Lot no. 11
Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos) Zwei sitzende Akte. 1913 Bleistift auf Papier. 39 × 53,2 cm ( 15 ⅜ × 21 in.). Unten links signiert: EL Kirchner. Rückseitig mit dem Basler Nachlassstempel Lugt 1570b und der mit Feder in Schwarz eingetragenen Nummer: B Be / Bg 105. Leichte Randmängel. [3502] Provenienz: Privatsammlung, USA Im Unterschied zu Ernst Ludwig Kirchners vielen Skizzen als Vorarbeiten für Grafiken und Gemälde sind die „Zwei sitzenden Akte“ eine bildhaft ausgeführte Zeichnung im charakteristischen Stil der frühen Berliner Zeit. Unter dem Pseudonym L. de Marsalle schreibt er selbst über sein Werk: „Es gibt von Kirchner Tausende von Zeichnungen in allen Stadien der Vollendung, sie sind der Schlüssel zu Kirchners Kunst überhaupt.“ Und warum das so ist, lässt sich leicht beantworten: weil sich in den Zeichnungen Kirchners Eigenart der Formbildung im Entstehungsprozess am deutlichsten ablesen lässt, wie an den „Zwei Akten“, die im reinen Umriss, fast ohne Binnenzeichnung, aus langen präzisen Linienzügen gestaltet sind. Obwohl die Konturen der Figuren ganz in der Fläche liegen, entsteht durch die Formenüberschneidung des frontal gesehenen Aktes mit dem übergeschlagenen Bein eine räumliche Wirkung. Außerdem lenkt das Bein zusammen mit dem angewinkelten Unterarm den Blick des Betrachters vom Unterrand der Zeichnung zum Gesicht des Aktes. Schaut man die eher unauffällige abstrakte Konstruktion genauer an, so stellt man fest, dass jede Einzelform kontrapunktisch auf eine andere antwortet und dass die Zeichnung aus zahlreichen nach oben oder unten offenen V-Formen aufgebaut ist, wie zum Beispiel durch die Beinstellung der linken Figur und die im Ellbogen abgewinkelten Arme beider Figuren. Durch Schraffuren, welche die Akte zur Schattierung umgeben und heller hervorheben, wird die Zeichnung rhythmisch belebt. Zwischen den heftig gezeichneten Strichbündeln bildet die Figurengruppe einen Ruhepol, sodass sich Dynamik und Ruhe zu einen harmonischen Gleichgewicht stabilisieren. Die Sitzkissen nehmen die runden Umrisse der Akte auf und verbreitern so die Basis der Sitzenden zu einer großen, das Figurenpaar zusammenfassenden Dreieckskomposition, die wiederum in der Gegenrichtung ausbalanciert wird durch das auf die Spitze gestellte Dreieck im Zentrum, gebildet aus Ober- und Unterarm der rechten Figur. Dieser Arm überbrückt die sonst leere Mitte des Blattes und ist formal das Bindeglied zwischen den Figuren, aber darüber hinaus ist er auch der Bedeutungsträger. Denn die Zeichnung stellt nicht zwei einzelne Akte dar, sondern eine Szene, die sich zwischen den beiden Figuren abspielt. Während die linke Figur mit einem versonnenen Blick nach innen versunken in sich verharrt, streicht ihr die rechte in liebevoller Zuwendung behutsam über den Kopf. Diese tröstende Geste, die in eine vollkommene Gesamtkomposition eingebettet und deren Höhepunkt ist, macht die emotionale Wirkung der Zeichnung aus. Statt mit dem nüchternen deskriptiven Titel könnte man sie, etwas pathetisch, auch mit „Trost“ überschreiben. Günther Gercken, Lütjensee WIr danken Prof. Dr. Günther Gercken, Lütjensee, für freundliche Hinweise. Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos) Zwei sitzende Akte. 1913 Pencil on paper. 39 × 53,2 cm ( 15 ⅜ × 21 in.). Signed lower left: EL Kirchner. On the reverse with the Basel estate stamp Lugt 1570b and inscribed with the number in pen and black ink: B Be / Bg 105. Minor margin imperfections. [3502] Provenienz: Private collection, USA We would like to thank Prof. Dr. Günther Gercken, Lütjensee, for kindly providing additional information.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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Oeuvres Choisies
10719 Berlin - Germany
06/01/2017
Offered by Grisebach
0049 30 885 915 0