Lot no. 25
Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll) „Bärtiger alter Mann und junge Frau“. Aquarell und Tuschfeder auf Japan. 16 × 12,7 cm ( 6 ¼ × 5 in.). Unten rechts mit Feder in Schwarz signiert: Nolde. Mit einer Expertise von Prof. Dr. Martin Urban, Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, vom 10. März 1990 (in Zweitschrift). [3046] Provenienz: Privatsammlung, Niedersachsen Als Emil Nolde Anfang der 1920-Jahre zum ersten Mal intensiv mit Aquarellfarben experimentierte und es dem freien Fluss der Farben überließ, welcher Bildgegenstand sich vor ihm auf dem Papier entwickelte, entsprang diese neue Technik dem innigen Wunsch nach einer intuitiven, von der Kontrolle durch den Verstand möglichst losgelösten Malerei. Der Zufall und der damit einhergehende positive Effekt der „Selbstüberraschung“ sollten die Anspannung beim Malen erhalten und ein nur vom Instinkt gesteuertes Arbeiten möglich machen. Nolde bekannte: „Schwer war es mir, wenn im Werk künstlerisch die Höchstleistung erreicht war – das oft sehr früh geschah –, die Spannung bis zur Vollendung beizubehalten. Wenn die reine sinnliche Kraft des Sehens nachlässt, will so gern hilfebereit verstandliche ­Kälte weiterarbeiten, zur Abschwächung führen, und zuweilen bis zur Vernichtung“ (Emil Nolde: Jahre der Kämpfe. Köln 1985, 5. Auflage, S. 200). Mit der spitzen Tuschfeder gab der Maler den in dieser Technik gemalten Aquarellen ihr endgültiges Sujet erst im letzten Arbeitsschritt und machte so sichtbar, was zuvor nur er selbst erkannte. Unser Bild ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Meisterschaft, die Nolde hierin über die Jahre erlangte. Die Komplementärfarben Violett und Gelb bilden den Grundakkord, dann „bestimmte eine Farbe die andere, ganz gefühlsmäßig und gedankenlos tastend in der ganzen herrlichen Farbenreihe der Palette, in reiner sinnlicher Hingabe und Gestaltungsfreude“ (ebd.). Nolde fügte Blau, Rosé, Orange- und Grüntöne hinzu. Flecken und Schlieren zeugen von der völligen Hingabe an das Medium Farbe. In diesem Reigen entsteht zum Schluss mit der Tuschfeder ein höchst seltsames Paar. Einem vierschrötigen, bärtigen Mann wendet sich von links eine zierliche, blonde Mädchengestalt zu. Die beiden blicken einander an und scheinen sich auch ohne Worte zu verstehen, ja auf eine merkwürdige Art sogar zu ergänzen. Emil Nolde hatte eine besondere Vorliebe für solch gegensätzliche Paare, denn sie provozieren Fragen. In welcher Beziehung stehen diese märchenhaften Gestalten? Sind sie sich freundlich oder feindlich gesinnt, vertraut oder fremd, real oder nur erträumt? Das Versponnene und Groteske macht den speziellen Reiz dieser Blätter aus, die der Künstler bezeichnenderweise vornehmlich zur Zeit des Malverbots (1941–1945) in der Abgeschiedenheit von Haus Seebüll schuf. Ihm war bewusst: „Die Zweiheit hatte in meinen Bildern […] einen weiten Platz erhalten. Mit- oder gegeneinander: Mann und Weib, Lust und Leid, Gottheit und Teufel. Auch die Farben waren einander entgegengestellt: kalt und warm, hell und dunkel, matt und stark. […] Farben in Schwingungen wie Silberglockenklang und Bronzegeläute, kündend Glück, Leidenschaft und Liebe, Blut und Tod“ (ebd.). AF Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll) „Bärtiger alter Mann und junge Frau“. Watercolour and pen and India ink on Japan paper. 16 × 12,7 cm ( 6 ¼ × 5 in.). Signed in pen and black ink lower right: Nolde. Accompanied by a certificate by Prof. Dr. Martin Urban, Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, dated 10 March 1990 (in duplicate). [3046] Provenienz: Private collection, Lower Saxony
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale
Catalog
Œuvres Choisies
10719 Berlin - Germany
12/01/2016
Offered by Grisebach
0049 30 885 915 0