Lot no. 22
Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll)
„Bewegte See II (Zwei Segler aneinander)“. 1914
Öl auf Leinwand. 73 × 88,5 cm ( 28 ¾ × 34 ⅞ in.). Unten rechts signiert: Emil Nolde. Auf dem Keilrahmen oben in Schwarz signiert und betitelt: Emil Nolde „Bewegte See“ II. Dort auch ein Etikett der Ausstellung New York 1977 (s.u.).
Urban 609.–
[3663]
Provenienz: Paul und Martha Rauert, Hamburg (um 1915 bis 1938) / Bernhard Sprengel, Hannover (1938 bis mind. 1955) / Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf (1958) / Sammlung Riklis, New York / Privatsammlung, Norddeutschland
Ausstellung: Ausstellung von Werken neuerer Kunst aus Hamburger Privatbesitz. Hamburg, Frauenbund zur Förderung deutscher bildenden Kunst, in der Kunsthalle, 1917, Kat.-Nr. 95 / Befreite Kunst. Ausstellung von Werken der bildenden Kunst. Celle, Schlößchen (Französischer Park), 1946, Kat.-Nr. 85 / Emil Nolde. Mannheim, Städtische Kunsthalle, 1952, Kat.-Nr. 13 / Emil Nolde. Kiel, Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, in der Kunsthalle, 1952, Kat.-Nr. 47 / Documenta. Kunst des XX. Jahrhunderts. Kassel, Museum Fridericianum, 1955, Kat.-Nr. 496 / Der Blaue Reiter und sein Kreis. New York, Leonard Hutton Galleries, 1977, Kat.-Nr. 70, mit Farbabbildung
Literatur und Abbildung: Auktion 155: Moderne Kunst des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts [...]. Bern, Kornfeld und Klipstein, 11.-13.6.1975, Kat.-Nr. 707 („Zwei Segelboote auf bewegter See“), mit ganzseitiger Farbabbildung Tf. 9/ Ausst.-Kat.: Nolde, Schmidt-Rottluff und ihre Freunde. Die Sammlung Martha und Paul Rauert, Hamburg 1905–1958. Hamburg, Ernst Barlach Haus; Freiburg i.Br., Museum für Neue Kunst; Rotterdam, Kunsthal; Bad Homburg, v.d.H, Sinclair-Haus Kulturforum der Altana AG; Davos, Kirchner Museum, und Bremen, Paula Modersohn-Becker Museum, 1999/2000, S. 43 u. S. 92, Anm. 146 (nicht ausgestellt)
Eine „gute Prise“– ein verschollenes Südsee-Gemälde mit bewegter Vergangenheit
Während Noldes Aufenthalt in der Südsee vom Dezember 1913 bis Mai 1914 entstanden unter oftmals abenteuerlichen Umständen insgesamt 19 Ölbilder sowie zahlreiche Aquarelle und farbige Zeichnungen auf Papier, die den Lebensalltag und die Naturschönheit im damaligen Neu-Mecklenburg (heute New Ireland) eindrücklich festhielten. Diese Werke markieren einen Wendepunkt in Noldes Schaffen, denn sie bestärkten ihn auf seinem eingeschlagenen künstlerischen Weg und steigerten sein Selbstbewusstsein als freier, innovativer Vertreter einer modernen Malerei. Umso mehr traf es Nolde, als ausgerechnet die großformatigen Gemälde von der Südseereise beim Rücktransport verloren gingen, bedingt durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges Anfang August 1914. Nolde erinnert sich: „Mein Sehnen ging nach meinen in Neuguinea gemalten Bildern. Sie waren in Kisten mit Eingeborenen-Sachen und Waffen mitverpackt worden und gingen mit dem Dampfer ‚Schlesien‘ damals ab von Rabaul, als auch wir die Heimreise antraten. Die ‚Schlesien‘ gelangte bis in den Kanal, wo sie gekapert und nach England gebracht wurde. Soviel hatten wir erfahren und wussten weiter nichts“ (Emil Nolde: Welt und Heimat. Köln 1965, 2. Auflage, S. 136).
