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Lot no. 514
Ernst Wilhelm Nay In Blockformen Beidseitige Arbeit: Eine Komposition um 180° gedreht. Jeweils Öl auf Leinwand.. 100 x 110 cm. Gerahmt. Jeweils signiert und datiert 'Nay 53'. - Recto am unteren Rand mit kleiner Retusche. Randdoubliert, um die Arbeit beidseitig präsentieren zu können. Der originale Keilrahmen fehlt. Scheibler 694 Provenienz Dr. Wickert, Berlin; Privatsammlung, Berlin Laut Scheibler hatte der Künstler die Bildrückseite ursprünglich übermalt und sie wurde posthum nach 1990 wieder freigelegt. Nay verwendete für dieses Bild einen alten, beschrifteten Keilrahmen. Von 1940 bis 1944 ist Ernst Wilhelm Nay als Soldat zuerst in Südfrankreich, ab 1942 im nordfranzösischen Le Mans stationiert. In Deutschland als „entartet" diffamiert, gelingt es ihm dennoch, neben seinem Militärdienst weiter zu malen. Insbesondere in kleinformatigen Zeichnungen und Aquarelle entwickelt er Kompositionen, die er in Gouachen und wenigen, eher kleinformatigen Ölbildern weiter ausführt. Durch die Freundschaft mit dem Juristen und Kunstsammler Hans Lühdorf und dem Amateurbildhauer Pierre de Térouanne kann Nay in Le Mans ein Atelier beziehen und erfährt vielfältige praktische Unterstützung auch über deren guten persönliche Verbindungen. Hans Lühdorfs umfangreiche Aufzeichnungen über seine gemeinsamen Kriegsjahre mit dem Künstler stellen ein lebendiges Zeitdokument dar, in dem auch unsere „Königin auf dem Thron" (Lot 513)Erwähnung findet: „Die rote Farbe als Symbol des Blutes verwendete Nay oft dominierend für bestimmte Körperteile seiner Figurenbilder („Königin auf dem Thron") zur Sichtbarmachung der mystischen Bindungen. Nay sprach hier von der „Topographie seiner Farbe"." (zit. nach: E.W. Nay 1902-1968. Bilder und Dokumente, Ausst. Kat. München u.a. 1980, S. 86). In verschiedenen kunstaffinen französischen und deutschen Besuchern findet Nay begeisterte Interessenten seiner Arbeiten. Zu seinen berühmtesten Anhängern zählt der Schriftsteller Ernst Jünger, der gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Fritz Baumgart 1943 zu Gast in Le Mans ist. In seinem Kriegstagebuch „Strahlungen" beschreibt Jünger die Begegnung mit Nay und den Eindrücken, die er von seinem Kunstschaffen gewinnt. Nach seinen Lofoten-Bildern aus den Jahren 1937/38, deren flächige, abstrahierte Menschen- und Landschaftsdarstellungen von einer dynamischen, kristallin anmutenden Formensprache bestimmt werden, findet Nay in dieser Zeit in Frankreich zu einem beruhigteren, kleinteiligeren Stil. Er konzentriert sich auf Figurendarstellungen, die mit ihrer Umgebung zu einem ornamentalen Gefüge verschmelzen. „Die meisten Werke zeigen thematisch legendäre Szenen, in denen abstrahierte Figuren in ein überpersönliches, tragisches oder euphorisches Geschehen eingebunden erscheinen. […] Das mit weißen Strichen und Punktreihen angedeutete Rückgrat der beiden Figuren in „Königin auf dem Thron" macht die Skelettform der Körper sichtbar. Als Gegensatz zu diesem Memento mori empfindet man die harmonisch-warme Farbgebung dieser Bilder, in denen Nay erstmals das Gelb als dominante Farbe wählt und in der Kombination mit hellem Rot einen leuchtenden, lebensvollen Farbklang erreicht. Das Brennende dieser Feuerfarben mildert Nay häufig durch eine Skala von Braun- und Grüntönen. Um die sonst perspektivisch erscheinenden Zwischenräume seiner Bildkompositionen flächig zu überbrücken, erfindet Nay ein Motiv abwechselnd sich wiederholender Schachbrettmuster." (Elisabeth Nay-Scheibler, in: Ernst Wilhelm Nay, Werkverzeichnis der Ölgemälde, Köln 1990, Bd. 1, S.198). Das neun Jahre später entstandene doppelseitige Gemälde „In Blockformen" (Lot 514) offenbart bereits eine vollzogene Abkehr von jeglichen gegenständlichen Formen. Diese Entwicklung zur reinen Abstraktion geht einher mit dem Umzug Ernst Wilhelm Nays vom ländlichen Taunus nach Köln im Jahr 1951. Elisabeth Nay-Scheibler charakterisiert die 1952/53 in der lebhaften Großstadtatmosphäre geschaffenen Arbeiten als „Rhythmische