Lot no. 460
Charles Emile Jacque (1813 – Paris – 1894)
An der Stalltür. Um 1876
Öl auf Leinwand. Doubliert. 65 × 54 cm ( 25 ⅝ × 21 ¼ in.). Unten links signiert: ch.[!] Jacque.
[3801]
Provenienz: Henry B. Ashmead, Philadelphia (bis 1904) / Privatsammlungen, USA (bis 1979) / Privatsammlung, Süddeutschland
Ausstellung: Art Loan Exhibition. Philadelphia, Union League of Philadelphia, 1899 (lt. rückseitigem Etikett)
Literatur und Abbildung: Sale 4208: 19th Century European Paintings. New York, Sotheby Parke Bernet, 26.1.1979, Kat.-Nr. 159, m. Abbildung
Ihre stoische Gelassenheit und ihre unbeirrbare Geduld machen Schafe geradezu zur Verkörperung von lyrischer Sanftmut. Ihr krauses, wollenes Fell ist mehr wuschelig als kuschelig. Vor allem aber garantiert es Wärme, wenn man es anfasst. Zu allem Überfluss sind Schafe auch noch „Bild-schön“! Und davon profitiert der französische Maler Charles Jacque. Es gibt keine trefflicheren Darstellungen von Schafen als seine.
Der Pariser Demimonde und ihrer Salonkunst entflohen, wurde Jacque zum Mitbegründer der sogenannten Schule von Barbizon. Das Dorf im malerischen Wald von Fontainebleau zog seit den 1830er-Jahren Dutzende von später weltberühmten Künstlern an, die hier „sur le motif“, also direkt in der sie umgebenden Natur und nicht mehr bloß im Atelier malten und so den Impressionismus vorerfanden. Théodore Rousseau, Narcisse Díaz, Georges Michel (dem malte Jacque Tiere in seine düster glühenden Landschaften) und Jean-François Millet wurden seine engsten Weggenossen. Nebenbei bemerkt: In Deutschland sind diese glorreichen Fünf aus unerfindlichen Gründen so gut wie nicht vertreten.
Wie es der Zufall will, werden hier nun gleich zwei Jacques angeboten, jeder von einem anderen Einlieferer. Zeichnung und Gemälde, beide signiert, gehören direkt zusammen und sind auch künstlerisch gleichwertig. Auf der Bleistiftzeichnung sind es weniger Schafe. Auch fehlt der schwarze Hirtenhund (es ist immer der gleiche), nach dem offenbar sein Herrchen gerade offenen Mundes ruft (auch dieser Schafhirte ist immer der gleiche). Ort der Handlung ist beide Male des Malers eigenes Wohnhaus, in das eine undefinierte Türöffnung zu den Stallungen führt.
Jacque ist aber nicht nur Schafzüchter, sondern auch Hühnerhalter und, wie das Fenster mit Huhn oberhalb der Tür zeigt, auch dies im eigenen Wohnquartier. Er malte also auch eifrig Hühnerhöfe und sich suhlende Schweine (im hohen Alter leider auch Stillleben und Akte gar). Doch zum Markenzeichen wurden nur die Schafe.
Der junge Hirte, mitunter auch eine verträumte Hirtin, hat nichts zu tun und stützt sich, auf der Zeichnung, bequem auf seinen Stab. Am anderen Ende der beängstigend dicht gepfercht, aber total folgsam ihrem vorausgetrabten Leithammel zum Schlafen in den Stall folgenden Herde macht, auf dem Gemälde, der Hund ritualhaft seinen wachsamen Rundgang. Alles geht hier, Tag für Tag, seinen friedvoll gleichen Gang, von zwei neugierigen Hühnern aus nächster Nähe still beobachtet.
Der Abend breitet von links hinten seine Schatten aus. Über dem Dach klumpen hinter Bäumen weiße Wolken und unterm mehrfarbig delikat gemalten Dach hängt die Laterne für die Nacht. Wo das nachlassende Licht noch voll auf die dick gemauerte Hauswand fällt, zaubert Jacque fleckige Farb- und Formmuster, in die der schwarze Hund wie ein Schattenriss hineinplatzt. Genial. Auch das auf all seinen Bildern wiederkehrende Blau des Schäfer-Kittels ist großartig platziert, wie es da solitär herausragt aus dem Meer von flockig gekräuseltem Schafsfell-Braun, Schnauzen-Weiß und dünnknochigen Beinchen.
Auch unser letzter Blick gilt natürlich den Schafen. Vielleicht, Gott bewahre, sind sie doch dumm. Oder, im Gegenteil, entschlossen dickköpfig gegen den eingeübten Alltagstrott? Im Zwischenreich von Licht und Schatten auf dem Gemälde laufen, unbemerkt von Hund und Hirte, drei Rebellen-Schafe zielstrebig genau in die Gegenrichtung, also nicht rein, sondern raus! Und die Zeichnung bringt die Schafherde gleich ganz zum Verschwinden: Zunächst noch ein Schafskopf im Profil, dann nur noch, mit zwei Ohren, der Hinterkopf, dann, schon im Halbdunkel, noch unförmiger und schließlich unmöglich dicht gedrängt nichts als schwarze Wellenlinien. So lösen sich Leib und Leben der liebsten Tiere der Welt auf im, sagen wir kühn, Niemandsland zwischen Licht und Dunkel, Himmel und Hölle.
Christoph Müller
Charles Emile Jacque (1813 – Paris – 1894)
An der Stalltür. Circa 1876
Oil on canvas. Relined. 65 × 54 cm ( 25 ⅝ × 21 ¼ in.). Signed lower left: ch.[!] Jacque.
[3801]
Provenienz: Henry B. Ashmead, Philadelphia (until 1904) / Private Collections, USA (until 1979) / Private Collection, Southern Germany
Ausstellung: Art Loan Exhibition. Philadelphia, Union League of Philadelphia, 1899 (according to label on the reverse)
Literatur und Abbildung: Sale 4208: 19th Century European Paintings. New York, Sotheby Parke Bernet, 26.1.1979, cat. no. 159, ill.
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Drawings, watercolours and pastels
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