Erst im Jahr 1921 erfährt Nolde von einem russischen Maler, diese Bilder seien wieder aufgetaucht: „Das bewegte uns sehr. Ich sehnte mich seit langem nach diesen, unter schwierigsten Umständen entstandenen Bildern“ (Emil Nolde: Reisen–Ächtung–Befreiung. Köln 1988, 4. Auflage, S. 40). Die fieberhafte Suche nach den verschollenen Werken führt Emil und Ada Nolde im Januar 1921 von Berlin über Heidelberg und Paris bis nach London. Ein letzter Hinweis weist schließlich nach Plymouth, wo ein Warenhausbesitzer namens Popplestone ihnen die Bilder – in Rollen gelagert – zugänglich macht. Er hatte sie als „gute Prise“ mit vielen anderen Dingen gemeinsam erworben. Lebhaft schildert Nolde die folgenden Geschehnisse: „Der Maler hielt vor Erregung seinen Hut vor das Gesicht. Wir vermochten gar nichts zu sagen. Er ging mit uns zu einer entlegenen verfallenen Villa und wirklich, unter einer Treppe hineingeschoben, lagen die beiden Rollen – meine Bilder. Wir schauten hin, aber konnten gar nicht haben, dass sie vor einem unverstehenden Menschen aufgerollt würden, er sollte unsere Erregung nicht sehen. Nach schwierigem Hin- und Herverhandeln wurden sie uns übergeben“ (ebenda). Doch das Ausrollen der Bilder erfolgte erst Wochen später im Haus von Noldes Schwester Catharine Bönnichsen in Südjütland. Nolde behielt diesen Moment in lebhafter Erinnerung: „Diese eigentümlichen Tropenbilder in einer schleswigschen Bauernstube! Wie war es seltsam. Und wie glühten die Farben. – Es war mir während der sieben Jahre, in denen sie verloren waren, nicht ganz bewusst geblieben, ob wirklich sie ganz gut seien oder nicht. Vielleicht deshalb war ich jetzt so freudig überrascht. Einige schienen mir besonders schön“ (ebenda, S. 41).
Das Gemälde „Bewegte See II“ war eines dieser wertvollen Fundstücke, deren Auffindung Emil Nolde im Nachhinein als „ein Wunder“ bezeichnete. Dargestellt sind zwei parallel fahrende Segelboote auf stürmischer See. Die hochspritzende Gischt unter ihrem Kiel verdeutlicht die hohe Geschwindigkeit, mit der sie sich durchs Wasser bewegen. Hinter und neben ihnen türmen sich Wellenberge auf, doch die Segler rasen furchtlos in das vor ihnen liegende Wellental, als könnten die Elemente ihnen nichts anhaben. Es fällt auf, wie sehr Nolde ihre Farbigkeit der des grünschwarzen Meeres angeglichen hat. Fast scheinen sie mit den umgebenden Sturzwellen zu einer Einheit zu verschmelzen. Lediglich das dunkle Violett in den Spitzen der Segel hebt sich farblich etwas von der Umgebung ab, doch taucht auch dieses in stark aufgehellter Form im grauen Dunst des Himmels und selbst der weißen Gischt wieder auf.
Im Vergleich zu dem Vorgängerbild „Bewegte See I (Zwei Segler und ein kleiner Dampfer)“ ist die Dramatik in unserem Bild merklich gesteigert. Der Bildausschnitt ist enger gefasst, die Wellenberge bedrohlich nah. Nolde greift hier fraglos auf das Motiv des Urmeeres zurück, das in seinem noch kurz vor der Abreise in die Südsee gemalten Bild „Das Meer III“ von 1913 am eindrücklichsten wiedergegeben wurde. Die Farbigkeit von Wellen und Gischt ist nahezu identisch. In unserem Bild jedoch wird der Pinsel noch heftiger geführt, die Malerei insgesamt ist merklich freier und expressiver als in dem noch unbelebten Vorgängerbild. Eine Überfahrt bei stürmischem Wetter im Jahr 1908 zu der kleinen dänischen Ostseeinsel Anholt im Kattegat hat Noldes Sicht des Meeres nachhaltig geprägt. Die seekranke Ada war aus Sicherheitsgründen am Mast des Schiffes festgebunden, und Nolde berichtet weiter über die tosenden Wassermassen: „Ich stand nebenzu, krampfhaft am Geländer der Treppe mich festhaltend, schauend und staunend, mit dem Schiff und den Wellen auf und nieder schwankend. – Dieser Tag ist mir in so starker Erinnerung geblieben, dass jahrelang nachher ich darnach meine Meerbilder malte, die Bilder mit wogenden, wilden grünen Wellen und an der oberen Kante nur ein klein wenig gelblichem Himmel. – Falls eine Sturzsee mich über Bord gespült und ich im Element zwischen Leben und Tod hätte kämpfen müssen, - ob ich wohl dann das Meer noch mächtiger würde malen können?“ (Emil Nolde: Jahre der Kämpfe. Köln 1985, 5. Auflage, S. 108).
