Lot no. 300
Daniel Fröschel (Augsburg vor 1572 – 1613 Prag) Vertreibung aus dem Paradies. Um 1600 Deckfarben und Aquarell auf Pergament; Umrandung mit Gold. 13 × 10 cm ( 5 ⅛ × 3 ⅞ in.). Unten rechts am Baumstamm wohl monogrammiert: D [unvollständig] / Rückseitig in Bleistift bezeichnet: Un antico – autore anonimo. [3557] Provenienz: Galerie J. Kugel, Paris / Privatsammlung, Norddeutschland Der Miniaturmaler Daniel Fröschel (auch Fröschl) entstammte einer angesehen Augsburger Juristen- und Ärztefamilie. Als Zwanzigjähriger verbrachte er ein Jahr in der Werkstatt des Nürnberger Goldschmieds und Mathematikers Wenzel Jamnitzer. Dort erlernte er die Grundlagen der Gestaltung. Sein künstlerisches Glück suchte der Maler dann in Italien. 1594 stellte der flämische Botaniker Giuseppe Casabona den Augsburger als Naturillustrator am Botanischen Garten der Universität Pisa an. Danach ging Fröschels Karriere steil nach oben: Zunächst wurde er „miniatore“ am Medici-Hof in Florenz, später kaiserlicher Miniaturmaler am Prager Hof Rudolfs II. Die zierliche Miniatur mit der Vertreibung aus dem Paradies entspricht ganz dem ästhetischen Geschmack und der intellektuellen Weltsicht des schwermütigen Habsburger Kaisers. Adam und Eva im Paradiesgarten war ein beliebtes Sujet bei den Künstlern am Prager Hof. Auch Fröschel wandte sich diesem Thema mehr als einmal zu. So gehört zum Bestand der Graphischen Sammlung der Wiener Albertina eine vom Künstler selbst signierte Zeichnung „Adam und Eva“, in der die beiden ersten Menschen kurz vor dem Kosten von der sündigen Frucht dargestellt sind. Unsere Miniatur stellt eine Fortsetzung des Sujets der Wiener Komposition dar und zeigt Adam und Eva, die nach dem Begehen der Erbsünde von einem Engel aus dem Paradiesgarten vertrieben werden. In Scham vor der plötzlich bewusst gewordenen Nacktheit greifen beide nach Ranken mit Feigenblättern. Während Adam verängstigt den Blick nach hinten wirft, wirkt Eva im graziösen Kontrapost leicht possierlich. Das unklar in die Hintergrundlandschaft gesetzte felsenartige Gebilde hinter Adams Rücken offenbart die künstlerische Arbeitsweise Fröschels. Seit seiner Anstellung als Miniaturist am Medici-Hof in Florenz etablierte sich Fröschel als versierter Kopist. Seine Kunst beschränkte sich jedoch nicht auf bloße Wiederholungen, sondern wurde zu einem Spiel mit raffinierter Verwandlung. Er übersetzte graphische Vorlagen in Farben, kombinierte verschiedene Bildquellen zu neuen Kompositionen. Auch in unserer Vertreibung aus dem Paradies setzte er einen Teil des Kupferstichs von Jan Sadelers nach einer Komposition von Marten de Vos in Farben um. Schließlich ergänzte er die Darstellung mit einer Gebirgslandschaft, die an die weitläufigen Überschaulandschaften Joachim Patinirs und Pieter Bruegels d.Ä. erinnert. Die exquisite Spielkartengröße der Miniatur gehörte vermutlich zu den Markenzeichen der künstlerischen Bravour Fröschels. Mehrere Werke des Miniaturisten weisen vergleichbar kleine Formate auf, unter anderem die signierte Komposition „Allegorie des Friedens“ in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien. Darüber hinaus zeigt unsere Vertreibung aus dem Paradies weitere charakteristische Züge des malerischen Stils von Fröschel. Die Gestaltung der Oberfläche als dichtes Pünktchenraster und das Umreißen bestimmter Körperpartien mit feinen, kaum wahr- nehmbaren Linien verraten deutlich die Hand des Miniaturisten. Typisch für Fröschel ist zudem die weiße Porzellanhaut der Frauengestalten, mit leichten, grauen Schatten, rötlichen Knien und Wangen. Eigenem Schönheitsempfinden folgend, verwandelte Fröschel das in Sadelers Stich angespannte Gesicht Evas in ein rundliches, weiches und liebliches Frauengesicht, das auch in anderen seiner Werke in ähnlicher Form zu finden ist. Schwer zu übersehen in der Vertreibungsszene ist der Ast mit dem grünen Papagei, der von rechts ins Bild ragt. Der exotische Vogel ist ein augenfälliges Zitat aus dem berühmten Kupferstich Albrecht Dürers „Adam und Eva“. Zugleich ist das Vogelmotiv zusammen mit den bunten Früchten im Vorder- grund ein Verweis auf Fröschels besondere Gewandtheit als Naturillustrator. Die virtuose Kombination von verschiedenen Motiven, Techniken und künstlerischen Referenzen macht unsere Miniatur zum exemplarischen Kunstkammerstück des 16. Jahrhunderts. Kaum jemand kannte die Belange einer Kunstkammer so gut wie Fröschel. Immerhin erwählte Rudolf II. gerade ihn zu seinem Antiquar und vertraute ihm 1607 bis 1611 die Abfassung des Inventars der kaiserlichen Kunstkammer an. Ksenija Tschetschik, Greifswald – Forschungsstipendiatin der Gerda-Henkel- Stiftung zum Thema „Natur im Werk der Künstler Hans Hoffmann (um 1548–1591) und Daniel Fröschel (1563–1625) – Kunst begegnet Natur um 1600“ Vergleichsliteratur: Lucia Tongiorgi Tomasi: Daniel Froeschl before Prague; in: Ausst.-Kat. Prag um 1600, Freren 1988, S. 289–298 / Thomas DaCosta Kaufmann: The School of Prague. Painting at the Court of Rudolf II, Chicago und London 1988 / Rotraud Bauer und Herbert Haupt (Hrsg.): Das Kunstkammerinventar Kaiser Rudolfs II., 1607-1611; in: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Jg. 72 (1976), S. 1–186 / Paola Barocchi (Hrsg.): Palazzo Vecchio: committenza e collezionismo medicei, Ausst.-Kat. Florenz, 1980 / Lubomír Konečný: Adam and Eve in Rudolfine Art; in: Research Center for Visual Arts and Culture in the Age of Rudolf II (Hrsg.): Studia Rudolphina Jg. 7 (2007), S. 110–119 Vorlage: Hollstein’s Dutch & Flemish Etchings, Engravings and Woodcuts 1450–1700, Bd. XLV/1 (Maarten de Vos), Amsterdam 1995, Nr. 27/II, S. 14 Für freundliche Hinweise und die Bestätigung der Zuschreibung danken wir Christof Metzger, Albertina, Wien.
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Antique art and decorative objects
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Orangerie. Objets Choisies
10719 Berlin - Germany
06/02/2016
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