Bilder", die geprägt sind durch die Affinität des Künstlers zur neuen Musik. Nay besuchte des Öfteren Konzerte von Komponisten wie Arnold Schönberg, Béla Bartok und Paul Hindemith sowie den Avantgardisten wie Pierre Boulez und Luigi Nono und tauschte sich mit diesen über musikalische und malerische Parallelen aus. Die abstrakten Kompositionen dieser Zeit zeigen zumeist einen leicht und dynamisch wirkenden Reigen locker gesetzter, offener Farbformen und Linienstrukturen. Diese Merkmale finden sich so auch auf der Rückseite von „In Blockformen" - eine Komposition, die der Künstler laut Information von Aurel Scheibler übermalt hatte und die erst posthum nach 1990 wieder freigelegt wurde. Sie wird dominiert von großflächigen Farbformen in Braun- und Orangetönen, die durch zackenförmige schwarze Linien und kontrastierende blaue und blaugraue Farbformen belebt werden und sich so zu einer kraftvoll-dynamischen Gesamtkomposition verbinden. Die vorderseitige Komposition weist dagegen einen beruhigten, von weich gerundeten Formen geprägten Charakter auf. Durch das vollständige Fehlen der Linienstrukturen ist hier bereits ein Ausblick auf die Scheibenbilder gegeben, die Nay ab 1955 erarbeitet. Weiße, hellblaue und dunkelblaue Ellipsen schweben zusammen mit abgerundeten kleinen Rechteckformen vor einem harmonischen Zusammenklang verschiedenster Farbkompartimente in Schwarz, Dunkelrot, Dunkelblau und Ocker. Die verbleibenden weißen Partien erscheinen nicht als eigenständige Formen, sondern als stellenweise hell hervorleuchtende Hintergrundfläche, die den Eindruck von schwebender Leichtigkeit unterstreicht. Nay selber schreibt zu dieser Werkphase: „1952, nach der strengen Einengung, gab es eine starke Auflösung der Bildformen. Doch ist für meine Kunst eine formale Objektivität immer eine direkte Forderung, immer mehr kam Rhythmus zum Austrag - Rhythmus der Fläche. Das Thema des Flächenraums, das eigentlich immer konstant gleich geblieben war, wurde im Sinne ellipsoider Scheinvorgänge gedacht. Hier ganze und eindeutige Klarheit für das Bild zu schaffen hat mich jahrelang beschäftigt, und die Wandlungen habe ich besonders aufmerksam nach diesem Gesichtspunkt hin beobachtet." (zit. nach: Retrospektive E.W. Nay, Ausst.Kat. Köln/Basel/Edinburgh 1991, S.34). Ernst Wilhelm Nay In Blockformen Two-sided work: One of the compositions rotated by 180°. Each oil on canvas.. 100 x 110 cm. Framed. Each signed and dated 'Nay 53'. - On the verso, the lower margin with minor retouching. Edge-reinforced in order to be able to present both of the work's sides. The original stretcher is missing. Scheibler 694 Provenance Dr. Wickert, Berlin; private collection, Berlin According to Scheibler, the artist had originially overpainted the verso and it was posthumously re-exposed after 1990. Nay used an old, inscribed stretcher frame for this painting. Ernst Wilhelm Nay was stationed as a soldier in France from 1940-1945, first in the south, and from 1942 in the north at Le Mans. Although defamed as a 'degenerate' in Germany, he was still able to continue painting alongside his military service. With small drawings and watercolours he developed compositions, which he expanded into gouaches and a few, small-format oil paintings. Through his friendships with the lawyer and art collector Hans Lühdorf and the amateur sculptor Pierre de Térouanne he moved into a studio in Le Mans, as well as profiting greatly in many practical ways from their good personal connections. Hans Lühdorf's extensive notes, made over the war years spent together with the artist, provide a vivid contemporary document, in which the present work 'Königin auf dem Thron' (lot 513) is mentioned: 'Nay used the colour red, as a symbol of blood, prevalently for particular body parts in his figurative pictures ('Königin auf dem Thron') to visualize the mystical bonds. Nay spoke of the 'topography of his color' (quoted from: E.W. Nay 1902-1968. Bilder und Dokumente, exhib.cat. Munich et al. 1980, p.86). Many artistic French and German visitors were greatly interested in his work, one of the most famous being the writer Ernst Jünger, who was a guest in Le Mans together with the art historian Fritz Baumgart in 1943. In his war diary 'Strahlungen', Jünger described the meeting with Nay and his impressions of his artwork. After his Lofoten pictures of 1937/38, whose flat, abstracted figural and landscape depictions were determined by a dynamic, crystalline-looking design language, Nay turns in this time in France to quieter, more detailed style. He concentrated on figural images, which blended with the surroundings into an ornamental structure. 