Lot no. 16
Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll)
„Amaryllisblüten und gelbe Blumen (Winterlinge)“. Um 1935/40
Aquarell auf Japanbütten. 48,1 × 34,6 cm ( 18 ⅞ × 13 ⅝ in.). Unten rechts mit Bleistift signiert: Nolde.
Mit einer Expertise von Prof. Dr. Manfred Reuther, Klockries, vom 3. Oktober 2018.–
[3521]
Provenienz: Privatsammlung, Norddeutschland
Literatur und Abbildung: Versteigerungskatalog 528: Kunst des XX. Jahrhunderts. Köln, Kunsthaus Lempertz, 24./25.11.1972, Kat.-Nr. 672 („Rote und weiße Lilien“), Abb. Tf. IV
In seinen bukolischen Gedichten besingt der römische Dichter Vergil das schöne Hirtenmädchen Amaryllis, nach der die beliebte Zierpflanze aus dem Süden Afrikas wegen ihrer Schönheit und der klaren, intensiven Farbigkeit ihrer großen, trichterförmigen Blüten als „Belladonna“ benannt wurde.
Vor allem während der Weihnachtszeit standen die hoch aufsteigenden Blumen mit ihren leuchtend roten oder rötlich gestreiften Blüten in Noldes Berliner Wohnatelier in der Bayernallee auf Fensterbänken oder Borden. In Seebüll, Noldes Künstlerhaus im Seengebiet des Gotteskoogs nahe der Nordsee und zu Dänemark, war neben dem Wohnzimmer nach Süden zum Garten hin, durch einen blauen Vorhang abgetrennt, eigens eine Blumenecke eingerichtet, in der im späten Herbst die Amarylliszwiebeln sich entwickelten und heranreiften. Noldes Frau Ada besorgte das Haus und die Dekoration der Wohnräume mit Blumen, pflegte mit Sorgfalt die Zimmerpflanzen, vergleichbar den Kinderjahren des Malers auf dem elterlichen Bauernhof, als seine Mutter den häuslichen Bezirk verantwortete und sich als besondere Aufgabe liebevoll um den Blumenschmuck kümmerte. Um die große, wenig attraktive Zwiebel der Amaryllis zu verdecken oder ihren kahlen Schaft farbenfreudig zu schmücken, umkränzte Ada ihn gleich am Fuß mit kleinen Blumen, die die frühe Jahreszeit bot, wie Stiefmütterchen, Alpenveilchen, Anemonen oder Winterlinge.
Die Amaryllis war in den dunklen, farblosen Wintermonaten ein reizvolles, vielseitiges Motiv für seine Aquarellmalerei. Einige Jahre lang hat der Maler das Thema gern aufgegriffen, hat es ihn zu einer Reihe von Blumenbildern, zu unterschiedlichen Stillleben oder auch freien Fantasien geführt. Sie wurden jeweils nach eigenem Gutdünken frei arrangiert, doch ebenso mit Figuren oder anderen Objekten seiner persönlichen Sammlung von mittelalterlichen oder exotischen Skulpturen bis zu fernöstlichen Keramiken spielerisch kombiniert, manchmal mit Frauenbildnissen, mit fantasievollen Gesichtern oder erfundenen Gestalten, auch in märchenhaften Szenen vereint und zu eigenwilligen Bildereignissen gestaltet.
Das Amaryllis-Aquarell ist mit vollem, schwerem Pinsel auf dünnem, doch festem Papier gemalt, das die satten Farben unmittelbar in sich aufgenommen hat. Zugleich lässt das leicht transparente Papier das eigentliche Bildgeschehen hintergründig durchschimmern, sodass sich auf der Rückseite des Blattes ein eigenes Bildgefüge mit nahezu autonomer bildnerischer Qualität entwickelt hat. In seinem kompositorischen Aufbau ist das Aquarell in drei Zonen gegliedert. Der untere Bereich mit der angeschnittenen Vase verleiht dem reichen, fast abstrakten Farbenspiel der Darstellung eine räumliche Einordnung und bildet mit den strahlend gelben Blüten der Winterlinge vor dem hellvioletten Fond im mittleren Zwischenbereich eine sockelartige Anlage, aus der der starke, blaugrüne Schaft der Amaryllis zu den großen, roten Blüten sowie der etwas abgewandten weißen Blüte mit ihren rötlichen Streifen als dem dominanten Bildereignis aufsteigt. Das Aquarell gewinnt durch seinen kompositorischen Aufbau sowie seine farblich wohlerwogene, kontrastreiche Gestaltung eine monumentale Eigenheit, die zugleich als natürliches Geschehen aus dem Bildmotiv erwachsen ist.
Manfred Reuther
Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll)
„Amaryllisblüten und gelbe Blumen (Winterlinge)“. Circa 1935/40
Watercolour on Japan laid paper. 48,1 × 34,6 cm ( 18 ⅞ × 13 ⅝ in.). Signed in pencil lower right: Nolde.
Accompanied by a certificate from Prof. Dr. Manfred Reuther, Klockries, dated 3 October 2018.–
[3521]
Provenienz: Private Collection, northern Germany
Literatur und Abbildung: Auction catalogue 528: Kunst des XX. Jahrhunderts. Cologne, Kunsthaus Lempertz, 24/25.11.1972, cat. no. 672 („Rote und weiße Lilien“), illustration pl. IV
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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