Lot no. 605
Edvard Munch (Løiten 1863 – 1944 Ekely b. Oslo) „DER KUSS I“. 1897 Holzschnitt, koloriert, auf festem Papier. 45,7 x 37,8 cm (54,3 x 44,4 cm) ( 18 x 14 ⅞ in. (21 ⅜ x 17 ½ in.)). Signiert. Woll 114 I (von III) / Schiefler 102 B. 2. Fassung 1. Zustand.– Sehr selten. Einer von 6 bekannten Abzügen des 1. Zustands. Leicht gebräunt. [3136] Provenienz: Privatsammlung, Schweiz Literatur und Abbildung: Versteigerungskatalog: Sotheby‘s New York. Auktion 6101.19th and 20th Century Prints, 15./16. Nov. 1990, Nr. 394, Abbildung / Nina Barge: Munch küßte die Muse – und auch Kandinsky? In: Grisebach. Das Journal, Herbst 2014, S. 44/45, Farbabb. S. 45 Über ein Jahrzehnt hat Edvard Munch an dem Thema des sich küssenden Paares in den verschiedenen bildnerischen Medien, in Gemälden und graphischen Werken, gearbeitet. Ausgehend von einer realistischen Szene wurde das Motiv im Laufe der Jahre bis zu einem abstrakten Zeichen in der Holzschnitt-Fassung von 1902 („Kuss IV“) verdichtet. Den Beginn machte eine unscheinbare Bleistiftzeichnung um 1890 mit dem handschriftlichen Titel „Adjö“, die ein Paar in Umarmung im Atelier des Künstlers neben dem Fenster zeigt. In vier Gemälden aus den Jahren 1891 bis 1897 konzentriert sich der Blick immer stärker auf das Paar, und der umgebende Raum verliert an Bedeutung. Eine dramatische Steigerung erfährt das Thema in der Radierung „Der Kuss“ von 1895, einem frühen Meisterwerk in Munchs druckgraphischem Œuvre. Das nackte Paar, plastisch herausgearbeitet, steht in leidenschaftlicher Umarmung im dunklen Zimmer am Fenster, durch das man auf die Straße im Sonnenlicht blickt. Die Normalität des Straßenlebens steigert den Kontrast zu der sinnlichen Eruption, die sich im Innern hinter dem Fenster abspielt. Mit der Haltung des Paares hat Munch die Rollen zwischen Aggressivität des Mannes und Hingabe der Frau klar gekennzeichnet und die Komposition des Figurenpaars für die spätere Reihe von vier Holzschnitten gefunden. Der Holzschnitt „Kuss I“ von 1897, hier in der besonderen Form des I. Zustands und darüber hinaus leicht handkoloriert, ist die erste Fassung in der Folge der Kuss-Holzschnitte. Der Liebesakt wird in Munchs Werk immer mystisch überhöht und in den Naturzusammenhang von Werden und Vergehen gebracht. Meisterhaft ist der Holzschnitt, indem er mit sparsamsten Mitteln die volle Imagination der Liebesszene gestaltet. Man hat den Eindruck, als wollte Munch die schön gemaserte Holzoberfläche so wenig wie möglich verletzen. Die zarten Umrisslinien des Paares sind, kaum auffallend, in die Holzstruktur eingebettet; sie übernehmen die Lebendigkeit der natürlichen Maserung in das gestaltete Bild. Nur einige, aber darum umso bedeutungsvollere Helligkeiten in der schwarzen Fläche genügen, um Szene und Raum vor Augen zu führen. Waren in der Radierung die beiden Gesichter noch deutlich voneinander zu unterscheiden, so verschmelzen sie im Holzschnitt zu einem einzigen Flecken – als Zeichen für das Ineinander-Aufgehen des Liebespaares. Obwohl die Gesichter zusammen nur eine helle Fläche bilden, glaubt man die Neigung des Kopfes des Mannes und die Zuwendung des Gesichts der Frau zu erkennen. Die Köpfe werden eingerahmt vom Spiel der vier Hände. Erstaunlich, wie es Munch vermag, den ganzen Gefühlsausdruck der Liebesszene in die Haltung der Hände zu legen. Die Aktivität des Mannes zeigt sich in der Gebärde, mit der er die Geliebte an sich zieht, während ihre Hände für Anlehnung und Hingabe sprechen. Um den Schwarzweiß-Kontrast zu mildern und die Helligkeiten dem Natureindruck der Holzstruktur anzupassen, hat Munch diese rötlich koloriert. Rätselhaft bleibt zunächst der dreieckige Bezirk kleiner heller Flecken am linken Bildrand. Aus den Gemälden kann man schließen, dass diese Helligkeit das Licht wiedergibt, das durch das Fenster, vom Vorhang rechts begrenzt, fällt. Durch die Andeutung des Fensters und durch die Hände, die das Paar umschlingen, entsteht in der Fläche der Eindruck eines räumlichen Bildes. Der verwandte, aus demselben Jahr stammende Holzschnitt „Kuss II“ ist weniger geheimnisvoll, da die Figuren-Silhouette deutlicher eingeschnitten und von hellen, den Körperumriss wiederholenden Linien umgeben ist. In den späteren Kuss-Holzschnitten wird die stilisierte Figur des Paars aus dem Stock ausgesägt und auf den Abzug einer zweiten Platte gedruckt. Der Holzschnitt „Kuss I“ steht in der Mitte zwischen der realistischen Darstellung des Beginns und der Abstraktion des Motivs zum reinen Symbol. Er ist an Ursprünglichkeit und Empfindsamkeit durch die späteren Fassungen nicht zu übertreffen. Günther Gercken, Lütjensee Edvard Munch (Løiten 1863 – 1944 Ekely near Oslo) „DER KUSS I“. 1897 Woodcut, coloured, on heavy paper. 45,7 x 37,8 cm (54,3 x 44,4 cm) ( 18 x 14 ⅞ in. (21 ⅜ x 17 ½ in.)). Signed. Woll 114 I (of III) / Schiefler 102 B. 2nd version 1st state.– Very rare. One of 6 recorded prints of the first state. Minor time staining. [3136] Provenienz: Private collection, Switzerland Literatur und Abbildung: Auction catalogue: Sotheby‘s New York. Auktion 6101. 19th and 20th Century Prints, 15./16. Nov. 1990, no. 394, illustration / Nina Barge: Munch küßte die Muse – und auch Kandinsky? In: Grisebach. Das Journal, Autumn 2014, p. 44/45, colour ill. p. 45
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Drawings, watercolours and pastels
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Catalog
Art Moderne - Estampes
10719 Berlin - Germany
11/28/2014
Offered by Grisebach
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