Lot no. 909
Gerhard Richter (1932 Dresden – lebt in Köln) „War Cut II“. 2004 Öl auf rotem Buchdeckel. 25,5 × 21,8 cm ( 10 × 8 ⅝ in.). Auf dem Vorsatzpapier mit Bleistift signiert und datiert: Richter 2004. Mit dem hellgrauen Original-Pappschuber. Butin 125.– Eines von 70 bemalten Büchern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2004. [3134] Provenienz: Privatsammlung, Baden-Württemberg „Das waren noch Zeiten, als Kriege klare Fronten hatten. Heute beschränken wir uns auf die Rolle des Zuschauers und hoffen, der Krieg möge immer die Orte verschonen, an denen wir leben. In dieser Lage muss ein Buch wie Gerhard Richters „War Cut“ überraschen. Es kommt völlig unerwartet, noch dazu von einem Künstler, der bislang Äußerungen zu politischen Fragen sorgfältig vermieden hat. Im Werk von Gerhard Richter bedeutet „War Cut“ eine Grenzüberschreitung ganz besonderer Art. Etwas Vergleichbares von einem anderen zeitgenössischen Künstler von Rang gibt es derzeit nicht. Die Arbeit setzt die Auseinandersetzung mit dem Thema Terror fort, die Gerhard Richter mit seinem Zyklus zum „18. Oktober 1977“ begonnen hat. Seine Kunst entzündet sich nicht – wie so oft in seinem früheren Werk – an vorgefundenen Fotografien. Diesmal reagiert er auf Texte aus Zeitungen. Im Jahr 1987, sechzehn Jahre vor dem Irak-Krieg von 2003, hatte Gerhard Richter ein abstraktes Bild gemalt (Werkverzeichnis 648-2), das heute in einem Pariser Museum hängt. Im Sommer 2002 fotografierte er dieses Bild 216mal. Zeitgleich zu der Beschäftigung mit einem Buch, das aus farbfotografischen Details dieses Bildes bestehen sollte, entwickelte sich dann der Krieg im Irak. Einige Monate nach dem Beginn des Angriffs auf den Irak entstand die Idee, die Fotodetails neben Zeitungstexte zu stellen, und so entstammen nun alle Texte im Buch den Ausgaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22.und 23. März 2003. Richter konzentriert sich auf den Moment des Kriegsausbruchs. Im Grunde ist „War Cut“ nicht mehr als eine Collage. Abstrakte Fotodetails stehen neben Artikeln. Gerhard Richter beschränkt sich aufs Zitat. Der Maler zeigt, was er gelesen hat. Zugleich hat das Buch etwas von einem absurden Geschichtsroman. In gewissem Sinn kann man es auch als Literatur betrachten, hat es in den „Letzten Tagen der Menschheit“ von Karl Kraus doch insofern einen berühmten Vorläufer, als auch dieses Drama zum Ersten Weltkrieg aus collagierten Zitaten besteht. In einem Appendix findet sich das präzise Layout-Schema, sozusagen das verratene Geheimnis der Form. [...] Das Wichtigste dabei ist die Form. Der offenen Form der Geschichte setzt Richter die geschlossene seines Buches entgegen, als könnte er die Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln bannen, sie verspiegeln und wegschließen, sie einfach übermalen. Hier versteckt sich womöglich der letzte Rest Utopie. Wenigstens im Buch endet der Krieg, der in Wirklichkeit weitergeht. Cut – Ende. Bis hierhin und nicht weiter. Es ist der Versuch eines Schlussstrichs im Bewusstsein, dass sich ein solcher in der Geschichte nicht ziehen lässt.“ (Jan Thorn-Prikker, Ein schwarzer Spiegel. Gerhard Richters außergewöhnliches Künstlerbuch „War Cut“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.05.2004) Gerhard Richter (1932 Dresden – lives in Cologne) „War Cut II“. 2004 Oil on red book cover. 25,5 × 21,8 cm ( 10 × 8 ⅝ in.). Signed and dated in pencil on the book end paper: Richter 2004. Includes the orignal light grey slipcase. Butin 125.– One of 70 painted books. Verlag der Buchhandlung Walther König, Cologne 2004. [3134] Provenienz: Private collection, Baden-Wuerttemberg
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale
Catalog
Art Contemporain
10719 Berlin - Germany
11/27/2015
Offered by Grisebach
0049 30 885 915 0