Lot no. 120
Caspar David Friedrich (Greifswald 1774 – 1840 Dresden)
„Selbstbildnis“. Um 1803
Holzschnitt auf bräunlichem Velin. 13,5 × 9 cm (21,5 × 13,9 cm) ( 5 ⅜ × 3 ½ in. (8 ½ × 5 ½ in.)).
Börsch-Supan/Jähnig 74.–
Nach Zeichnung von Caspar David Friedrich von seinem Bruder Christian in Holz geschnitten. [3433]
Provenienz: Ehemals Sammlung A. Struve, Dresden
Literatur und Abbildung: Neue Lagerliste 101: Chodowiecki bis Klinger. Die schönsten Neuerwerbungen. Graphik und Zeichnungen 1750 bis 1910. Düsseldorf, C. G. Boerner, 1993, Kat.-Nr. 17, m. Abb. / Auktion 423, Teil I: Moderne Kunst. Hamburg, Hauswedell & Nolte, 11.6.2010, Kat.-Nr. 3, m. Abbildung
Mindestens 17 Abzüge des Holzschnitts lassen sich nachweisen, davon 14 in öffentlichem Besitz. Bereits 1861 wurde ein Exemplar des „Selbstbildnisses“ in Katalog 31 von Weigels Kunsthandlung in Leipzig unter der Nr. 92 aufgeführt. Aber es blieb Alfred Lichtwark, dem Wiederentdecker der deutschen Romantik, vorbehalten, diesen Holzschnitt 1905 für die Hamburger Kunsthalle zu erwerben und zum ersten Mal zu publizieren (1973 dort zwei Exemplare verzeichnet). Im Abstand von jeweils gut zehn Jahren folgten mit ihren Erwerbungen die Kupferstichkabinette in Berlin (1915) und Dresden (1925), schließlich die Kunsthalle Bremen im Jahre 1933 (nach Kriegsverlust 1991 zurückerhalten). Als erstes ausländisches Museum hatte sich schon 1923 die Albertina in Wien ein Exemplar gesichert und kurz darauf, 1927, auch das Metropolitan Museum in New York. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten Abzüge in kurzer Folge nach Basel (1953), München (1955), Chicago (1957), Boston (1961) und schließlich nach Karlsruhe ([nach] 1976). Als vorläufig letztes Museum sicherte sich die Klassik Stiftung Weimar 2002 ein Exemplar. Das Erwerbungsjahr der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel konnte nicht ermittelt werden. Seit 2004 ist ein Exemplar in der Sammlung von Charles Booth-Clibborn, London (vormals Sammlung Richard Zinser, C.G. Boerner, Lagerliste 122, 1999, Nr. 48).
Von Friedrich sind sieben Selbstbildniszeichnungen erhalten, von einer weiteren existiert ein Foto, eine ist allein quellenmäßig überliefert. Alle Zeichnungen stammen aus dem Zeitraum von 1800 bis 1810, also aus dem Frühwerk Friedrichs. Mehrere haben offenbar die Funktion von Freundesgaben, andere stellen Ausdrucksstudien vor dem Spiegel dar. Eine der in der Hamburger Kunsthalle aufbewahrten Selbstbildniszeichnungen fällt ein wenig heraus. Es handelt sich um eine reine Profilzeichnung nach links, sie dürfte 1802/03 zu datieren sein. Sie bildet die Vorlage zum vorliegenden Holzschnitt. Der Holzschneider, Friedrichs Bruder Christian, ein gelernter Tischler, nimmt sich gegenüber den Vorzeichnungen die eine oder andere minimale Freiheit, indem er vor allem im Haar und im Gesicht weitere Schraffuren einfügt. Andere Details zeigen jedoch ganz unmittelbare Übereinstimmungen. Parallel zum Bildnisholzschnitt hat Christian Friedrich drei weitere, eher emblematisch aufgeladene Holzschnitte nach Caspar David Friedrich gefertigt. Sie gehen auf Zeichnungen des Mannheimer Skizzenbuchs von 1801 zurück, das eine ganze Reihe weiterer emblematisch argumentierender Blätter aufweist. Diesem Typus entspricht der Bildnisholzschnitt nicht. Selbstbildnisse im Profil sind selten, wenn auch mittels zweier Spiegel nicht schwer herzustellen. Zum einen ist das reine Profil, wie beim um 1800 beliebten Scherenschnitt, physiognomisch eindeutig. Zum anderen jedoch ist uns in der Profildarstellung die Person entzogen, sie ist ohne Gefühlsäußerung, liefert nur objektiv das Erscheinungsbild. Eines der frühesten Künstlerselbstbildnisse der Geschichte, Albertis Selbstbildnisplakette in Bronze von 1432/34, liefert einen Hinweis darauf hinweisen, dass der Typus vom römischen Münzporträt abstammt, um dann im 15. Jahrhundert in der Tradition von Pisanello im gemalten Porträt, vor allem aber in der Medaille aufgegriffen zu werden. Auch Medaillen waren nicht selten Freundesgaben.
