Lot no. 33
George Grosz (1893 – Berlin – 1959)
„Drinnen und Draußen“. 1925
Aquarell und Tuschfeder auf Velin. 47,6 × 66,1 cm ( 18 ¾ × 26 in.). Unten rechts signiert und datiert: GROSZ 25. Rückseitig unten rechts mit Bleistift signiert, bezeichnet und betitelt: G. GROSZ Berlin-Wilmersdorf 201 Hohenzollerndamm No 1 (18) drinnen & draußen.
Mit einer Bestätigung von Ralph Jentsch, Rom, vom 31. März 2016 / Zusätzlich mit einer Fotoexpertise von Peter Grosz, Estate of George Grosz, Princeton, vom 7. April 1975. Das Aquarell wird aufgenommen in das Werk-verzeichnis der Papierarbeiten von George Grosz von Ralph Jentsch, Rom (in Vorbereitung).–
[3077]
Provenienz: Galerie Flechtheim, Düsseldorf (1929) / Lefevre Gallery, London / Marlborough Fine Art, London / Sammlung Luigi Carluccio, Turin (1967) / Sammlung Enrico Sturani, Turin (1967) / ehemals Privatsammlung, Rom
Ausstellung: George Grosz. Köln, Kunsthandlung Sigmund Salz, 1926 / George Grosz. Berlin, Kunst Kammer Martin Wasservogel, 1926, Kat.-Nr. 92 / Ausstellung [Franz Josef Rederer, George Grosz, Willi Jaeckel, Amedeo Modigliani, Egon Schiele]. Zürich, Kunsthaus Zürich, Graphisches Kabinett, 1930, Kat.-Nr. 92 / George Grosz. Ölgemälde und Aquarelle. Düsseldorf, Galerie Alfred Flechtheim, 1930, Kat.-Nr. 30 / Watercolours by George Grosz. London, The Mayor Gallery, 1934, Kat.-Nr. 23 (Titel: Inside and Outside 20 guineas) / 19th and 20th Century Watercolours, Drawings and Sculpture. Marlborough, London, New York, Rom 1964, Nr. 20, Abb. S. 9 (Titel: The Millionaires)
Literatur und Abbildung: John David Caute: The Left in Europe Since 1789. Weidenfeld & Nicolson, London, und McGraw-Hill, New York, 1966, Abb. S. 237 (Titel: The Millionaires) / Franco di Tondo und Giorgio Guadagni: La storia e i suoi problemi. Vol. III. Loescher, Turin 1970, Abb. S. 315 / Hans Hess: George Grosz. Studio Vista, London, und MacMillan Publishing Co., New York, 1974, S. 136, Abb. S. 142 / Hans Hess: George Grosz. VEB Verlag der Kunst, Dresden 1982, S. 141, Nr. 129, Abb. S. 138 / Hans Hess: George Grosz. Yale University Press New Haven und London, 1985, S. 136, Nr. 132, Abb. S. 142 / Emilia Fiandra: C´era una volta il muro. A vent´anni dalla svolta tedesca. Artemide, Rom 2011, S. 147, Abb. S. 146
Das Jahr 1925, in dem das Aquarell „Drinnen und Draußen“ entstand, war für George Grosz von großer Bedeutung. Ihm waren, trotz finanzieller Engpässe, zahlreiche Erfolge vergönnt, sowohl was den Verkauf seiner Bilder als auch was die Anerkennung in Kunstkreisen betraf. Sie stärkten nicht nur sein Selbstbewusstsein, sie bestärkten ihn auch in seiner Gegnerschaft zu den politischen Verhältnissen und räumten ihm Freiräume ein, die er für sein künstlerisches Schaffen sowie für ausgedehnte Aufenthalte in seinem geliebten Paris und Erlebnisreisen in die Bretagne, nach Südfrankreich und Korsika nutzte. Politisch ereignete sich Bemerkenswertes: Im Februar 1925 wurde in München die NSDAP, die 1919 gegründet, jedoch bereits 1923 verboten worden war, neu gegründet. Reichspräsident Friedrich Ebert war im Januar verstorben, und Hindenburg wurde im April zum Nachfolger gewählt. Im Juli räumten die französischen Besatzungstruppen das Ruhrgebiet. Im August ging der Stinnes-Konzern pleite, dessen vielgehasster Gründer und Kriegsgewinnler Hugo Stinnes im Vorjahr verstorben war. In Locarno wurde durch einen Pakt der Frieden zwischen Deutschland und den Kriegsgegnerstaaten geregelt.