'The majority of the works show thematically legendary scenes, in which abstracted figures appear to be bound to an intensely personal, tragic or euphoric event. ( . . .) The white strokes and rows of dots which suggest the spines of both figures in 'Königin auf dem Thron' (cat. no. 328), make the skeletal form of the body visible. In contrast to this Memento mori, the harmonically warm colour scheme with the dominant use of yellow and its combination with light red lifts the pictures to a bright, spirited tonal harmony. Nay softens the heat of these fire colours with a spectrum of brown and green tones. In order to flatten the otherwise perspectively emerging intervals in his compositions, Nay designed a motif of an alternately repeating chessboard pattern.' (Elisabeth Nay-Scheibler, in Ernst Wilhelm Nay. Werkverzeichnis der Ölgemälde, Cologne 1990, vol.1, p.198). Nine years later, he painted the double-sided work 'In Blockformen' (lot 514), revealing his complete renunciation of all representational forms. This development towards pure abstraction paralleled Nay's move from rural Taunus to Cologne in 1951. Elisabeth Nay-Scheibler characterized these works from 1952/53, produced in a lively big city atmosphere, as 'Rhythmical pictures', moulded by the artist's affinity to new music. Nay frequently attended concerts by composers such as Arnold Schönberg, Béla Bartok and Paul Hindemith as well as the avant-gardists Pierre Boulez and Luigi Nono, with whom he exchanged ideas about musical and painterly parallels. The abstract compositions of this period show, for the most part, light and dynamic rounds of loosely placed, open colour forms and line structures. These features are also found on the reverse of 'In Blockformen' - a composition which, according to information from Aurel Scheibler, the artist had overpainted and which was released posthumously in 1990. It is dominated by large coloured areas of brown and orange tones, which are animated by black zigzag lines and contrasting blue and blue-grey colour forms, producing a powerfully dynamic composition. The composition on the front however shows a somewhat quieter character with soft, rounded forms. The complete lack of lineal structure here hints already at the Scheibenbilder which Nay worked on from 1955. White, light blue and dark blue ellipses sway together with small, rounded square shapes in front of a harmonious colour combination of black, dark red, dark blue and ochre. The remaining white areas do not stand as individual forms, but as illuminated background areas, underscoring the impression of swaying lightness. Nay himself wrote about this phase of his work: '1952, following strict constrictions, came an intense dispersal of the pictorial form. However a formal objectivity is always a direct requirement for my art; increasingly rhythm came to discharge - rhythm of the surface. The theme of the surface area, which actually remained constant, was conceived in terms of ellipsoidal light processes. It took me years to create a complete and obvious clarity for the picture, and I have keenly observed the transformations from this viewpoint. ' (quoted from: Retrospektive E.W. Nay, exhib.cat. Cologne/Basel/Edinburgh 1992, p.34).
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale
Catalog
Art Contemporain I
50667 Köln - Germany
11/29/2014
Offered by Kunsthaus Lempertz
+49-(0)221-925729-0

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