Lot no. 100
Deutsch, um 1820 ()
FELSENSCHLUCHT.
Bleistift auf Papier. 27 x 20,7 cm ( 10 ⅝ x 8 ⅛ in.).
Leicht gebräunt. [3095]
Provenienz: Ehemals Sammlung Eugen Roth, München
Unsere qualitativ außergewöhnliche Zeichnung stammt aus der Sammlung von Eugen Roth (1895-1976). Es blieb der Öffentlichkeit lange verborgen, daß der brillante Schriftsteller und Dichter der „Ein Mensch“-Verse ein besessener Sammler der Zeichnungen der deutschen Romantik gewesen ist. Zwar gab es im Jahre 1955 in der „Staatlichen Graphischen Sammlung“ in München zum 60. Geburtstag von Roth eine beeindruckende Ausstellung mit 62 seiner Blätter – aber das geriet leider ebenso in Vergessenheit wie das im selben Jahr veröffentlichte Bändchen „Sammelsurium“. Dies ist ein Anekdotenband mit dem Untertitel „Freud und Leid eines Kunstsammlers“, in dem Roth auf verklausulierte, aber mitreißende und humorvolle Weise von seinen Streifzügen durch die Kunsthandlungen Münchens berichtet und seinem Wettlauf mit dem legendären Begründer der Sammlung Winterstein um die besten Blätter.
Nun hat in diesem Frühjahr das Münchner Antiquariat Robert Wölfle, bei dem Eugen Roth vor über 80 Jahren seine ersten Blätter erworben hat (in seinem Buch „Sammelsurium“ „Antiquar Füchsle“ genannt), erstmals, fast vierzig Jahre nach Roths Tod, mit einem beeindruckenden Katalog Schätze aus seiner Sammlung präsentiert.
Wir freuen uns, daß die Villa Grisebach nach den beiden Blättern von Caspar David Friedrich aus der Auktion im Mai 2014 nun ein Jahr später erneut vier besondere Blätter aus der ehemaligen Sammlung von Eugen Roth präsentieren darf. Neben der Los Nr. 100 sind dies die Lose 105 und 106 sowie die kleine Baumstudie von Leopold Venus (Los 232).
Unsere Zeichnung zieht einen sofort mit ihrem außergewöhnlichen Präzisionsgrad in ihren Bann. Es ist ein Blick auf die Natur, der das Werk eindeutig in die erste Generation der Romantiker und Nazarener in die Zeit um 1820 weist – und Dresden und Wien sind die Orte, wo man den Künstler finden wird und vermutlich auch in der Nähe den dargestellten Ort.
Aus einer Felsenschlucht, durch die ein kleiner Bach fließt, blickt der Zeichner nach oben: wie mit einem Teleobjektiv erfasst er mit dünnem, harten Bleistift das zersplitterte Gestein, die Verschattungen, den Bewuchs. Der Blick des Betrachters wird förmlich angezogen in die Bildmitte während an den Rändern passend dazu mit weicherem Bleistift nur in Konturen das Gestein, die Bäume und Pflanzen erfasst werden.
Solch eine Form von erzählerischer Ausführlichkeit bei gleichzeitiger kühler Präzision lässt Experten wie etwa Peter Prange oder Hans Joachim Neidhardt durchaus an einen Künstler wie August Heinrich als möglichen Schöpfer dieser Zeichnung denken, die frühe Lichtgestalt der Dresdner Romantik, Caspar David Friedrichs vielbeweinten frühverstorbenen Lieblingsschüler. Gode Krämer, der das Werkverzeichis von Heinrich verfasst hat, sieht ebenfalls eine große Nähe zu Heinrich, glaubt aber eher an Ludwig Richter als Zeichner, da er genau wie in unserer Arbeit häufig nach dem Anlegen der Umrisse von der Mitte aus an die Detailzeichnung geht. Krämer verweist auch darauf, daß die Schraffierungen in den Schattenpartieen von Heinrich malerischer sind als bei unserem Blatt – die in ihrer Parallelstruktur den Zeichnungen Richters ähneln. Das beste Beispiel hierfür dürfte „Der Untersberg bei Salzburg, 1823“ sein (Kupferstichkabinett Berlin, Inv. Nr. 246).
Nur in Wien wurde in der frühen Zeichenkunst eine solche Meisterschaft erlangt wie in Dresden – und nicht zufällig ist August Heinrich, der an beiden Orten studierte, das Verbindungsglied zwischen den beiden Kunstzentren.
Darum könnte es über den topograpischen oder stilistischen Vergleich gelingen, unser Blatt auch dem Wiener Kreis um Ferdinand und Friedrich Olivier oder Heinrich Reinhold zuzuweisen. Daß das Blatt in der Sammlung von Eugen Roth auf der Rückseite mit einem „Carl Blechen?“ geführt wurde, belegt, daß auch der Sammler noch unsicher war über die genaue Zuschreibung – aber auch seinerseits an einen der ganz großen Namen dachte. Stilistisch am Charakteristischen sind die feinstmöglichen Parallelstriche, die der Künstler bei den Felsen setzt, um unterschiedliche Verschattungen darzustellen – darüber müsste eine eindeutige Zuordnung gelingen. (FI)
Wir danken Dr. Gode Krämer, Augsburg, Prof. Dr. Hans Joachim Neidhardt, Dresden, und Dr. Peter Prange, München, für freundliche Hinweise.
German, circa 1820 ()
FELSENSCHLUCHT.
Pencil on paper. 27 x 20,7 cm ( 10 ⅝ x 8 ⅛ in.).
Minor time staining. [3095]
Provenienz: Formerly collection Eugen Roth, Munich
We would like to thank Dr. Gode Krämer, Augsburg, Prof. Dr. Hans Joachim Neidhardt, Dresden, and Dr. Peter Prange, Munich, for kindly providing additional information.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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