Lot no. 20
Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos)
Am Strand sitzender Akt. 1912
Kreide auf Velin. 44,5 × 35 cm ( 17 ½ × 13 ¾ in.). Unten links mit Bleistift signiert: EL Kirchner. Rückseitig mit dem Basler Nachlassstempel Lugt 1570b und der mit Feder in Schwarz eingetragenen Registriernummer: K Be/Bf 3.
[3570]
Provenienz: Privatsammlung, Norddeutschland
„1912 bis 1914 verbrachte ich mit Erna die Sommermonate auf Fehmarn. Hier erlernte ich, die letzte Einheit von Mensch und Natur zu gestalten und vollendete, was ich in Moritzburg angefangen hatte“ (Ernst Ludwig Kirchner: Die Arbeit E.L. Kirchners (Manuskript). In: Eberhard W. Kornfeld, Ernst Lud- wig Kirchner. Nachzeichnung seines Lebens, Bern 1979, S. 336). In diese Zeit fällt auch die Entstehung unseres am Strand sitzenden Akts. Kirchner wurde damals nicht nur von Erna Schilling begleitet, seiner Freundin und späteren Lebenspartnerin. Auch Erich Heckel und dessen Freundin, die Tänzerin Sidi Riha, kamen zu Besuch. Und anders als noch bei seinem ersten Aufenthalt auf Fehmarn im Jahr 1908, als er sich ganz dem Studium der Landschaft gewidmet hatte, stand nun der nackte Mensch im Mittelpunkt seines Schaffens. Der Maler war fasziniert von den „schönen, architektonisch aufgebauten“ Körpern dieser beiden Mädchen (damit sind Erna und ihre Schwester Gerda Schilling gemeint, Anm. d. Autors), die „den weichen sächsischen Körper“ ablösten (s.o.). Wie Kirchner selbst bemerkt, blieb das für seine Kunst nicht ohne Folgen, wurde sein Ausdruck in dieser Phase „strenger und ferner von der Naturform“.
Am Strand von Fehmarn mit seinen charakteristischen großen Steinen hockt eine unbekleidete Frau. Im Hintergrund sind die See und ein kleines Segelboot zu erkennen. Mit schwarzer Kreide beschreibt Kirchner die nervös- schraffierte Außenlinie der Figur - ein markantes Kennzeichen der Werke dieser Jahre. Die Arme hält die junge, auffallend aufrecht sitzende Frau hinter dem Kopf verschränkt, sodass ihr Körper eine elegante Streckung erfährt. Die Kreidezeichnung begeistert durch ihre spontane, sichere Gestaltung, in der jeder Strich sitzt. Bereits an den Moritzburger Teichen hatten die Brücke-Maler die ersten sogenannten „Viertelstundenakte“ angefertigt. Dabei behielten die meist weiblichen Modelle ihre Pose nur für ein paar Minuten bei, während die Künstler die Szene rasch skizzierten.
Bei dem „Am Strand sitzenden Akt“ hat man den Eindruck, Kirchner habe die Geschwindigkeit hierbei noch einmal erhöht, noch schneller und spontaner gearbeitet, um den flüchtigen Moment, die, wie er es formulierte, „Ekstase des ersten Sehens“ festzuhalten. Es ist bekannt, dass der Maler die Angewohnheit hatte, unter einem Pseudonym über sich in der dritten Person zu schreiben: „Kirchners Zeichnungen sind vielleicht das Reinste, Schönste seiner Arbeit“, heißt es an einer Stelle. „Sie sind unbewusst und absichtslos, ein Spiegel der Empfindungen eines Menschen unserer Zeit“ (Louis de Marsalle [d.i. Ernst Ludwig Kirchner]: Zeichnungen von E.L. Kirchner, in: Genius 1920, 2. Buch, S. 221).
GK
Die Zeichnung ist während Kirchners Aufenthalt auf der Insel Fehmarn entstanden. WIr danken Prof. Dr. Günther Gercken, Lütjensee, für freundliche Hinweise.
Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos)
Am Strand sitzender Akt. 1912
Chalk on wove paper. 44,5 × 35 cm ( 17 ½ × 13 ¾ in.). Signed in pencil lower left: EL Kirchner. On the reverse with the Basel estate stamp Lugt 1570b and the registry number in pen in black: K Be/Bf 3.
[3570]
Provenienz: Private collection, Northern Germany
The drawing was produced during Kirchners stay on the island Fehmarn. We would like to thank Prof. Dr. Günther Gercken, Lütjensee, for kindly providing additional information.
Pictures credits: Contact organization
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