Lot no. 32
Franz Willems (1877 – 1945)
Im Schein der Fotolampe. 1928
Öl auf Holz. 90,5 × 54,7 cm ( 35 ⅝ × 21 ½ in.). Oben rechts signiert und datiert: FRANZ WILLEMS 28.
[3457]
Provenienz: Privatsammlung, New York / Barry Friedman, New York / Adriaan Venema Kunsthandel, Amsterdam /Galerie Hasenclever, München (1980) / Galerie Brusberg, Berlin (1997) / ehemals Privatsammlung, London
Ausstellung: Realismus der Zwanziger Jahre. Bilder, Zeichnungen, Druckgraphik. München, Galerie Michael Hasenclever, 1980, Kat.-Nr. 118, mit Abbildung
Literatur und Abbildung: Edward Lucie-Smith: Art Deco Painting. London, Phaidon Press, 2000, Abbildung Tafel 58
Eine junge Frau, das schwere braune Haar in Wellen gescheitelt und in Flechten hochgesteckt, sieht uns an. Ihr Blick ist ernst, fast skeptisch, der Mund leicht geöffnet, als begänne sie gleich zu sprechen. Sie trägt ein rosafarbenes Cocktailkleid mit dünnen Trägern und der zeittypischen tief angesetzten Taille, betont durch einen gelb-rosa Tüllschleier mit Seitenschleife. Die Beine sind nicht im Bild, dafür die langen schlanken Arme mit den sprechenden Händen: Während die rechte, wie innehaltend, leicht geöffnet herabhängt, formt die linke mit Daumen und Mittelfinger einen Kreis. Bei genauem Hinsehen ergeben die gekrümmtem Finger und die Handinnenfläche ein Sechseck. Der dazugehörige Arm beugt sich leicht, sodass die Linie des Unterarms sich in die Kurve des Tüllschleiers schmiegt, während dessen Schleifenenden mit der offenen rechten Hand korrespondieren. Diese Mischung von Leichtigkeit und Schwere, Ernsthaftigkeit und Zartheit bestimmt die außerordentliche Präsenz dieser Frau.
Am linken Bildrand ragt in Kopfhöhe eine helle geometrische Form, begrenzt von dunklen Kanten und zwei rechtwinkligen Haken, ins Bild. Die hellgelbe Farbigkeit entspricht dem Hautton der Dargestellten, die abstrakt wirkende, flächige Konstruktion steht jedoch in starkem Kontrast zum plastisch ausgearbeiteten Frauenkopf. Sind es wirklich die Blenden einer Lampe, wie sie Fotostudios verwenden? Zumindest gehen von diesem technoiden Gebilde Strahlen aus, die in den monochromen hellbraunen Hintergrund eingreifen.
Fotolampe und Frau im kargen Raum, mehr braucht der Maler nicht, um sein Können zu beweisen. Die Farbigkeit von Blassgelb, Rosa, Milchkaffeebraun, die grazile Frauenfigur, die feine Pinselführung mögen an einen Meister der Neuen Sachlichkeit wie Christian Schad erinnern, der in den 1920er-Jahren in Italien die alten Meister studierte. Auch bei Willems denkt man angesichts der artifiziellen Handhaltung der Frau noch die fehlende Blume der Madonna oder die symbolhafte Gestik in den Porträts des Manieristen Bronzino mit.
Wir wissen kaum etwas über Franz Willems, doch in Italien war auch er. 1933 hat er zusammen mit der Fotografin Resina Raucci einen Fotoband herausgegeben: Landschaften in Italien und Frankreich. Und so spricht einiges dafür, dass die Protagonistin dieses delikaten Frauenbildnisses eben diese Resina Raucci sein könnte. Damit würde dieses Gemälde in die Kategorie des Berufsporträts fallen. Dieses Genre war in den 1920er-Jahren beliebt: Otto Dix, Christian Schad, Rudolf Schlichter stellten Persönlichkeiten mit Attributen ihres Berufes und damit auch in ihrer gesellschaftlichen Stellung dar: Ärzte, Unternehmer, Schauspieler, Journalisten, Dichter. Hier stellt der Maler Franz Willems eine Fotografin dar, genauer gesagt, eine Landschaftsfotografin. Er verpflanzt sie in ein Studio, das genauso ein – sein? –Maleratelier sein könnte, in seiner Kargheit dem Atelier von Caspar David Friedrich nicht unähnlich, analog dazu markierte das helle Feld der Lampe den Lichteinfall eines Fensters in eine Kammer.
Wo bleibt aber das Attribut der Fotografin Raucci? Zum einen könnte die grisaillehafte Farbigkeit des Gemäldes durchaus auf die Grautonigkeit ihrer malerischen Landschaftsfotografien hinweisen. Zum anderen ist das Vieleck der linken Hand verräterisch: Es formt die Linse der Kamera.
Annelie Lütgens
Franz Willems (1877 – 1945)
Im Schein der Fotolampe. 1928
Oil on panel. 90,5 × 54,7 cm ( 35 ⅝ × 21 ½ in.). Signed and dated upper right: FRANZ WILLEMS 28.
[3457]
Provenienz: Private collection, New York / Barry Friedman, New York / Adriaan Venema Kunsthandel, Amsterdam /Galerie Hasenclever, Munich (1980) / Galerie Brusberg, Berlin (1997) / formerly private collection, London
Ausstellung: Realismus der Zwanziger Jahre. Bilder, Zeichnungen, Druckgraphik. Munich, Galerie Michael Hasenclever, 1980, cat. no. 118, with illustration
Literatur und Abbildung: Edward Lucie-Smith: Art Deco Painting. London, Phaidon Press, 2000, illustration plate 58
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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