Lot no. 731
Georg Baselitz (Deutschbaselitz/Sachsen 1938 – lebt in Salzburg)
Mann mit Hund. 1966
Bleistift auf Papier. 27,6 × 20,8 cm ( 10 ⅞ × 8 ¼ in.). Rückseitig mit Bleistift signiert und datiert: G. Baselitz 66.
[3644]
Provenienz: Galerie Borgmann, Köln/Waddington Gallery, London/Privatsammlung, New York
Diese Meisterzeichnung von Georg Baselitz führt uns zurück ins Jahr 1966, in seine klassischen Heldenjahre. In explosionsartiger Produktivität entwickelte Baselitz in den Jahren 1965/66 die Werkgruppe der „Helden“ und der „Neuen Typen“, die inzwischen international als gültiger Ausdruck einer figurativen deutschen Nachkriegskunst stehen. Es sind Zeichnungen und Malereien, die ihre Widersprüchlichkeit und Verletzbarkeit nach außen tragen, es sind Versuche des 27-jährigen Künstlers in einem dekonstruierten Umfeld, in dem alle Kategorien fragwürdig geworden waren, wieder Figuren zu finden, die an ältere, archaische Wirkungslinien anknüpfen. Und natürlich sind diese Bilder der einsamen Männer auch immer wuchtige Selbstbehauptungen und trotzige Selbstbestimmungen. Eine wichtige Figur in diesem Werkkomplex waren für Baselitz die Darstellungen des „Hirten“, denn natürlich handelt es sich genau darum bei unserem „Mann mit Hund“. Sich dem Hirten zuzuwenden, sagt Baselitz, das sei 1966 vollkommen absurd gewesen – zu einem Zeitpunkt als das abstrakt Moderne, also das „Amerikanisch-Moderne“ und das „Düsseldorfer-Moderne“ die Ästhetik bestimmte. Doch er habe eben nicht nur seine Zeitgenossen gekannt, sondern auch Hans Baldung Grien und Grünewald, auch die Figurenbilder des Dresdner Romantikers Ludwig Richters, das sei der Bilderkosmos gewesen, aus dem er damals schöpfte. Fünfzig Jahre später erkennen wir nun im Jahre 2017 in genau dieser Abkehr von der Zeitgenossenschaft die große avantgardistische Modernität von Georg Baselitz. Natürlich konnte man den „Guten Hirten“ im Jahre 1966 eben nicht mehr in einer kindlichen Religiosität malen, die Figur ist zersplittert, die rechte Hand hängt sowenig am Körper wie der Baumstamm hinten noch aus seiner Wurzel wächst. Die Zeit hat ihre Schneisen geschlagen in die Körper und in die Natur. Georg Baselitz sagt selbst zu diesem Blatt: „Ich habe an den Kubismus gedacht, als ich das gezeichnet habe, nicht aus Naivität, sondern aus Sarkasmus“. Und der Hund, der liegt in der Bildmitte horizontal auf der Platte, als würde er zur Opferung geführt. Der Baum rechts vom Kopf könnte auch eine Säule sein, die stürzt. Eine alttestamentarische Atmosphäre liegt über dem Blatt – und zugleich vibriert es unter den legendären kurzen Rundstrichen von Baselitz. Es ist kein „Mann mit Hund“, sondern eine Visualisierung eines menschlichen Zustands, zerrissen zwischen Bild- und Welterlebnis. Der Tisch in der Bildmitte ist natürlich, das ist Baselitz wichtig, eine Malerpalette, wie oft bei ihm in jenen Jahren: Das ist der subtile Hinweis darauf, daß in dieser Kunst noch immer große Kräfte schlummern. Der Blick des Hirten übrigens ist, bei aller Verletzlichkeit, doch unerschrocken, erhobenen Hauptes sitzt er da und verrichtet sein einsames Partisanen-Handwerk. Es gibt kaum ein schöneres Selbstbildnis von Georg Baselitz aus seinen Helden-Jahren als diesen expressionistischen Hirten.
Die Baselitz Zeichnung ist eine Vorzeichnung zum Holzschnitt: Ohne Titel, 1967, Jahn 55.
Georg Baselitz (Deutschbaselitz/Saxony 1938 – lives in Salzburg)
Mann mit Hund. 1966
Pencil on paper. 27,6 × 20,8 cm ( 10 ⅞ × 8 ¼ in.). Signed and dated in pencil on the reverse: G. Baselitz 66.
[3644]
Provenienz: Galerie Borgmann, Cologne/Waddington Gallery, London/private collection, New York
The Baselitz drawing is a preliminary drawing relating to the woodcut: Untitled, 1967, Jahn 55.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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