Lot no. 28
Georg Kolbe (Waldheim/Sachsen 1877 – 1947 Berlin)
„Kriechende“. 1922
Bronze mit rotbrauner Patina. 16 × 25 × 10 cm ( 6 ¼ × 9 ⅞ × 3 ⅞ in.). Unterhalb des linken Unterschenkels monogrammiert: GK.
Werkverzeichnis: Berger 46.–
Guss zu Lebzeiten des Künstlers. [3503]
Provenienz: Privatsammlung, Norddeutschland / ehemals Privatsammlung, New York
Das bildhauerische, rundplastische Schaffen Georg Kolbes bestimmen bis in die Mitte der Zwanzigerjahre größtenteils nackte Frauengestalten, die sich mit Anmut und Grazie ihren Platz im Raum erobern. „Es ist der weibliche Körper, mit dem Kolbe seine Vision vom harmonisch bewegten Menschen verdeutlicht“, schreibt Ursel Berger, die langjährige Direktorin des Georg Kolbe-Museums im Katalog zur Retrospektive von 1997. „Diese Figuren entstanden in den glücklichen Jahren seines Lebens und Schaffens. […] Die ungewöhnlichen Haltungen und die durchgehende Bewegtheit [seiner] Aktfiguren verstärken [dabei] den Eindruck, daß sich die Seele im ganzen Körper ausdrückt“ (Ursel Berger: „Die Empfindung ist alles“. Der Figurenbildhauer Georg Kolbe, in: Ursel Berger (Hg.): Georg Kolbe 1877–1947, Ausst.-Kat. München 1997, S. 28f).
Diese Einschätzung trifft auch auf die Bronze der „Kriechenden“ zu, die ihren etwas irreführenden Titel ihrer akrobatischen Haltung verdankt. Ihre eingefrorene Bewegung, bei der die junge Frau mit der Hand ihr angewinkeltes rechtes Bein hält und nach hinten zieht, während sie den Kopf bei geschlossenen Augen leicht in der Schräglage reckt, mutet dabei fast meditativ-tänzerisch an. Unwillkürlich fragt man sich, wie in dieser Position eine Fortbewegung wie das Kriechen überhaupt möglich sein kann.
Das liegt daran, dass Kolbes Aufmerksamkeit hier nicht einer realistisch-korrekten Wiedergabe gilt, sondern es ihm vielmehr um die Darstellung einer auf sich konzentrierten, von ihrer Umgebung losgelösten, selbstbewussten Frau geht. Dafür spricht auch, dass diese Figur dem Künstler zwar als Modell für eine der großen Skulpturen im Hamburger Stadtpark diente, aber nicht, wie man meinen würde, für die „Große Kriechende“, sondern für eine „Badende“.
Bei unserem Exemplar der „Kriechenden“ handelt es sich um einen der seltenen Güsse, die noch zu Lebzeiten des Künstlers entstanden sind und sich durch eine besonders lebendige Oberfläche mit variantenreicher Patina auszeichnen. Dies lässt sich deswegen mit Bestimmtheit sagen, weil das zugehörige Gipsmodell den Wirren des Krieges zum Opfer fiel, sodass spätere Abgüsse nicht mehr möglich waren. Zudem gehört diese Plastik, auch was das Motiv betrifft, zu den letzten ihrer Art in Kolbes Schaffen. Nach dem Tod seiner Frau im Februar 1927 änderte sich die Motivwahl des Künstlers abrupt, da ihm an der Gestaltung anmutig bewegter Mädchenfiguren nach diesem Schicksalsschlag nicht mehr gelegen war. Künftig sollten Trauernde seine innere Befindlichkeit widerspiegeln und heroische Denkmalsprojekte ihm am ehesten als Ausweg aus der seelischen Misere erscheinen. ED
Wir danken Dr. Ursel Berger, Berlin, für freundliche Hinweise.
Georg Kolbe (Waldheim, Saxony 1877 – 1947 Berlin)
„Kriechende“. 1922
Bronze with red-brown patina. 16 × 25 × 10 cm ( 6 ¼ × 9 ⅞ × 3 ⅞ in.). Monogrammed below the left lower leg: GK.
Catalogue raisonné: Berger 46.–
Cast during the artist's lifetime. [3503]
Provenienz: Private collection, Northern Germany / formerly Private collection, New York
We would like to thank Dr. Ursel Berger, Berlin, for kindly providing additional information.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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