Lot no. 17
Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos) „PORTRÄT BOSSHART“. 1922 Öl auf Leinwand. 70 x 60 cm ( 27 ½ x 23 ⅝ in.). Rückseitig mit dem Stempel und der mit Pinsel in Schwarz eingetragenen Registriernummer: NACHLASS E. L. KIRCHNER Da/Ba 47. Gordon 698 (datiert „1921-23“).– Kleine Retuschen. [3512] Provenienz: Nachlaß des Künstlers (1968) / Familienstiftung Benvenuta, Vaduz (2000) / Privatsammlung, Schweiz Ausstellung: Ernst Ludwig Kirchner. Werke aus dem Nachlaß, zum ersten Male in Deutschland, aus Anlaß seines 70. Geburtstages 1950. Hamburg, Kunstverein; Hannover, Kestner-Gesellschaft; Bremen, Kunsthalle, und Wuppertal, Städtisches Museum, 1950/51, Kat.-Nr. 24 / Ernst Ludwig Kirchner. Lugano, Museo d'Arte Moderna, Villa Malpensata, 2000, Kat.-Nr. 68, m. Abbildung Ernst Ludwig Kirchner als Portraitmaler? Es ist immer noch zu wenig bekannt, daß in Kirchners malerischem und vor allem graphischem Werk zahlreiche Bildnisse vorkommen, die künstlerisch zu den herausragenden Arbeiten seiner Kunst zählen. So hat er nicht nur in der „Brücke“-Zeit die Freundinnen Fränzi, Marcella und Dodo häufig dargestellt, sondern auch während seiner ganzen Schaffenszeit Menschen seiner Umgebung und Bekanntschaft in Bildnissen gedeutet, unter anderen die Schriftsteller Alfred Döblin, Carl Sternheim und Leonhard Frank und die Maler Erich Heckel, Oskar Schlemmer und Otto Mueller. Zu dieser Reihe gehören auch die Portraitstudien und das Gemälde des Schweizer Dichters Jakob Bosshart (1862–1924). Kirchners gezeichnete und gemalte Bildnisse sind keine Auftragsarbeiten und keine Abbilder der äußeren Erscheinung der portraitierten Personen. Sie beruhen auf dem inneren Bild, das sich der Künstler vom Wesen des Dargestellten machte. Sie wollen durch die Maske, die jeder trägt, hindurchschauen auf den wahren Menschen. Im Gegensatz zur Photographie geben sie auch keinen Augenblicksmoment wieder, sondern sie enthalten im besten Fall einen Teil der Biographie, die sich in das Gewordensein des Gesichts eingeschrieben hat. Das Problem, das mit dem Portrait gelöst werden muß, ist, für die Wesensschau eine Form zu finden, mit der sich sowohl ein stimmiges Bild gestalten als auch die Personendeutung für den Betrachter verstehbar ausdrücken läßt. Für seine vielen Portraits hat Kirchner jeweils eine eigene, charakteristische Form gefunden, so daß es keine Wiederholungen gibt. Seine Erfindung neuer Bildzeichen (Hieroglyphen) entspricht der Einmaligkeit jedes Einzelnen der Dargestellten. Kirchner lernte Jakob Bosshart im Herbst 1921 in der Zürcher Heilstätte Davos Clavadel kennen. Bald entwickelte sich ein für beide inspirierendes, freundschaftliches Verhältnis. Jakob Bosshart sah Kirchners kleine Holzschnitte zu Georg Heyms Gedichten „Umbra vitae“ und wünschte sich auch Illustrationen zu seinen Erzählungen, die dann 1923, bebildert mit 22 folkloristischen Text-Holzschnitten von Kirchner, unter dem Titel „Neben der Heerstraße“ erschienen. In einem Brief an Gustav Schiefler hebt Kirchner die Menschenfreundlichkeit und „unglaubliche Güte“ Bossharts hervor. Diese Charakterzüge sollten auch in das Portrait eingehen. In vielen Zeichnungen und Skizzen und einer lockeren Strichätzung (Dube R 386) hat Kirchner das Portrait eingeübt. Aber gegenüber den Strichzeichnungen erforderte das Gemälde eine Umsetzung in flächige Formen. Zunächst ist die rigorose Großformigkeit befremdlich, mit der das Gesicht als homogene Farbfläche, akzentuiert durch das massive Brillengestell und den bogenförmigen Schnauzbart, gemalt ist. Aber gerade dadurch erreicht Kirchner den Ausdruck einer souveränen Ruhe und Gelassenheit im Bildnis des Schriftstellers. Die leichte Wendung des Kopfes und der lebhafte Blick drücken seine gespannte Aufmerksamkeit und Anteilnahme aus. Man glaubt auch, in dem Gemälde den Pädagogen zu erkennen. Jakob Bosshart hat sechzehn Jahre lang als Rektor des Kantonsgymnasiums Zürich gewirkt. Der entschiedene Ausdruck des Mundes, gemalt als gerader Strich im Oval der wulstigen Lippen, läßt keinen Zweifel daran, daß er dieser Leitungsfunktion gewachsen war. Das Gesicht des 60jährigen wird eingerahmt vom weißen Kopf- und Barthaar, das dem Dichter die Abgeklärtheit des Alters gibt. Kirchner hat den Kopf vor den Hintergrund der Clavadeler Bergwelt gesetzt. Die Farben und Formen der Gebirgslandschaft, in ähnlichen Nuancen wie die des Gesichts und der Haare, binden den Kopf in die Komposition des Bildganzen. Das „Portrait Bosshart“ ist ein Bildnis der Freundschaft, das Ernst Ludwig Kirchners Sympathie für den Dichter widerspiegelt und die unsrige weckt. Günther Gercken, Lütjensee Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos) „PORTRÄT BOSSHART“. 1922 Oil on canvas. 70 x 60 cm ( 27 ½ x 23 ⅝ in.). On the reverse the stamp, with the registry number inscribed with brush in black: NACHLASS E. L. KIRCHNER Da/Ba 47. Gordon 698 (dated „1921-23“).– Minor retouchings. [3512] Provenienz: Estate of the artist (1968) / Benvenuta family foundation, Vaduz (2000) / private collection, Switzerland Ausstellung: Ernst Ludwig Kirchner. Werke aus dem Nachlaß, zum ersten Male in Deutschland, aus Anlaß seines 70. Geburtstages 1950. Hamburg, Kunstverein; Hannover, Kestner-Gesellschaft; Bremen, Kunsthalle, and Wuppertal, Städtisches Museum, 1950/51, cat. no. 24 / Ernst Ludwig Kirchner. Lugano, Museo d'Arte Moderna, Villa Malpensata, 2000, cat. no. 68, with illustration
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Drawings, watercolours and pastels
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Catalog
06/04/2015
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