Lot no. 50
Christo und Jeanne-Claude (d.i. Christo Javacheff u. Jeanne-Claude Guillebon) (Gabrovo bzw. Casablanca 1935 – 2009 New York (Jeanne-Claude)) „Wrapped Reichstag (Project for der deutsche Reichstag-Berlin)“. 1979 Zweiteiliges Werk. Oberer Teil: Stadtplan auf Karton montiert. Unterer Teil: Collage mit Stoff, Faden und Papier, Kohle, Bleistift und Farbkreiden auf Karton, jeweils im Plexiglasrahmen. 28,5 × 71,8 cm bzw. 55,6 × 71,9 cm ( 11 ¼ × 28 ¼ in. bzw. 21 ⅞ × 28 ¼ in.). Auf dem oberen Teil unten links mit Bleistift signiert und datiert: Christo 1979. Am Unterrand mit Kreide bezeichnet: WRAPPED REICHSTAG (PROJECT FOR DER DEUTSCHE REICHSTAG-BERLIN) PLATZ DER REPUBLIK, REICHSTAGPLATZ, SCHEIDEMANNSTR., FRIEDENS ALLEE. Auf dem unteren Teil oben und rechts mit Kreide mit Maßangaben und unten mit Konstruktionshinweis bezeichnet. [3656] Provenienz: Privatsammlung, Süddeutschland Ausstellung: Christo. Christo und Jeanne-Claude. Zwei europäische Privatsammlungen und eigener Besitz. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1995, Kat.-Nr. 51, Abb. auf dem Rückumschlag Wie ein Überflieger von West nach Ost stellt der bulgarische Künstler Christo 1979 das Gelände um den Reichstag dar. Der gewaltige Baukörper scheint allein in der Landschaft zu stehen, nur die Attika des Brandenburger Tores ist rechts vor ihm zu erkennen. Das ist aber kein Schauplatz von heroischer Leere, das ist der Todesstreifen an der innerdeutschen Grenze, markiert vom schwarzen Block der Mauer, an dem Bebauung – sofern sie nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überhaupt noch vorhanden war – nicht geduldet wurde, damit die Grenzposten freien Blick auf den feindlichen Westen und alle eventuell von dort ausgehenden Attacken, besonders aber auch potentielle Republikflüchtlinge im Blick hatten. Zum Entstehungszeitpunkt des Kunstwerks verfolgte Christo gemeinsam mit seiner Frau Jeanne Claude, inspiriert von einer Postkarte mit dem typischen Berlin-Motiv, bereits seit Jahren seinen Plan, den Reichstag zu verhüllen. Es sollte aber noch bis 1995 dauern, bis das Vorhaben endlich realisiert werden konnte. Wer damals im Sommer Jahres das Bauwerk unter seiner silbrigen Draperie gesehen hat, wird diesen Eindruck nie vergessen. Die Kürze der Inszenierung – sie dauerte lediglich vierzehn Tage – erhöhte ihre grandiose Wirkung und noch die Erinnerung an das große, weiß-sibrige Gebilde, verursacht eine Gänsehaut. Vorbereitet hat der Künstler das Ereignis in zahlreichen Entwürfen, zum Teil mit Assemblage, Studien und Zeichnungen, wie unser Beispiel, die ihm in der Planungszeit zur Finanzierung der Unternehmung dienten. Was hat das aber nun mit Kunst zu tun? Christo ist wahrlich ein Einzelgänger, seine Anfänge gründen jedoch unter anderem in der Kunstrichtung ‚Nouveau Réalisme’. Sie nahm Stellung zur Wirklichkeit des Menschen in einer weitgehend von Abstraktion geprägten Kunstszene. Als Christo damals eine schmale Straße in Paris mit Ölfässern blockierte – auch das eine Skulptur im öffentlichen Raum –, war das zugleich ein politischer Auftritt, mit dem auf den Faktor Öl im Wirtschaftsleben hingewiesen werden sollte. Im Sinne des ‚erweiterten Kunstbegriffs’ konnte dann in der Folgezeit zum Beispiel der Pont Neuf in Paris zu einer Skulptur im öffentlichen Raum werden, oder flottierten auf einmal elf rosa Inseln vor Miamis Küste, mit einem gewissen Grad von Kitsch wie Amerikas Warenkultur und auch so poetisch wie das Motiv der ‚Liebesinsel’ in der Geschichte der Malerei. Der verhüllte Reichstag war in einer Zeit, da so viele Werte früher oder später in Frage gestellt werden und man zweifelt, was denn eigentlich noch Bestand auf Dauer hat, von ganz besonderer Art. Er war eine der vielen Visionen, die Christo und seine 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude hatten und haben, um ihr Publikum immer wieder aufs Neue zu bannen. Das letzte Projekt war 2016 „Floating Piers“: die Besucher konnten dabei über das Wasser des Iseosees in der Lombardei wandeln. Im Jahr 2020 will der Künstler – 35 Jahre nach der Verhüllung des Pont Neuf – in Paris den Arc de Triomphe verhüllen, wieder ein symbolträchtiges Baudenkmal, das jüngst in von den „Gilets jaunes“ arg malträtiert wurde. EO Christo and Jeanne-Claude (i.e. Christo Javacheff and Jeanne-Claude Guillebon) (Gabrovo and Casablanca 1935 – 2009 New York (Jeanne-Claude)) „Wrapped Reichstag (Project for der deutsche Reichstag-Berlin)“. 1979 Two-part work. Upper part: Map of the town mounted on cardboard. Lower part: Collage with fabric, thread and paper, charcoal, pencil and coloured chalk on cardboard, each in plexiglass frame. 28,5 × 71,8 cm, 55,6 × 71,9 cm ( 11 ¼ × 28 ¼ in. and 21 ⅞ × 28 ¼ in.). On the upper part signed and dated in pencil lower left: Christo 1979. In the lower margin inscribed in chalk: WRAPPED REICHSTAG (PROJECT FOR DER DEUTSCHE REICHSTAG-BERLIN) PLATZ DER REPUBLIK, REICHSTAGPLATZ, SCHEIDEMANNSTR., FRIEDENS ALLEE. On the lower part inscribed with chalk at the top and on the right with dimensions and at the bottom with construction instructions. [3656] Provenienz: Private Collection, Southern Germany Ausstellung: Christo. Christo and Jeanne-Claude. Zwei europäische Privatsammlungen und eigener Besitz. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1995, cat. no. 51, ill. on the back sheet
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale
Live
Selected Works
10719 Berlin - Germany
05/30/2019
Offered by Grisebach
0049 30 885 915 0