Auf dem Gebiet der Kunst zeigte Gustav Hartlaub in der von ihm geleiteten Mannheimer Kunsthalle mit seiner Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ die Ablösung der Kunst vom Expressionismus und ihre Zuwendung zu einer der Kunst und Gesellschaft gegenwartsbezogenen Entwicklung auf. Für diese Ausstellung hatte Hartlaub 32 Künstler ausgewählt. George Grosz war mit sieben Gemälden vertreten, darunter vier Gemälden aus Privatbesitz: dem Gemälde „Widmungsbild an Oskar Panizza“ von 1917/1918, das der Wiesbadener Sammler Heinrich Kirchhoff 1918 erworben hatte, des weiteren drei Gemälde aus dem Besitz des hannoveranischen Sammlers und Galeristen Herbert von Garvens, „Wildwest“ von 1916 (heute Privatbesitz), „Deutschland, ein Wintermärchen“ von 1918 (heute verschollen) und „John, der Frauenmörder“, ebenfalls von 1918 (heute Hamburger Kunsthalle). Weiterhin zu sehen waren das Gemälde „Blick in die Großstadt“ („Metropolis“) von 1916/1917, das die Mannheimer Kunsthalle 1924 erworben hatte sowie „Magistratsbeamter für Kriegsbeschädigtenfürsorge“ („Grauer Tag“) von 1921 (heute Nationalgalerie Berlin) und „Portrait des Schriftstellers Max Herrmann-Neisse“ von 1925, das die Mannheimer Kunsthalle aus der Ausstellung erwarb (1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt, 1950 zurückerworben).
Von Anfang Juni bis Ende Oktober 1925 befand sich Grosz auf Reisen. Zurückgekehrt nach Berlin, berichtete er in einem Brief an seinen Freund Mark Neven DuMont in London, dass er fleißig arbeiten und viele „water colours“ malen würde, von denen demnächst 24 in Köln zur Ausstellung kämen. Mit ziemlicher Sicherheit ist das Aquarell „Drinnen und Draußen“ nach der Rückkehr von Grosz zum Jahresende 1925 entstanden. Im darauffolgenden Jahr entstand die Gemäldeversion, die sich nur unwesentlich vom Aquarell unterscheidet. Es ist wichtig anzumerken, dass das großformatige Aquarell nicht als eine Vorstudie zum Gemälde entstanden ist. Vielmehr lieferte es die Vorlage für das kurz darauf entstandene Gemälde mit einem Thema, das für den Künstler von großer Wichtigkeit war. 1925 erschien auch im Carl Reissner Verlag Dresden „Der Spiesser-Spiegel“ von Grosz, eine Sammlung von 60 Berliner Bildern – Aquarelle und Zeichnungen, in denen Grosz mit den Spießergesellen und dem saturierten Bürgertum gnadenlos ins Gericht geht. Sein einleitender Text endet mit der Einsicht: „Ich halte die Zeichnung für ein gutes Instrument im Kampf gegen das derzeitige Mittelalter. […] Es ist wahr, das Leben wäre sinnlos und zwecklos, wenn es nicht den einen Sinn hätte, den Kampf gegen die Dummheit und willkürliche Brutalität der heutigen Machthaber.“
DRINNEN UND DRAUSSEN
DRAUSSEN: Eine Straßenszene am frühen Abend. Irgendwo im Berliner Westen, vielleicht in der Tauentzienstraße oder auf dem Kurfürstendamm. An eine Backsteinmauer gelehnt hockt ein Bettler, um Almosen bittend. Ein Kriegskrüppel. Den Arm auf eine Krücke gestützt, das Holzbein, für jedermann sichtbar, weit von sich gestreckt. Links am Bildrand ein Arbeiter mit Schiebermütze auf dem Nachhauseweg. Müde geht er achtlos an dem Bettelnden vorbei. Untergehakt schlendert ein älteres Ehepaar das Trottoir entlang. Sie im Mantel mit Pelzkragen, er mit Zigarre in der rechten Hand. Auch sie dürften dem Krüppel keine Beachtung geschenkt haben die Mütze am Boden ist leer. Straßenlaternen verbreiten ein trübes Licht. Noch ist der Abend jung. In der Nähe, aufdringlich groß, die Leuchtreklame eines Amor-Lichtspieltheaters.
DRINNEN: Eine Restaurantszene. Champagnerflaschen in großen Eiskübeln. Zwei Paare unterhalten sich angeregt im Hintergrund. Im Vordergrund, an einem Tisch sitzend, ein Mann im Smoking, Zigarre rauchend, das gefüllte Sektglas vor sich auf dem Tisch. Ein Likörglas lässt auf eine Partnerin schließen, die jedoch nicht Teil der bildnerischen Komposition ist. Was drinnen geschieht, bleibt denen da draußen verschlossen. Dies ist nicht ihre Welt. Und an dem, was draußen sich abspielt, haben die drinnen weder Interesse noch empfinden sie Mitleid. Was in der Realität nie passiert, aber dennoch Wirklichkeit ist, zeigt der Künstler in diesem Aquarell drastisch auf, in dem er einfach, wie ein Chirurg sein Seziermesser benutzt, die Außenwand des Restaurants aufschneidet und dem Betrachter den Kontrast von drinnen und draußen ungeschminkt vorführt. Drinnen sind keine Zeitgenossen versammelt, mit denen man gern einen Abend verbringen würde. Zwei elegant gekleidete Spießertypen mit ihren dämlich dreinblickenden Weibsbildern. Der mit dem Monokel gibt gerade eine Geschichte zum Besten. Der andere zeigt mit breitem Lachen ungeniert sein wohl soeben runderneuertes Gebiss. Am abstoßendsten jedoch ist der Typ am Tisch mit der Zigarre im Mund. Die Finger beider Hände fest ineinander verkrallt, als gelte es, seine Besitzkröten zu verteidigen, geht der stiere Blick mit weit geöffneten Augen ins Leere. Seine Gedanken kreisen um Geld, Besitz und Macht oder irgendein Geschäft.
