Lot no. 16
Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos)
Zwei Badende. 1910
Aquarell, Tuschpinsel und -feder auf leichtem Karton (Postkarte an Karl Schmidt-Rottluff). 14 × 9 cm ( 5 ½ × 3 ½ in.).
[3030]
Provenienz: Karl Schmidt-Rottluff, Berlin (bis 1976) / Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen (bis 1998) / Privatsammlung, Deutschland (1998 erworben)
Ausstellung: Bemalte Postkarten und Briefe deutscher Künstler. Hamburg, Altonaer Museum, 1962, Kat.-Nr. 219
Literatur und Abbildung: Ausst.-Kat.: Die „Brücke“ in Dresden 1905–1911. Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister, im Schloss, 2001/02, S. 334 (erwähnt, nicht ausgestellt) / Hans Delfs (Hg.): Ernst Ludwig Kirchner. Der gesamte Briefwechsel. 4 Bände. Zürich, Scheidegger & Spiess, 2010, hier Bd. 1, Nr. 82 / Durs Grünbein: Das Paradies, das sind die Teiche von Moritzburg. In: Grisebach. Das Journal. Heft 6, Berlin 2016, S. 4-11, Farbabb. S. 6
Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein schreiben am 16. August 1910 aus Moritzburg:
„Holzstöcke eingetroffen
Vom 18. ab Dresden Fr[iedrichstadt] Gruss an Fräul[ein] Schapire
und Deine Schwester. Erich
Grüße Dich, Schwester
und Frl. Schapire d[ein] Max“
Bemalte Postkarten der Brücke-Künstler – Große Kunst im Kleinformat
Im Kreis der „Brücke“-Maler ging es munter, mitteilsam und nicht selten turbulent zu. Ständiger Austausch. Briefe, vor allem auch Postkarten wechselten zwischen den eifrigen Schreibern hin und her, übermittelten Texte und – farbige Zeichnungen. Am 23. Juni 1910 steckte Ernst Ludwig Kirchner eine Postkarte, rückseitig mit der Szene „Badende, sich abtrocknend“ bemalt, in den Kasten (Los 17). Gerichtet an Karl Schmidt-Rottluff, der, wie schon in den Jahren zuvor, seine Malutensilien für den ganzen Sommer nach Dangast bei Varel verfrachtet hatte, bedankt sich Kirchner „für D[eine] interessante Karte“. Wenig später – am 16. August – grüßen Erich Heckel, Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner den immer noch in „Dangast b[ei] Varel“ arbeitenden „Herrn Schmidt-Rottluff“ mit dem Motiv „Zwei Badende“ (Los 16). Die drei Kollegen hatten ihre Staffeleien an den Moritzburger Teichen nahe Dresden aufgebaut. Glückliches Miteinander: Was sie schufen, zählt heute zu den Höhepunkten des deutschen Expressionismus. Nie waren sie sich künstlerisch und menschlich näher. Das gemeinsame Ziel: „Der nackte Mensch in freier Natur mit neuen Mitteln. In ungebrochenen Farben, blau, rot, grün, gelb leuchten die Körper im Wasser und zwischen Bäumen.“ Das Lieblingsmodell der Maler, die noch nicht zehnjährige „Fränzi“, inspirierte mit ihrem ansteckenden Bewegungsdrang das Geschehen auf Leinwand, Papier und – Postkarte. „Unsere Jüngste“ erscheint schlank und feingliedrig im Zeichenduktus Ernst Ludwig Kirchners, wie sie zusammen mit einem älteren Modell den Fuß vorsichtig ins flache Wasser taucht. Nahezu dieselbe Szene hatte er ein Jahr zuvor, am 6. September 1909, auf einer Postkarte („Badende am Teich, sich waschend“, Brücke-Museum, Berlin) festgehalten und an den „Maler Schmidt-Rottluff, Dangast b. Varel, Oldenburg“ gesandt (Abb. links).
Nicht nur zwischen den Künstlern flogen die Nachrichten hin und her. Der große Kreis der „PM“, der passiven Mitglieder der „Brücke“, war eingeschlossen in die „Correspondence“. Wenn Erich Heckel und Max Pechstein am 16. August 1910 Fräulein Dr. Rosa Schapire grüßen, dann ist mit ihr jene Sammlerin, kluge Journalistin und gefragte Vortragsrednerin benannt, an die die meisten Postkarten gerichtet waren. Wohnhaft in Hamburg, Osterbeckstraße 43, zeigte sie jenen Besuchern, die es bis zu ihr in die dritte Etage geschafft hatten, gern und begleitet von ihrem glitzernden Lachen mehr als 120 Postkarten.
Eine der jetzt angebotenen Farb-Postkarten, „Sich ankleidende Frau“, adressierte Erich Heckel am 5. Dezember 1911 an eine andere Hamburgerin, die Fotografin Minya Diez-Dührkoop, seit 1910 Passivmitglied der „Brücke“ (Los 18). Sie „kurte“ im „Sanatorium Dr. Abend“ in Wiesbaden und hatte eine Arbeit Heckels bei sich. Daran knüpft der Künstler an und bittet darum, unter den Gästen „für uns neue Freunde zu gewinnen“. Damit wird die Funktion der „Brücke“-Postkarte sichtbar: Sie hält Kontakt zu den Sammlern, macht auf-merksam auf das, was im Atelier entsteht, und wirbt immer auch um neue „PM“.
Als sich die „Brücke“ am 27. Mai 1913 auflöste, lagen acht gemeinsame Jahre hinter den Künstlern. Sie schrieben ein bewegtes und bewegendes Kapitel der Kunstgeschichte – und die feinen Zeugen dieses „Aufbruchs einer neuen Generation der Schaffenden“ sind jene bemalten Postkarten, die „unmittelbar und unverfälscht wiedergeben, was zum Schaffen drängt“.
Gerd Presler
Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos)
Zwei Badende. 1910
Watercolour, brush and pen and India ink on light cardboard (postcard to Karl Schmidt-Rottluff). 14 × 9 cm ( 5 ½ × 3 ½ in.).
[3030]
Provenienz: Karl Schmidt-Rottluff, Berlin (until 1976) / Private collection, North Rhine-Westphalia (until 1998) / Private collection, Germany (acquired 1998)
Ausstellung: Bemalte Postkarten und Briefe deutscher Künstler. Hamburg, Altonaer Museum, 1962, cat. no. 219
Literatur und Abbildung: Ex. cat.: Die „Brücke“ in Dresden 1905–1911. Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister, im Schloss, 2001/02, p. 334 (mentioned, not exhibited) / Hans Delfs (ed.): Ernst Ludwig Kirchner. Der gesamte Briefwechsel. 4 vols. Zürich, Scheidegger & Spiess, 2010, here vol. 1, no. 82 / Durs Grünbein: Das Paradies, das sind die Teiche von Moritzburg. In: Grisebach. Das Journal. vol 6, Berlin 2016, p. 4-11, colour ill. p. 6
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