Lot no. 337
Griechisch () Palmettengekrönte Grabstele des Wahrsagers Pyrrhichos. 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr Pentelischer Marmor. 64,5 × 44,2 × 9,9 cm ( 25 ⅜ × 17 ⅜ × 3 ⅞ in.). Inschrift: ΕΝΘΑΔΕ ΤΗΝ ΙΕΡΗΝ ΚΕΘΑΛΗΝ ΘΕΟΜΑΝΤΙΝ ΕΧΕΙ ΓΗ / ΔΗΛΟΥ ΑΠ’ΗΓΑΘΕΑΣ ΘΝΗΤΟΙΣ ΗΓΗΤΟΡΑ ΧΡΗΣΜΩΝ / ΠΥΡΡΙΧΟΣ. Auf einem Sandsteinsockel montiert. [3341] Provenienz: Sammlung Holger Termer, Hamburg (1977) / Sammlung Ingeborg und Alfred Wurm (1927–2014), Hamburg (1991 in der Kunsthandlung Holger Termer, Hamburg, erworben) Ausstellung: Holger Termer: Kunst der Antike. Ausst.-Kat., Galerie Neuendorf, Hamburg, 1978 (nicht im Katalog) Literatur und Abbildung: Gottfried Sello: Kunst der Antike. In: Süddeutsche Zeitung, 8. Dezember 1978, Kunstkalender / Christoph W. Clairmont: Gravestone and Epigram. Greek Memorials from the Archaic and Classical Period. Mainz, 1970, Nr. 3 und 15, Tafel 8 (zum gemalten Bild des Verstorbenen) / Ders.: Zwei Inedita. In: Marijke Gnade und Conrad M. Stibbe (Hg.): Stips Votiva. Papers presented to C. M. Stibbe. Amsterdam, 1991, S. 47–50, Abb. 1 (zur Einordnung der Stele) / Janet Burnett Grossman: Funerary Sculpture. Princeton, 2013 (The Athenian Agora, Bd. 35), Kat.-Nr. 153, S. 133f. (Parallele zum pateraähnlichen Zierelement im Anthemion) Gebrochen und durch jahrtausendelange Erdlagerung braun verkrustet bewahrt die Grabstele aus dem edlen pentelischen Marmor Attikas doch noch immer die Erinnerung an Pyrrhichos. Sein Name erscheint unter der zweizeiligen Inschrift, die seine Angehörigen direkt unter dem Gesims des Palmettenaufsatzes (Anthemion) in den glatten Stelenschaft für ihn einmeißeln ließen: „Hier liegt (begraben) das heilige Haupt, der Theomant (Wahrsager) aus dem / allerheiligsten Delos, (in der Auslegung) von Orakeln ein Führer“ (Übersetzung nach Clairmont). Pyrrhichos war also zu Lebzeiten in Delos tätig, in Griechenlands größtem Heiligtum, wo er im Orakel des Apollontempels den Pilgern die Weissagungen des Gottes auslegte. Delos ist, dem Mythos nach, der Geburtsort des Sonnen- und Orakelgottes Apollon und seiner Zwillingsschwester Artemis. Einst eine schwimmende Insel, war Delos der einzige Ort, an dem die von Hera verfluchte Leto im Schatten eines Palmbaums ihre von Zeus empfangenen Zwillingskinder gebären konnte. Später soll Zeus die Insel mit vier diamantenen Säulen am Meeresboden befestigt haben. Zu Lebzeiten des Pyrrhichos gehörte die Ägäisinsel politisch zur Polis von Athen. Die lyrische Grabinschrift des Pyrrhichos orientiert sich mit ihrer Wortwahl vom „heiligen Haupt“ an der literarisch überlieferten legendären Grabinschrift des Homer. Durch den Bezug auf den berühmten Dichter lassen sich Rückschlüsse auf Bildung und sozialen Status des Verfassers ziehen, der sicher der Familie des Verstorbenen angehörte. Christoph Clairmont, der als erster über die Grabstele forschte, hob 1990 hervor: „Die Wichtigkeit des Epigramms besteht darin, dass es in ganz wenig veränderter Form das Grabepigramm des Homer wiedergibt, das bisher nur aus literarischen Quellen bekannt ist.