malte Spitzweg den „Sonntagsjäger“ (1845, Privatsammlung), und auch auf seinem bekannten, zeitgleich entstanden Gemälde „Der Bücherwurm“ (1850, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt) hat der Held eine schwer zu balancierende Leiter bestiegen, um sich seiner Leidenschaft hinzugeben.
Hervorragend getroffen hat der Künstler die „prekäre körperliche Stellung“ (Hubertus Kohle) des Musikanten, die von der Umgebung aufgenommen und unterstrichen wird. Spitzweg legte ein Hauptaugenmerk auf die Schilderung der vordergründig pittoresk anmutenden Szenerie, die sich vor dem mächtigen Turm einer mittelalterlichen Kathedrale abspielt. So fragil die Stellung des Geigers an der Leiterspitze ist, so instabil wirken auch die Gebäude um ihn herum. Sie sind auf unserem Bild noch in einem viel ruinöseren Zustand als auf der hannoverschen Fassung. Hat Spitzweg, dieser biedermeierliche Meister der „psychologischen Konstellationen“ (Jens C. Jensen), auch seinen „Mitternachtsgeiger“ nur auf diese Leiter geführt, damit wir ihn ganz unbemerkt dabei betrachten können, wie er etwas ungelenk seinem Instrument ein Liedchen abringt? Und könnte nicht auch der dunkle, unergründliche Graben zwischen dem Geiger und der ersehnten Dachkammer seine vergeblichen Liebesbemühungen symbolisieren? Es gehört zum Wesen der Malerei Spitzwegs, hinter der Fassade der Idylle immer auch noch eine Spur des Ungewissen, Doppeldeutigen offenzulassen. So zeigen sich auch auf unserem Bild die „feine Beobachtungsgabe und reiche Phantasie“ (Friedrich Pecht, 1886), für die er schon von seinen Zeitgenossen bewundert worden war. Oliver Sukrow
Carl Spitzweg (1808 – Munich – 1885)
„Ständchen (MItternachtsgeiger auf der Leiter)“. Circa 1850
Oil on cardboard. 24,3 × 13,4 cm ( 9 ⅝ × 5 ¼ in.). On the reverse signed in pen and black ink: Spitzweg. There, too, a label of Galerie Matthiesen, Berlin, inscribed in pen and black ink: Spitzweg 1376 Das Ständchen.
Wichmann 942.–
[3236]
Provenienz: Galerie Matthiesen, Berlin (circa 1926/31) / Private collection, Southern Germany / Private collection, Germany
Literatur und Abbildung: Siegfried Wichmann: Carl Spitzweg. Dachgeiger auf der Leiter. Dokumentation, Starnberg–Munich, R. f. v. u. a. K. 1997, pp. 5-51, Bayerische Staatsbibliothek Munich, Inv. no. Ana 656 SW 134
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