Welche Bedeutung das Aquarell „Drinnen und Draußen“ für Grosz hatte, geht auch aus den Ausstellungsprovenienzen hervor: Gleich nach der Fertigstellung gab der Künstler es im Januar 1926 in eine Ausstellung der Kunsthandlung Sigmund Salz nach Köln. Im selben Jahr war es in Berlin zu sehen. 1930 gab Alfred Flechtheim das Aquarell, das er in Kommission hatte, zu einer Ausstellung in das Kunsthaus Zürich und zeigte es im Anschluss daran in seiner Düsseldorfer Galerie im Rahmen einer Grosz-Retrospektive. Wir wissen, dass Flechtheim 1933, als er Deutschland verlassen musste, dieses Werk mit nach London nahm und es in der Grosz-Ausstellung der Mayor Gallery zeigte.
Ralph Jentsch
George Grosz (1893 – Berlin – 1959)
„Drinnen und Draußen“. 1925
Watercolour and pen and India ink on wove paper. 47,6 × 66,1 cm ( 18 ¾ × 26 in.). Signed and dated lower right: GROSZ 25. Signed, inscribed and titled in pencil on the reverse lower right: G. GROSZ Berlin-Wilmersdorf 201 Hohenzollerndamm No 1 (18) drinnen & draußen.
Accompanied by a confirmation by Ralph Jentsch, Rome, dated 31 March 2016 / Accompanied, additionally, by a photo certificate by Peter Grosz, Estate of George Grosz, Princeton, dated 7 April 1975. The watercolour will be included in the catalogue raisonné of works on paper by George Grosz by Ralph Jentsch, Rome (in preparation).–
[3077]
Provenienz: Galerie Flechtheim, Düsseldorf (1929)/Lefevre Gallery, London/Marlborough Fine Art, London/Collection Luigi Carluccio, Torino (1967)/Collection Enrico Sturani, Torino (1967)/Formerly private collection, Rome
Ausstellung: George Grosz. Cologne, Kunsthandlung Sigmund Salz, 1926/George Grosz. Berlin, Kunst Kammer Martin Wasservogel, 1926, cat. no. 92/Ausstellung [Franz Josef Rederer, George Grosz, Willi Jaeckel, Amedeo Modigliani, Egon Schiele]. Zurich, Kunsthaus Zurich Graphisches Kabinett, 1930, cat. no. 92/George Grosz. Ölgemälde and Aquarelle. Düsseldorf, Galerie Alfred Flechtheim, 1930, cat. no. 30/Watercolours by George Grosz. London, The Mayor Gallery, 1934, cat. no. 23 (Title: Inside and Outside 20 guineas)/19th and 20th Century Watercolours, Drawings and Sculpture. Marlborough, London, New York, Rome, 1964, no. 20, ill. p. 9 (Title: The Millionaires)
Literatur und Abbildung: John David Caute: The Left in Europe Since 1789. Weidenfeld & Nicolson, London, and McGraw-Hill, New York, 1966, ill. p. 237 (Title: The Millionaires) /Franco di Tondo and Giorgio Guadagni: La storia e i suoi problemi. Vol. III. Loescher, Torino 1970, ill. p. 315 /Hans Hess: George Grosz. Studio Vista, London, and MacMillan Publishing Co., New York, 1974, p. 136, ill. p. 142 / Hans Hess: George Grosz. VEB Verlag der Kunst, Dresden 1982, p. 141, no. 129, ill. p. 138 / Hans Hess: George Grosz. Yale University Press New Haven and London, 1985, p. 136, no. 132, ill. p. 142 / Emilia Fiandra: C´era una volta il muro. A vent´anni dalla svolta tedesca. Artemide, Rome 2011, p. 147, ill. p. 146
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale
Find similar lots for sale on Interencheres
See more lots for sale on Interencheres
Value:€80,000 - €120,000
Live
06/17/2026
Offered by AGUTTES
Value:€300
Live
06/19/2026
Offered by OGER-BLANCHET
Value:€1,200 - €1,500
Live
06/25/2026
Offered by Arenberg Auctions
Value:€450 - €600
Live
06/28/2026
Offered by Militaria auctions
Value:€50 - €80
Live
06/28/2026
Offered by Militaria auctions