“ Im Bereich der Grabinschrift wurde die Verkrustung entfernt, so dass hier der weiße Marmor aufscheint. Ursprünglich aber war die Grabstele – wie alle Denkmäler und alle Architektur dieser Zeit – farbig gefasst. Die Malerei ist jedoch in den Zeitläufen vergangen. Nach Parallelbefunden ist es wahrscheinlich, dass unter den Inschriften auf dem Stelenschaft der verstorbene Pyrrhichos selbst dargestellt gewesen sein wird, sitzend oder stehend, wahrscheinlich im Profil nach rechts. Auch die Bekrönung der Stele muss man sich farbig vorstellen. Aus dem Blätterkelch einer Akanthuspflanze erhebt sich der halbrunde Fächer eines Palmblattes mit gegenständigen Blattrippen, die in ihrer Mitte ein rundes Zierelement umschließen. Dieses besitzt die Form einer Omphalos-Schale oder Patera (Spendeschale). Zwei ganz gleiche, aber größere Ornamente sitzen auf den Enden bogenförmig geschwungener, ebenfalls aus dem Blätterkelch entspringender Stängel. Sie nehmen hier den Platz der sonst an dieser Stelle üblichen Rosetten oder Voluten ein und stützen an jeder Seite den bekrönenden Palmfächer. Das auffällige Ornament in Form einer Patera findet sich auch bei dem Anthemion eines Grabsteines mit gesichertem Fundort in Piräus. Es ist daher als Indiz geeignet, im Verein mit der Herkunft des Marmors vom Pentelikon die Grabstele des Pyrrhichos der attischen Kunstlandschaft zuzuweisen. Seiten und Rückseiten der Stele sind nur grob bearbeitet. Das spricht dafür, dass der Grabstein innerhalb des Grabbezirks vor der Umfassungsmauer aufgestellt war. Marion Euskirchen, Kuratorin am Römisch-Germanischen Museum der Stadt Köln Beigabe: Schreiben Christoph Clairmont an Holger Termer vom 13. November 1990 (in Kopie) Greek () Grave stone of fortune teller Pyrrhichos. 1st half of the 4th century BC Pentelic marble. 64,5 × 44,2 × 9,9 cm ( 25 ⅜ × 17 ⅜ × 3 ⅞ in.). Inscription: ΕΝΘΑΔΕ ΤΗΝ ΙΕΡΗΝ ΚΕΘΑΛΗΝ ΘΕΟΜΑΝΤΙΝ ΕΧΕΙ ΓΗ / ΔΗΛΟΥ ΑΠ’ΗΓΑΘΕΑΣ ΘΝΗΤΟΙΣ ΗΓΗΤΟΡΑ ΧΡΗΣΜΩΝ / ΠΥΡΡΙΧΟΣ. Mounted on a sandstone base. [3341] Provenienz: Collection Holger Termer, Hamburg (1977) / collection Ingeborg and Alfred Wurm (1927–2014), Hamburg (acquired in 1991 at Kunsthandlung Holger Termer, Hamburg) Ausstellung: Holger Termer: Kunst der Antike. Exh. cat., Galerie Neuendorf, Hamburg, 1978 (not in the catalogue) Literatur und Abbildung: Gottfried Sello: Kunst der Antike. In: Süddeutsche Zeitung, 8 December 1978, Kunstkalender / Christoph W. Clairmont: Gravestone and Epigram. Greek Memorials from the Archaic and Classical Period. Mainz, 1970, no. 3 and 15, plate 8 (for painted image of the deceased) / Ders.: two Inedita. In: Marijke Gnade and Conrad M. Stibbe (ed.): Stips Votiva. Papers presented to C. M. Stibbe. Amsterdam, 1991, p. 47–50, ill. 1 (to classify the grave stone) / Janet Burnett Grossman: Funerary Sculpture. Princeton, 2013 (The Athenian Agora, vol. 35), cat. no. 153, p. 133f. (parallel to the ornament in the anthemion) Supplement: Letter by Christoph Clairmont to Holger Termer dated 13 November 1990 (in copy)
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