Lot no. 136
Heinrich Reinhold (1788 Gera – 1825 Rom) Brandung an der Küste bei Sorrent (Die Welle aufwärts). 1823 Öl auf Papier, auf Leinwand aufgezogen. 17,4 × 26,1 cm ( 6 ⅞ × 10 ¼ in.). Unten links mit Bleistift bezeichnet: Piano[?] di Sorrento d. 18 Juni 23. Rückseitig mit Feder in Schwarz beschriftet: Nachlaß Heinrich Reinhold. [3384] Provenienz: Nachlaß des Heinrich Reinhold Mit Reinhold, der 1825 in Rom mit 36 Jahren der Luftröhrenschwindsucht erlag, verlor die deutschrömische Künstlergemeinde einen ihrer Hoffnungsträger. 1788 in Gera geboren, besuchte Reinhold vermutlich von 1804 an zunächst die Dresdner Kunstakademie, ehe er sein Studium 1807 an der Wiener Akademie fortsetzte. Von Dominique-Vivant Denon, dem Generaldirektor der französischen Museen, wurde er 1809 nach Paris berufen, wo er sich in den Folgejahren als Graphiker betätigte, um 1814 wieder nach Wien zurückzukehren. Auf Studienreisen 1817/18 in die Schneeberggegend, in das Salzburger und Berchtesgadener Land sowie nach Tirol und Oberösterreich entdeckte er seine besondere Affinität für das Landschaftsfach. 1819 ließ er sich in Rom nieder, reiste 1820 über Neapel nach Sizilien und verbrachte, wie viele seiner deutschen Künstlerkollegen, die Sommermonate in den folgenden Jahren mehrfach in Olevano. Seine künstlerische Mission bestand darin, auch in unprätentiösen, wenig spektakulär anmutenden Motiven das charakteristische Erscheinungsbild der mediterranen Natur einzufangen und deren unmittelbaren Eindruck im Bild aufscheinen zu lassen. Mit dieser Ausrichtung war er maßgeblich daran beteiligt, einem neuen Realismus in der Landschaftskunst den Weg zu ebnen, der auf eine religiöse Aufladung der Motive weitgehend verzichtete und gleichzeitig von einer Integration marktgängiger Genremotive absah. Mit seinen in der freien Natur geschaffenen Ölskizzen wurde er zum Pionier. War diese Praxis im ausgehenden 18. Jahrhundert unter den in Italien weilenden französischen und englischen Künstlern durchaus geläufig, widmete sich Reinhold wie nur wenige deutsche Vertreter seiner Generation konsequent diesem Medium. Der vorliegenden Brandungsstudie läßt sich seine Meisterschaft auf diesem Gebiet unschwer entnehmen. Im Frühsommer 1823 hatte sich Reinhold mit seinen Künstlerfreunden Johann Joachim Faber und Carl Wilhelm Götzloff auf eine mehrmonatige Studienreise an den Golf von Neapel begeben. Die eigenhändige Beschriftung „Sorrento d. 18. Juni 1823“ offenbart Reinholds Ölskizze eindeutig als ein Ergebnis dieser Reise. Mit der Registrierung des Orts und des genauen Entstehungsdatums legte sich der Künstler zugleich Rechenschaft über den spontanen Natureindruck ab. Faszinierenderweise hat sich vom selben Tag eine zweite Ölstudie erhalten. In dem Nebeneinander einer aufbrandenden und einer abbrandenden Welle bekommt die Naturerfassung damit zugleich die Form einer konzeptuellen Systematik (siehe die Abbildung). Der ausnehmend pittoreske Küstenabschnitt der Bucht von Sorrent mit seinen Grotten, Höhlen und Felsabbrüchen übte auf viele deutsche Landschafter ab den 1820er Jahren eine besondere Anziehungskraft aus. Reinholds Studientätigkeit in dieser Gegend geht auch aus einem Brief Julius Schnorr von Carolsfelds an Johann Gottlob von Quandt vom 28. Juni 1823 hervor, worin es knapp heißt: „Götzloff und Reinhold machen Studien an der Küste von Sorrent, andere streichen in den nahen Gebirgen umher.“ Auf seiner Ölskizze sind nahezu zwei Drittel der Bildfläche von den anbrandenden Wogen besetzt. Dabei hat Reinhold genau beobachtet, wie sich die Wellen kammartig formieren, um schließlich in Küstennähe zu brechen, was die Gischt aufschäumen läßt. Selbst die gegenläufige Bewegung des sich vom Ufer zurückziehenden Wassers ist auf der Studie plausibel vermittelt. Die künstlerische Herausforderung derartiger Fingerübungen bestand darin, ephemere, der steten Veränderung unterworfene Phänomene einer in Bewegung befindlichen Natur im Bild zu bannen und damit in eine statische Form zu überführen, aus der dennoch die Dynamik des Geschehens spricht. Gut zwei Jahre bevor sich Reinhold an der Sorrentiner Küste der Wiedergabe des bewegten Meeres widmete, hatte sich der deutsche Landschafts- und Genremaler Franz Ludwig Catel gemeinsam mit dem norwegischen Landschaftsmaler Johan Christian Clausen Dahl am Golf von Neapel ebenfalls dieses Motivfeld erschlossen. Obgleich die individuelle Handschrift des Künstlers jeweils sichtbar bleibt, lassen sich hinsichtlich Komposition und Auffassung deutliche Übereinstimmungen dingfest machen. Alle drei Künstler werden die Studiertätigkeit in der freien Natur unter dem mediterranen Himmel als Befreiung von den bislang geltenden bildnerischen Konventionen empfunden haben. Noch vor seiner Abreise nach Italien hatte Reinhold auf einem 1819 entstandenen Gemälde (Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-5661) die Unheil bringende Dimension des Meeres in Form einer stürmischen Küstenszene zur Anschauung gebracht. Wie leblos liegen die Leiber zweier Gestrandeter im Sand, das geborstene Schiff ein Stück dahinter. Untermalt wird das dramatische Szenario von der bewegten See mit ihren bedrohlich hohen Wellen, die sich strandnah türmen. Reinhold steht mit seinen Darstellungen des anbrandenden Meeres am Beginn einer Tradition, die im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts in den berühmten Wellen-bildern Gustave Courbets gipfeln sollte. Dabei hat der Franzose den Wellen eine kompositorische Schlagkraft verliehen, aufgrund derer die Wogen von den Zeitgenossen auch als politische Metapher gelesen wurden. Markus Bertsch Für die Ölstudie liegt eine Leihanfrage vor für die Ausstellung „Heinrich Reinhold“, die 2018 in der Klassik Stiftung Weimar und der Hamburger Kunsthalle stattfinden wird. Heinrich Reinhold (1788 Gera – 1825 Rome) Breaking waves on the coast near Sorrento. 1823 Oil on paper, laid down on canvas. 17,4 x 26,1 cm ( 6 ⅞ x 10 ¼ in.). Inscribed in pencil lower left: Piano[?] di Sorrento d. 18 Juni 23. Inscribed in pen and black ink on the reverse: Nachlaß Heinrich Reinhold. [3384] Provenienz: Estate of the Heinrich Reinhold A loan request has been made in respect of this oil study for the exhibition "Heinrich Reinhold", which will be staged at the Klassik Stiftung Weimar and the Hamburger Kunsthalle in 2018.
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Drawings, watercolours and pastels
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Art du 19e siècle
10719 Berlin - Germany
11/25/2015
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