Welche Funktion könnte der Holzschnitt mit dem Bildnis Friedrichs unter dieser Prämisse gehabt haben? Helmut Börsch-Supan hat vermutet, Friedrich könnte geplant haben, den Holzschnitt als Titelblatt für eine Publikation seiner zu diesem Zeitpunkt verstärkt geschriebenen Gedichte zu nutzen. Quellenmäßig gibt es dafür keinen Beleg. Doch der Hinweis auf eine Titelblattfunktion hat vieles für sich. Wir möchten vermuten, dass Friedrich eine Serie von Holzschnitten nach den Zeichnungen des Mannheimer Skizzenbuches geplant hat und sein Bildnis voransetzen wollte, um sich dem Publikum mit seinen Möglichkeiten vorzustellen. Friedrich versuchte über längere Zeit, seinen Bruder zu bewegen, sich intensiver dem Holzschnitt zu widmen. Doch Christian ging nach Abschluss seiner Tischlerlehre auf Wanderschaft, und so dürfte der Plan nicht zur Ausführung gekommen sein. Zudem hatte Friedrich exakt in diesen Jahren mit seinen großen Landschaftssepien Erfolg und wandte sich um 1805/06 endgültig der Ölmalerei zu.
Nach 1810 sollte Friedrich bis zum Ende seines Lebens 1840 kein weiteres Selbstbildnis verfertigen. Die Tatsache, dass Friedrich seine Ölbilder nicht signierte, spricht dafür, dass die besondere, unverwechselbare Form seiner Bilder als eine Weise, göttliche Ordnung zu evozieren, allein auf seinen Urheber verweisen sollte. Als Person trat er dahinter zurück. So kann der Bildnisholzschnitt in seinem Objektivitätsanspruch ein authentisches Bildnis Friedrichs überliefern, während uns die Ölbilder das hinter der Erscheinung liegende Bild Friedrichs vermitteln können.
Werner Busch
Wir danken Dr. Christien Melzer, Kunsthalle Bremen, Armin Kunz und Dr. F. Carlo Schmid von C. G. Boerner, Düsseldorf/New York, für zahlreiche freundliche Hinweise.
Caspar David Friedrich (Greifswald 1774 – 1840 Dresden)
„Selbstbildnis“. Circa 1803
Woodcut on brownish wove paper. 13,5 × 9 cm (21,5 × 13,9 cm) ( 5 ⅜ × 3 ½ in. (8 ½ × 5 ½ in.)).
Börsch-Supan/Jähnig 74.–
After a drawing by Caspar David Friedrich of his brother Christian, in wood cut. [3433]
Provenienz: Formerly collection A. Struve, Dresden
Literatur und Abbildung: Neue Lagerliste 101: Chodowiecki bis Klinger. Die schönsten Neuerwerbungen. Graphik und Zeichnungen 1750 bis 1910. Düsseldorf, C. G. Boerner, 1993, cat. no. 17, with ill. / Auktion 423, Teil I: Moderne Kunst. Hamburg, Hauswedell & Nolte, 11.6.2010, cat. no. 3, with illustration
We would like to thank Armin Kunz and Dr. Carlo Schmid of C. G. Boerner, Düsseldorf/New York, for kindly providing additional information
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