Das Gemälde „Bewegte See II“ hat auch nach seinem Verkauf durch Nolde eine bemerkenswerte Historie vorzuweisen. So gelangte es bereits um 1915 in die renommierte Expressionisten-Sammlung des Hamburger Rechtsanwalts Paul Rauert. 1938 erwarb der bekannte Schokoladenfabrikant Bernhard Sprengel das Bild, in dessen Sammlung sich zahlreiche andere hochrangige Nolde-Werke befanden, Ölbilder wie auch Aquarelle und Grafiken. Sprengel unterstützte Nolde insbesondere in der Zeit des Malverbots (1941-1945) materiell und logistisch. So versteckte er ausgewählte Werke Noldes an geheimen Orten, um sie so dem Zugriff durch die Nationalsozialisten zu entziehen. Sprengel war es auch, der das Bild zur Ausstellung in der ersten Kasseler documenta im Jahr 1955 gab. Der 87-jährige Nolde fühlte sich ein Jahr vor seinem Tod besonders geehrt, im Kreise auch ganz junger Künstler mit seinen Arbeiten vertreten zu sein, fühlte er sich doch zeit seines Lebens der zeitgenössischen Gegenstandsmalerei engstens verbunden.
Andreas Fluck
Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll)
„Bewegte See II (Zwei Segler aneinander)“. 1914
Oil on canvas. 73 × 88,5 cm ( 28 ¾ × 34 ⅞ in.). Signed lower right: Emil Nolde. On the upper stretcher bar in black signed and titled: Emil Nolde „Bewegte See“ II. There too a label of the exhibition New York 1977 (see below).
Urban 609.–
[3663]
Provenienz: Paul and Martha Rauert, Hamburg (circa 1915 until 1938) / Bernhard Sprengel, Hanover (1938 until at least 1955) / Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf (1958) / Collection Riklis, New York / Private collection, Northern Germany
Ausstellung: Ausstellung von Werken neuerer Kunst aus Hamburger Privatbesitz. Hamburg, Frauenbund zur Förderung deutscher bildenden Kunst, Hamburger Kunsthalle, 1917, cat. no. 95 / Befreite Kunst. Ausstellung von Werken der bildenden Kunst. Celle, Schlößchen (Französischer Park), 1946, cat. no. 85 / Emil Nolde. Mannheim, Städtische Kunsthalle, 1952, cat. no. 13 / Emil Nolde. Kiel, Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, Kunsthalle, 1952, cat. no. 47 / Documenta. Kunst des XX. Jahrhunderts. Kassel, Museum Fridericianum, 1955, cat. no. 496 / Der Blaue Reiter und sein Kreis. New York, Leonard Hutton Galleries, 1977, cat. no. 70, with colour illustration
Literatur und Abbildung: Auktion 155: Moderne Kunst des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts [...]. Bern, Kornfeld und Klipstein, 11.-13.6.1975, cat. no. 707 („Zwei Segelboote auf bewegter See“), with full-page colour ill. pl. 9/ Ex. cat.: Nolde, Schmidt-Rottluff und ihre Freunde. Die Sammlung Martha und Paul Rauert, Hamburg 1905–1958. Hamburg, Ernst Barlach Haus; Freiburg i.Br., Museum für Neue Kunst; Rotterdam, Kunsthal; Bad Homburg, v.d.H, Sinclair-Haus Kulturforum der Altana AG; Davos, Kirchner Museum and Bremen, Paula Modersohn-Becker Museum, 1999/2000, p. 43 and p. 92, note. 146 (not exhibited)
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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