Lot no. 10
Franz Marc (München 1880 – 1916 Verdun)
„Steinbock im Gebirge“. 1913
Aquarell, Tuschfeder und Collage (Goldfolie und Japanpapier) auf leichtem Karton (Postkarte). 14,1 × 9,1 cm ( 5 ½ × 3 ⅝ in.). Unten bezeichnet und monogrammiert: – salutations amicales! Fz M. Postkarte an Marguerite Legros.
Hoberg/Jansen 315.–
[3663]
Provenienz: Marguerite Legros und Jean-Bloé Niestlé, Sindelsdorf/Seeshaupt / Geschenk von Colette Niestlé an Familie Erdmann-Macke / Privatsammlung, Berlin
Ausstellung: Franz Marc. Zeichnungen und Aquarelle. Berlin; Brücke Museum; Essen, Museum Folkwang; Tübingen, Kunsthalle, 1989/90, Kat.-Nr. 126, mit Abb. / Der Blaue Reiter. Bremen, Kunsthalle, 2000, Kat.-Nr. 37, mit Abb. (betitelt: Gazelle. Datiert: um 1911/12)
Im Schaffen von Franz Marc war 1913 eines der bedeutsamsten und reichsten Jahre. Es entstanden Hauptwerke wie „Die Wölfe“, „Tierschicksale“, „Das arme Land Tirol“ und der „Turm der blauen Pferde“. In der Münchner Galerie Thannhauser wurde Marcs vierte Einzelausstellung eröffnet und gemeinsam mit August Macke und Herwarth Walden organisierte er den „Ersten Deutschen Herbstsalon“ in Berlin, die bedeutendste Ausstellung der Moderne vor dem Ersten Weltkrieg. Nach langen Jahren der künstlerischen Isolation hatte Franz Marc im Kreis der Avantgarde Gleichgesinnte gefunden. August Macke, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Paul Klee, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky: sie alle glaubten wie er an eine neue Epoche der Geistigkeit, strebten nach Aufbruch in der Kunst, nach Befreiung von Rationalität und Naturalismus. Im lebhaften Austausch mit diesen Künstlern hatte Franz Marc die ihm eigene Ausdrucksform gefunden, hatte mit Kandinsky 1912 den Almanach des „Blauen Reiter“ veröffentlicht und schuf mit seinen Postkarten an die Dichterin Else Lasker-Schüler poetische kleine Meisterwerke in „wunderherrlichen Farben“ (Lasker-Schüler).
Ein wichtiger Künstlerfreund aus den Anfangsjahren war der Schweizer Tiermaler Jean Bloé Niestlé. Mit ihm und dessen Freundin Marguerite Legros verlebten Franz Marc und seine Lebensgefährtin Maria Franck heitere und harmonische Tage auf dem Lande, in den Bauernorten Lenggries und Sindelsdorf, wo vorliegende Postkarte mit freundschaftlichen Grüßen an Marguerite Legros abgeschickt wurde. Beide Paare heirateten in demselben Jahr 1913. Maria Marc schreibt in ihren Erinnerungen über die erste Begegnung mit Marguerite: „Wir kamen in diesem Sommer [1908] auch wieder in engeren Kontakt mit Jean Bloé Niestlé, den Franz sehr liebte. Niestlé malte wunderbar fein und innig empfundene Tierbilder, namentlich Vögel, aber auch das Sumpf- und Moorgelände. Franz hatte viel Verständnis für den Freund und Einfühlung in sein stilles scheues Wesen, das von einer starken inneren Glut und Beseeltheit war. Auch Niestlé hatte in jener Zeit eine Freundin gefunden, ein reizendes junges Mädchen aus der Normandie, das in Planegg bei Hans Eduard von Berlepsch-Valendas studierte, das heißt, Unterricht nahm in seinem kunstgewerblichen Atelier. Wir hatten Marguerite Legros schon im Winter – zufällig oder schicksalhaft? – auf einem Kostümfest kennengelernt. Sie und Franz waren sich fast vor Begeisterung in die Arme gefallen, denn sie trug eine normannische und er eine bretonische Bauerntracht, sie sprachen sich gleich französisch an und fanden großen Gefallen aneinander. Die Freundschaft mit Marguerite Legros hat die Zeit überdauert, auch diejenige zwischen uns Frauen, nachdem die Männer aus unsern Leben geschieden waren“. (Brigitte Roßbeck (Hg.): Maria Marc. „Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen“. Mein Leben mit Franz Marc. München, Siedler Verlag, 2016, S. 92).
Durch Niestlé war Franz Marc früh auf die Tiermalerei gestoßen. Anhand der Tiermotive entwickelte er seine Ideen einer neuen Kunst, entwarf eine Gegenwelt jenseits zivilisatorischer Zwänge. Das Pferd, die Kuh, das Reh verkörperten für den Maler ein noch nicht entfremdetes Dasein in Einklang mit der Schöpfung. In der Bildanlage an japanische Holzschnitte angelehnt, geht die Darstellung „Steinbock im Gebirge“ noch ein Stück darüber hinaus. Die abstrahiert angedeutete Natur geht in schimmerndes Gold über, das als Steigerung der Ausdrucksfarbe und Metapher für ein metaphysisches Licht gesehen werden kann, in welches alle Materie eingeht; eine geistige Ebene, in welche es dem Tier zu folgen gilt. Höchste Spiritualität auf intimste Weise umgesetzt. Eine große Botschaft in kleinem Format. sch
Franz Marc (Munich 1880 – 1916 Verdun)
„Steinbock im Gebirge“. 1913
Watercolour, pen and India ink and collage (gold foil and Japan paper) on light cardboard (postcard). 14,1 × 9,1 cm ( 5 ½ × 3 ⅝ in.). Inscribed at the bottom and monogrammed: – salutations amicales! Fz M. Postcard to Marguerite Legros.
Hoberg/Jansen 315.–
[3663]
Provenienz: Marguerite Legros and Jean-Bloé Niestlé, Sindelsdorf/Seeshaupt / Gift of Colette Niestlé to the Erdmann-Macke family / Private Collection, Berlin
Ausstellung: Franz Marc. Zeichnungen und Aquarelle. Berlin; Brücke Museum; Essen, Museum Folkwang; Tübingen, Kunsthalle, 1989/90, cat. no. 126, , ill. / Der blue Reiter. Bremen, Kunsthalle, 2000, cat. no. 37, , ill. (titled: Gazelle. Dated: ca. 1911/12)
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