Lot no. 245
Franz von Stuck (Tettenweis 1863 – 1928 München) JUDITH UND HOLOFERNES (STUDIE). Um 1926 Öl auf Pappe. 44,3 x 19,3 cm ( 17 ½ x 7 ? in.). Unten links signiert: STUCK. Nicht bei Voss.– Studie zum gleichnamigen Gemälde von 1926 im Staatlichen Museum Schwerin (Voss 591/180). [3113] Provenienz: Privatsammlung, Norddeutschland Eingepaßt in ein strenges Hochformat präsentiert uns Franz von Stuck, Münchner Malerfürst, Symbolist und einer der großen Erneuerer der figürlichen Malerei in Deutschland um 1900, die alttestamentarische, siegreiche Kriegerin Judith – und ihr rücklings zum Betrachter liegendes Opfer, den assyrischen Feldherren Holofernes. Sie trägt nichts als ihr kostbares goldenes Geschmeide und ihre Mordwaffe. Er ist reich geschmückt an den Armen und am Kopf und in ein bläuliches Gewand gehüllt. Vor einem extrem dunklen Plafond, der die metallenen Lichtreflexe auf der Waffe und dem Schmuck meisterhaft akzentuiert, treten uns Judith und Holofernes wie auf einer beengten Bühne gegenüber. Der Assyrer scheint dabei fast nach vorne aus dem Bild zu fallen, während sie als sein kompositorisch-thematisches Pendant frontal zum Betrachter als Ganzfigur sich in der linken Bildhälfte erhebt. Der spätere Triumph Judiths, ihre heldenhafte List gegenüber den militärisch überlegenen Eindringlingen, wird somit auch in der Bildsprache manifest. Dargestellt ist der Moment der biblischen Geschichte aus dem Buch Judith, welcher der folgenreichen Enthauptung des Holofernes vor den Toren der Stadt Bethulia, eines Vorpostens Jerusalems, unmittelbar vorausgeht. Judith hatte sich in das Lager der Assyrer begeben und mit einer List deren Anführer Holofernes gefügig gemacht: „Judit allein blieb in dem Zelt zurück, wo Holofernes,vom Wein übermannt, vornüber auf sein Lager gesunken war“ (Judith 13, 2). Während die Bibel davon berichtet, wie Judith kurz vor der Enthauptung des Holofernes Gott um Beistand anflehte, so ist von gottesfürchtiger Frömmigkeit bei Stuck nur wenig zu sehen. Er präsentiert sie als nackte Amazone mit modischer Kurzhaarfrisur, einem riesigen Schwert in der Hand und mit einem diabolischen Lachen. Gerade hier bricht Stuck mit der kunsthistorischen Bildtradition – von Andrea Mantegna („Judith und Holofernes“, 1495, National Gallery of Art, Washington, D.C.) über Lucas Cranach d.Ä. („Judith mit dem Haupt des Holofernes und einer Dienerin“, nach 1537, Kunsthistorisches Museum, Wien) bis Caravaggio („Judith und Holofernes“, 1598-99, Galleria Nazionale di Arte Antica, Rom). Stuck ist mit unserer Skizze viel näher bei seinem symbolistischen Malerkollegen Gustav Klimt („Judith mit dem Haupt des Holofernes“, 1901, Österreichische Galerie Belvedere, Wien). Aber auch Aubrey Beardsleys Holzschnitte zum Salomé-Drama von Oscar Wilde aus den 1890er Jahren dürften mit ihrer Interpretation der biblischen Figur als Femme fatale gewichtigen Einfluß auf den Münchner geliefert haben. Das Motiv hatte Stuck schon zwanzig Jahre vor unserem Werk fasziniert (vergleiche „Salome“, 1906, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München). In der späteren Gestaltung der Judith von 1926 griff er auf seine Salomé von 1906 zurück, wie ein Vergleich von Frisur und Schmuck auf beiden Werken zeigt. Während das Alte Testament Judith als Heldin feiert, gilt sie Stuck und seinen Zeitgenossen als historisches Exempel jenes Frauentypus, der die Männer erst um den Verstand bringt – und sie schließlich ins Verderben stürzt. Diese Umdeutung zeigt sich besonders in Judiths Blick von oben nach unten, auf ihr Opfer, in ihrem kalten Lächeln und dem malerischen Gegensatz von metallischer Kühle des Schwertes und dem weichen Inkarnat ihres nackten Körpers, wie Stuck hier in unnachahmlicher Weise vorführt. Unser Werk stellt die am weitesten fortgeschrittene Vorarbeit zum Gemälde „Judith“ im Staatlichen Museum Schwerin dar (Öl auf Leinwand, 157 x 83 cm, Inv.-Nr. G 747), auf der bereits alle wesentlichen kompositorischen und gestalterischen Qualitäten der Endfassung vorweggenommen und malerische Fragen weitgehend geklärt sind. Stuck hatte sich Ende der 1920er Jahre mehrfach mit der Judith-Thematik auseinandergesetzt. Voss zählt diese Werke zur Gruppe von christlichen Bildern bei Stuck, welche „die überlieferten Bedeutungen nur noch assoziativ zulassen“ (Heinrich Voss, 1973) hier eben die neue Sichtweise auf Judith als Femme fatale, welche nach Thomas Raff nach Weltkrieg, Revolution und Inflation den „Kampf der Geschlechter in den goldenen zwanziger Jahren eher in ein frivoles Spiel verwandelt“ habe. (OS) "Franz von Stuck (Tettenweis 1863 – 1928 Munich) JUDITH AND HOLOFERNES (STUDY). Circa 1926 Oil on cardboard. 44,3 x 19,3 cm ( 17 ½ x 7 ? in.). Signed lower left: STUCK. Not in the catalogue raisonné by Voss.– Study for the 1926 painting of the same name in the Staatlichen Museum Schwerin (Voss 591/180). [3113] Provenienz: Private collection, Northern Germany
Pictures credits: Contact organization
Miscellaneous
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Catalog
Art du XIXème siècle
10719 Berlin - Germany
11/26/2014
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