Lot no. 911
Daniel Richter (Eutin 1962 – lebt in Berlin und Hamburg) „noch ohne Titel (untitled again)“. 1995 Öl und Lack auf Leinwand. 145 × 155 cm ( 57 ⅛ × 61 in.). Rückseitig mit Kreide datiert, signiert und betitelt: 95 D. Richter "noch ohne Titel (untitled again)". [3459] 1995 ist das Jahr, in dem Daniel Richter sein Studium an der Hochschule der bildenden Künste in Hamburg abschließt. Zu diesem Zeitpunkt entsteht das beinahe quadratische, nicht betitelte Gemälde, das als beispielhaft für sein Frühwerk gelten kann: Bis zur Jahrtausendwende entwirft Richter in seiner „abstrakten Schaffensphase“ unter Ver-wendung der gesamten Farbpalette dynamische und über-bordende Kompositionen, die sich aus Flächen, Strukturen, Mustern und Linien zusammensetzen. In einem Interview spricht der Maler von seinen damaligen Leitfragen: „Was ist zu viel? Wie, wann ist zu viel zu viel? Und was verlangt das Bild dem Betrachter ab?“ (D.R. im Gespräch mit Katharina Dohm, in: Dies./Max Hollein (Hrsg.): Hello, I love you. Ausst.-Kat. Frankfurt a. M., Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2015, S. 105). Es ist die Phase, in der Richter die Grenzen des Mediums und des Rezipienten auslotet. Als Inspiration dienen ihm unter anderem die ambivalenten 1960er-Jahre – „das Schrottige, Muffige, Triste, Kaputte und gleichzeitig der Versuch, anzudocken an den Pop, aber an Pop als Zeichensystem – in Form von Flächigkeit, Streifen, Ringelpullovern als Schema“ (D.R., ebd.). In Richters Attitüde offenbart sich zudem das Erbe der Neuen Wilden, zu denen auch sein Professor Werner Büttner gezählt wird. Vor allem die Berliner Wilden erscheinen richtungsweisend: Ihre extreme Nähe zur Musik, insbesondere zum Punk, bestimmt auch Richters Werk. Als Besitzer des Hamburger Independent-Labels Buback führt der Maler beide Sphären – Musik und Kunst – in persona zusammen. Zum festen Bestandteil seines Atel-iers gehört eine umfangreiche Plattensammlung. In der Kunst wird die Verbindung beispielsweise durch Bildtitel deutlich, die auf Songtexte verweisen. Ab der Jahrtausendwende formuliert Richter in seiner „figürlichen Phase“ auch mithilfe seiner Motive klare Anspielungen. Doch auch die abstrakten Bilder des Malers wirken punkig und provozierend. Vollkommen frei kombiniert Richter darin stilistische Merkmale verschiedener Epochen und Strömungen: So rufen in diesem Gemälde klar konturierte Flächen Pop-Art und Grafitti in Erinnerung, während ein Teppich aus pastos aufgetragenen Farbflecken auf den abstrakten Expressionismus referiert. Der frühe Richter setzt zur Kakofonie an, wandelt den Missklang aber in Harmonie. Es entsteht ein gekonntes Sampling der Avantgarden und Subkulturen des 20. Jahrhunderts, das die Formensprache seiner Vorgänger untersucht und akribisch auseinandernimmt. Wenn Christoph Heinrich bei der Beschreibung von „Blutgefäßen und Zellmembranen“ (C.H.: Beachte den Vogel!, in: Ders. (Hrsg.): Daniel Richter. Die Palette 1995–2007. Ausst.-Kat. Hamburg, Hamburger Kunsthalle u. a., 2007, S. 10) spricht, bringt er treffend zum Ausdruck, was hier betrieben wird: Richter seziert die Malerei, zerlegt Bildsujets, trägt ihre Hülle ab und legt fein säuberlich den innersten Kern frei. Lydia Korndörfer Daniel Richter (Eutin 1962 – lives in Berlin and Hamburg) „noch ohne Titel (untitled again)“. 1995 Oil and lacquer on canvas. 145 × 155 cm ( 57 ⅛ × 61 in.). On the reverse dated, signed and titled in crayon: 95 D. Richter "noch ohne Titel (untitled again)". [3459]
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale
Catalog
Art Contemporain
10719 Berlin - Germany
12/02/2016
Offered by Grisebach
0049 30 885 915 0